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Der Mensch in seiner Verletzlichkeit

Auweh! Das schmerzt. Wenn man sich vorstellt, wie dieser vorn übergebeugte kauernde Mann, dieses einander zugewandte nackte Liebepaar, dieses Duo, das sich in die Augen schaut –- wie diese Holzfiguren geschaffen wurden. Hart und schroff und unbarmherzig bohrte sich die »Motorsag« in die Ulme. Was aber heißt hier »sich«? Da war einer am Werk, ein Kräftiger, ein »Hinglanger«, einer, der die »Motorsag«, wie er auf chiemgauerisch sagt, in den Stamm hielt, bis dass die bereits im Kopf Gestalt angenommene Gestalt »ausg'sagelt«, bis sie so unverwechselbar geworden war, wie die Holzskulpturen des Unterwösseners Andreas Kuhnlein eben sind.

Einer von sieben Kuhnlein-Zerklüfteten bei der »Konferenz der Tiere«, Fichtenholzköpfe, bemalt, 2012. (Foto: Hans Gärtner)

Auf der ganzen Welt breiten sie sich aus – bis ins ferne China. Dort soll der Bayer Kuhnlein sogar eine Kunstprofessur innehaben. Hörte man recht? Zuzutrauen wär's ihm. Mut und Schneid hat dieses Unikum von bildendem Künstler. Schneid vor allem. Die passt am besten zu seinem Handwerk, das Aussägen, das Einschneiden. Befreiend sei die Arbeit mit der »Motorsag«, bekennt Andreas Kuhnlein, der mal beim Bundesgrenzschutz diente – und er verrät noch viel mehr in dem 20-Minuten-TV-Film von Roland Schraut, den die Galerie Bezirk Oberbayern in einem Dunkelkammerl während der Kuhnlein-Schau wie ein Perpetuum Mobile laufen lässt.

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Der gratis eingelassene Besucher kann einsteigen, wann er will. Und bleiben, so lang er Spaß hat, diesem seltenen Exemplar von Skulpteur zuzuschauen, wie seine Figuren entstehen, wo er sie am liebsten (in historischen Gemäuern aller denkbaren Provenienzen und Gegenden) aufstellt und was ihm mit seiner besonderen Kunst wichtig ist, die er spontan kreiert, ohne Vorskizzen: dass er sich austoben kann mit der »Motorsag«, dass er, als selbst ernannt emotionsgeladener, ungeduldiger Typ, seine momentane Stimmung mit der »Motorsag« umsetzen kann, dass es ihm auf die Spannung mit alter Kunst ankommt, dass er die Verletzlichkeit des Menschen zeigen und den Baum beseelen möchte.

Und Kuhnlein sagt etwas ganz Lapidares: Aufgabe der Kunst, seiner Kunst (meint er wohl zunächst mal), sei es, Bewegung in die Köpfe der Leut' zu bringen. Da macht er vor der Kirche, für die er vielfach tätig ist und die ihn zu seinen eigenwilligen Kreationen inspiriert, nicht halt: Sie dürfe, sie könne sich aus der Tagespolitik nicht davonstehlen.

In die (bis zum schönen Datum 12. 12. 12 währende) sehenswerte Ausstellung kann man gut auch mit seinen Kindern gehen. Andreas Kuhnlein hat zur bereits zum Topos gewordenen »Konferenz der Tiere« einen (für seine anspruchsvolle Art) gefälligen Beitrag geliefert: Schlange, Tiger, Gockelhahn & Co., »großkopfert« alle und wichtigtuerisch, sind um einen riesigen eisernen Konferenztisch versammelt. Siehe da: In der Mitte schimmert was Goldenes: ein menschlicher Embryo aus Holz. Der »Berührt« – wie die ganze Schau, die so (doppeldeutig) betitelt ist.

»NB: Wer Andreas Kuhnlein persönlich kennenlernen will, sollte den Termin der Finissage notieren: Dienstag, 11. 12., 18 Uhr. Da gibt's dann (endlich) auch den Katalog. Ansonsten merke man die Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag von 8 bis 17 Uhr, Freitag von 8 bis 13 Uhr (Galerie Bezirk Oberbayern, München, Prinzregentenstraße 14. gegenüber dem Haus der Kunst, das guten Grund hätte, auf die kleine, aber feine Bezirks-Galerie neidisch zu sein. Wegen dem Kuhnlein). Hans Gärtner