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Der geplante Absturz

Düsseldorf (dpa) - Es muss ein merkwürdiges Gefühl für die Düsseldorfer Ermittler gewesen sein, die letzten Recherchen des Copiloten der Germanwings-Maschine auf seinem Tablet nachzuvollziehen.

Cockpit der Unglücksmaschine
Blick in das Cockpit des verunglückten Airbus A320: Das Bild entstand am 22. März 2015 nach einem der letzten Flüge vor dem Absturz der Maschine. Foto: Marius Palmen Foto: dpa

Anhand der von ihm eingegeben Suchbegriffe können sie nun zum Teil rekonstruieren, worum sich seine Gedanken in den letzten Tagen vor der Katastrophe gedreht haben. Früher wäre Andreas Lubitz vielleicht in die öffentliche Bibliothek gegangen, hätte Bücher auf- und wieder zugeschlagen und damit keine Spuren hinterlassen, höchstens Fingerabdrücke. Aber bei welchem Buch hätte man als Ermittler da anfangen wollen zu suchen? Bei der Suche im Netz ist es anders.

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Die Staatsanwaltschaft hat herausgefunden, dass sich der Copilot in der dritten Märzwoche über medizinische Behandlungsmethoden und Möglichkeiten eines Suizids informiert hat. Außerdem interessierte er sich für den Sicherheitsmechanismus der Cockpittüren. Das könnte bedeuten: Er wollte sich noch einmal vergewissern, dass sich die Türen wirklich nicht von außen öffnen lassen, wenn sie von innen verriegelt werden. Vielleicht wollte er letzte Zweifel ausräumen.

Die Staatsanwaltschaft warnt vor voreiligen Schlüssen: «Aufgrund des Umfanges der Dokumente und der Vielzahl der Dateien sind weitere Ermittlungsergebnisse in den nächsten Tagen nicht zu erwarten.» Zumindest ein Rückschluss liegt aber nahe: Ganz spontan handelte der Copilot nicht. Der 27-Jährige hat möglicherweise längere Zeit darüber nachgedacht, ein voll besetztes Passagierflugzeug als Suizidmittel zu wählen.

Was man noch nicht weiß - und vielleicht nie wissen wird: Hatte er die Möglichkeit vorher nur erwogen oder hatte er bereits den festen Entschluss gefasst? Wartete er vielleicht seit längerem auf die passende Gelegenheit, hätte es demnach auch einen ganz anderen Flug treffen können? Oder entschloss er sich erst im letzten Moment dazu, umzusetzen, was ihm bis dahin nur hin und wieder im Kopf herumgespukt war?

Ganz unwillkürlich stellt man sich auch die Frage: Hat er denn überhaupt nicht an die anderen gedacht? Darauf gibt es zurzeit keine Antwort. Es ist allerdings so, dass Menschen, die an einer schweren Depression leiden, durch eine Hölle gehen. Einige sind dabei am Ende nur noch von dem Gedanken beherrscht, diese Qual möglichst schnell zu beenden. Ob dies bei dem Copiloten der Fall war, ist nicht bekannt.

Man weiß nur, dass er zumindest früher an einer Depression litt; er hatte darüber die Lufthansa während seiner Ausbildung informiert. Zudem war er mehrere Jahre vor dem Absturz als suizidgefährdet eingestuft gewesen und hatte eine psychotherapeutische Behandlung mitgemacht. Experten warnen allerdings davor, dies überzubewerten: In Deutschland leiden je nach Schätzung zwei bis vier Millionen Menschen an einer Depression. Es gibt sie in sehr unterschiedlicher Ausprägung.

Zehn Tage ist der Absturz nun her, und noch immer ist er das allgemeine Gesprächsthema. Manche finden das übertrieben - im Straßenverkehr kämen schließlich weit mehr Menschen um, sagen sie. Andere haben zumindest bisher immer noch den Vorbehalt geäußert, dass das alles ja nur Vermutungen seien. Bewiesen sei die Täterschaft des Copiloten nicht. Sie ist es auch jetzt nicht. Aber sie ist doch weitaus wahrscheinlicher als alles andere.

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