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Der Bauernschrank hat schon zwei Umzüge mitgemacht. (Fotos: Lisa Schuhegger)

Der Eine-Welt-Laden macht zu

Berchtesgaden – In 31 Jahren ist der »Eine-Welt-Laden« zweimal umgezogen. Vom Kellerkammerl im »Schaitberger-Haus« im Sunklergäßchen ins Salettl im Garten des ehemaligen Nationalpark-Hauses am Franziskanerplatz, von dort in den heutigen Laden im Kurgarten.


Ende März zieht der Laden aus den Räumen der Alpenvereinssektion (DAV) Berchtesgaden aus und nirgendwo anders mehr hin. Die Vorsitzende des »Eine-Welt-Kreises« Berchtesgaden, Annegret Gaffal, und ihr Team geben den Laden mit fair gehandeltem Kaffee, Tee, Kakao und Kunsthandwerk aus vorwiegend Ländern der Südhalbkugel auf. Wo der alte Bauernschrank, den der »Eine-Welt-Laden« von Standort zu Standort mitgenommen hat, dann hinkommt, weiß Annegret Gaffal noch nicht.

Dass sie als Hauptverantwortliche den Laden nach 31 Jahren schließen wird, hat sie schweren Herzens entschieden. Die »Geschäftsaufgabe« fällt der rührig-rüstigen Seniorin nicht leicht. Doch fühlt sie sich allmählich reif für die »Rente«. Der Verein bleibt aber weiter bestehen. Das ist Annegret Gaffal wichtig. Sie möchte die Projekte zur Entwicklungshilfe, die ihr merklich am Herzen liegen, weiter unterstützen. »Die Hilfe besteht fort«, betont sie. Der Verein setzt sich nach wie vor für die Projekte in Afrika, Südamerika, Indien und Europa, Kroatien und sogar hierzulande, ein.

Der Einsatz – circa 510.142 Euro innerhalb der vergangenen 31 Jahre, circa 18.000 Euro 2022 – kommt zusammen aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und dem Überschuss des »Eine-Welt-Ladens«. 6000 Euro Gewinn machte der Eine-Welt-Laden in 2022. »Die fehlen halt dann«, stellt Annegret Gaffal mit Sorgenfalten auf der Stirn fest.

Mit ihrem Mann Franz Gaffal überlegt sie, wie der »Eine-Welt-Kreis« es anstellen könnte, dass er die Summen nicht kürzen muss. »Ich werde neue Mitglieder anwerben«, ist die 81-Jährige entschlossen. Die Mitgliedschaft kostet 35 Euro, für Schüler 18 Euro. Und Spenden sind natürlich immer willkommen. Seine Projekte lässt der »Eine-Welt-Kreis« also nicht im Stich. Doch wie geht es mit dem Vereinsleben weiter und was passiert mit dem Laden? Zunächst: Annegret Gaffal wird dem »Eine-Welt-Kreis«, der aktuell 110 Mitglieder zählt, weiter vorsitzen und sieht ein bis zwei Veranstaltungen im Jahr vor. »Früher habe ich in der Marktbücherei Berchtesgaden Diavorträge über meine Reisen in Entwicklungsländer gehalten. Ich bin in die Schulen gegangen und habe auf das Leben in den Entwicklungsländern aufmerksam gemacht.« Annegret Gaffal hat über 30 Jahre Einsatz gezeigt, um einen Beitrag zu leisten für lebenswürdige Verhältnisse auf der ganzen Welt. Künftig will die quirlige Seniorin etwas kürzer treten. »Aber mein Alter ist nicht der Hauptgrund«, gibt die 81-Jährige an. Vielmehr hätten die Folgen der Coronapandemie, Umsatzeinbußen und Lieferverzögerungen der Waren, und die Schwierigkeit, die Öffnungszeiten aufrechtzuerhalten, zur Geschäftsaufgabe geführt. Außerdem habe sich aus dem 15- bis 18-köpfigen »Eine-Welt-Laden«-Team niemand gefunden, der den Laden hauptverantwortlich weiterführen möchte. »Die meisten sind im Rentenalter und die Jungen müssen zusehen, dass sie Geld verdienen«, zeigt Annegret Gaffal Verständnis.

Also macht der Laden zu. Der »Mietvertrag« (Anm. d. Red.: Der Verein muss nur die Nebenkosten bezahlen) ist gekündigt. Die Ware, die nicht mehr verkauft wird, will Annegret Gaffal »Eine-Welt-Läden« im Landkreis geben. »Das wird vor allem Handwerkskunst sein«, vermutet sie. Die Lebensmittel gehen gut. Vor allem Kaffee, Wein und Tee sowie die Berchtesgadener Schokolade wandere oft über den Ladentisch. Annegret Gaffal hat damit auch immer die Geschenkkörbe, die sie im Auftrag der Marktgemeindeverwaltung zusammengestellt hat, bestückt. »Das wird künftig jemand anders tun müssen«, bemerkt und wirkt ein bisschen traurig. Und Geschäfte und Gastronomie in der Umgebung, für die sie bei den Handelspartnern Waren bestellt, werden sich selbst darum kümmern müssen. »Dann kommen die Paletten nicht mehr in Bischofswiesen an.« Und was passiert mit dem Bauernschrank? Der hat Annegret Gaffal mit dem Laden 31 Jahre lang begleitet. Hoffentlich findet der Schrank einen Platz im Hause Gaffal, um ein paar Erinnerungsstücke unterzubringen.

31 Jahre Fairer Handel in Berchtesgaden

• 1991 reisten sieben Berchtesgadener, darunter Annegret und Franz Gaffal und Dieter Bobek, mit einer Gruppe des Dekanates Traunstein nach Tansania. Nach der Reise traf sich die Berchtesgadener Gruppe, um Fotos anzusehen und Erinnerungen auszutauschen. Die Reise berührte. »Die Menschen dort sind so arm und fröhlich«, schildert Annegret Gaffal ihren Eindruck von den Afrikanern. Die Gruppe überlegte, wie sie helfen könne. Daraufhin gründete sich der »Eine-Welt-Kreis« der ein Jahr später, am 16. Mai 1992, den ersten und bislang einzigen »Eine-Welt-Laden« in Berchtesgaden aufmachte. Im Schaitberger-Haus im Sunklergäßchen verkauften Ehrenamtliche aus einem alten Bauernschrank Faire Waren, vor allem Lebensmittel von Genossenschaftsbauern aus Ländern der Südhalbkugel. Der erste erwirtschafteten Verkaufsüberschuss floss nach Tansania in einen Wasserleitungsbau in Bulima und nach Brasilien in den Dachbau eines Waisenhauses.

• 1994 fand der Eine-Welt-Laden mit Unterstützung des ehemaligen Leiters des Finanzamtes, Adalbert Bauer, und des ehemaligen Leiters des Nationalparks Berchtesgaden, Dr. Hubert Zierl, eine neue Verkaufsfläche im Salettl im Garten des Nationalpark-Hauses am Franziskanerplatz. »Wir haben die Mülltonnen aus dem Salettl geräumt und sind zum Ikea nach München gefahren. Da haben wir die billigsten Regale gekauft«, erinnert sich Annegret Gaffal. Mit »wir« meint sie Dieter Bobek, ihren Mann Franz und sich selbst. »Unter welchen Bedingungen die produziert worden sind, darüber haben wir uns keine Gedanken gemacht«, lacht sie. Das »Eine-Welt-Laden«-Team sei einfach froh gewesen, ein richtiges Ladengeschäft zu haben. Der Laden war klein. »Sechs Quadratmeter vielleicht«, schätzt Annegret Gaffal. »Aber die vielen Fenster waren schön.«

• 2013, als der Nationalpark Berchtesgaden umzog ins neu erbaute »Haus der Berge« und die Caritas Berchtesgadener Land ins Franziskanerkloster einzog, brauchte der »Eine-Welt-Laden« eine neue Bleibe. Dank Bürgermeister Franz Rasp (Berchtesgaden) und des Vorsitzenden des DAV Berchtesgaden, Beppo Maltan, konnte der Verkaufsraum im Kurgarten bezogen werden.

• Ende März 2023 schließt der Eine-Welt-Laden im Kurgarten. Der »Eine-Welt-Kreis« besteht weiter. li

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