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Der die »Heilige Nacht« seit 20 Jahren lebt

Schönau am Königssee – Von Routine will Hans Stanggassinger auch nach 20 Jahren nichts wissen. Im Gegenteil: Jede »Heilige Nacht«-Aufführung in der Kirche St. Bartholomä ist für den Berchtesgadener, der seit zwei Jahrzehnten Motor und Sprecher dieses Kulturschmankerls ist, eine neue emotionale Herausforderung. Die Weihnachtslegende von Ludwig Thoma, die Stanggassinger mit fesselnder Stimme vorträgt, die berührenden musikalischen Volksmusikeinlagen, die Stille, die der Organisator vom Publikum immer wieder einfordert, und im Anschluss ein mehrgängiges Menü in der historischen Gaststätte haben bislang rund 30 000 Teilnehmer begeistert. Sie spürten hautnah, was Hans Stanggassinger auch im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« betont: »Ich lese die Weihnachtslegende nicht, ich lebe sie.«

Seit 20 Jahren ist Hans Stanggassinger (l.) Sprecher und Motor der »Heiligen Nacht«-Lesung in St. Bartholomä. Genauso lange kann er auf die Unterstützung regionaler Volksmusikgruppen zurückblicken, hier der Traunviertler Dreigesang und die Junge Grödiger Soat’nmusi. Fotos: privat

20 Jahre sind vergangen, seit Hans Stanggassinger die »Heilige Nacht« erstmals zur Aufführung brachte. Das erste Mal ging das adventliche Kulturschmankerl mit Unterstützung von Sepperl Graßl von den Alten Ramsauer Sängern und Pfarrer Max Bräutigam in der Ramsauer Kunterwegkirche über die Bühne. Während der Vorbereitungen wuchs die Idee, die Weihnachtsgeschichte mit Musik noch im selben Jahr in St. Bartholomä anzubieten. Weil die Zusage des damaligen Kurdirektors Ernst Wittmann erst am 9. November einging, blieb nicht mehr viel Zeit für die Vorbereitung. Doch mit Unterstützung von Karin Mergner sollte alles noch reibungslos funktionieren.

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Schätzungsweise über 30 000 Teilnehmer haben Hans Stanggassinger und seine zahlreichen Helfer bis heute bei dem Kulturschmankerl begeistert. Rund 150 Gäste pro Veranstaltung erleben eine entspannende Bootsfahrt mit besinnlichen und erläuternden Beiträgen von Hans Stanggassinger, einen emotionalen Fackel- und Musikempfang in St. Bartholomä mit Glühweinausschank, eine besinnliche Weihnachtsgeschichte mit beglückenden Musikeinlagen in der Wallfahrtskirche und ein kulinarisches Schmankerl im Anschluss.

»Ich habe viele Gäste, die kommen immer wieder«, sagt Hans Stanggassinger. Ein Holländer war beispielsweise schon zum fünften Mal dabei. Auch ein Ehepaar aus Kiel hat die »Heilige Nacht« in St. Bartholomä schon fünfmal miterlebt. Am Wochenende sind die beiden extra aus dem hohen Norden angereist und haben ihren Sohn mitgebracht. Manche Gäste konnte Hans Stanggassinger sogar bis zu 16-mal begrüßen.

Während sich die Gäste bei der vier- bis fünfstündigen Veranstaltung gut entspannen können, ist bei Hans Stanggassinger und seinen Interpreten volle Konzentration angesagt. »Es ist eine anstrengende Zeit, doch es macht auch riesig Spaß«, sagt der Berchtesgadener. Insgesamt 16-mal liest er an den Adventswochenenden die »Heilige Nacht« – achtmal für die Tourismusregion Berchtesgaden-Königssee und achtmal für die Touristinfo Schönau am Königssee. Jeweils zweimal samstags und sonntags muss er vollen Einsatz bringen und verlangt diesen auch von seinen Leuten.

»Ich habe in den letzten Jahren große Unterstützung von Volksmusikanten und Sängern aus der Region bekommen«, sagt Hans Stanggassinger. Genannt seien hier nur die Wimhäusl Dirndln, der Auzinger Zwoagsang, die Jungen Ramsauer Sänger, die Stoaberg Sängerinnen, die Geschwister Hallinger, die Dürrnberger Bläser oder die Mitterberg Weisenbläser. »Damit die Musik zu den Textpassagen passt, haben wir sie teilweise gesplittet«, erklärt Hans Stanggassinger. Und die Musiker kennen ihren Einsatz genau. »Das muss exakt passen, sonst wirkt es nicht«, weiß der Organisator. An die Veranstaltung angepasst werden musste auch die Weihnachtsgeschichte von Ludwig Thoma. Hans Stanggassinger hat sie zusammen mit Fritz Resch überarbeitet und einige Passagen gestrichen.

Und wenn nicht gelesen und musiziert wird, dann ist es in der Kirche auch einmal mucksmäuschenstill. »Das verlange ich vom Publikum«, erzählt Stanggassinger. Handys, Fotografieren und Applaus sind nicht erlaubt – nicht einmal zum Schluss. Denn was könnte einen besseren Schlusspunkt hinter einem so emotionalen Ereignis setzen als der Andachtsjodler, der mitgesungen werden darf? Anschließend verlassen 150 gerührte Teilnehmer in großer Ergriffenheit und Ruhe die Kirche.

Den verdienten Applaus erhalten die Akteure dann anschließend im Wirtshaussaal, wo noch einmal kurz musiziert wird. Dann endlich dürfen die Gäste kulinarisch genießen und ratschen. »Schließlich müssen die Leute das alles ja erst einmal verarbeiten«, weiß Hans Stanggassinger. Jetzt, im Wirtshaussaal, hat der Sprecher des Abends auch einmal etwas Zeit, um sich bei seinen Mitstreitern zu bedanken. Da wären die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von TRBK und Touristinfo, der rührige Oberkellner Alfred oder die Beschäftigten der Königssee-Schifffahrt, die laut Stanggassinger »immer tatkräftig helfen«. Keine Frage ist es für sie beispielsweise, dass sie auch einmal einen Rollstuhlfahrer über die Treppe hinauf in den Wirtshaussaal tragen.

Ein wenig stolz ist Stanggassinger schon, dass die »Heilige Nacht« in 20 Jahren immer weiter gewachsen ist – nicht vom Umfang, sondern von der Qualität her. »Ich habe immer darauf geachtet, dass daraus kein Remmidemmi wird«, betont der Kulturexperte. Schließlich hätte sich allzu leicht eine gewisse Eigendynamik mit Glühwein in der Kirche entwickeln können. Doch da wäre für Hans Stanggassinger die Grenze des guten Geschmacks eindeutig überschritten.

Alle Termine für die »Heilige Nacht« in St. Bartholomä sind in der Regel frühzeitig ausverkauft – so auch heuer. Eine kostenlose Gelegenheit, das Kulturschmankerl zu erleben, ergibt sich allerdings am Mittwoch, 11. Dezember, um 19 Uhr im »Haus der Berge«, diesmal mit der Familienmusik Auzinger. Oder man besorgt sich gleich Karten für das Jahr 2014, was bereits möglich ist. Denn die nächste »Heilige Nacht« kommt gewiss. Ulli Kastner