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»Der bedrohte Mensch« und »Nocturnes«

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»Der bedrohte Mensch« von Konrad Kurz und »Nocturnes« von Heinrich Stichter in der Städtischen Galerie Traunstein. (Foto: Morgentroth)

Die derzeitige Ausstellung in der Städtischen Galerie Traunstein präsentiert noch bis zum Sonntag gegenständliche Modellierungen des Bildhauers Konrad Kurz aus Petting und abstrakte Malerei und Zeichnungen des Traunsteiner Malers Heinrich Stichter. Dazu findet am Sonntag um 15 Uhr eine abschließende Führung mit der Galerieleiterin Judith Bader und den Künstlern statt.


Von Konrad Kurz fesselt den Betrachter die Installation »Der bedrohte Mensch« von Heinrich Stichter die Malerei mit dem Thema »Nocturnes« Variationen. Zwei extreme Grundpositionen bestimmen die gezeigten Exponate: Abstraktion und Gegenständlichkeit. Vor dem Eingang im ersten Stock zum eigentlichen Ausstellungsraum kündigen die auf der rechten Wandseite platzierten Zeichnungen bereits den Künstler an, der im ersten Stock seine Werke zeigt. Es sind dies die großformatigen Arbeiten in Mischtechnik von Heinrich Stichter.

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In der Mitte des Raumes aufgestellt der »Gepanzerte Kopf« in Bronze poliert von Konrad Kurz. Man könnte annehmen, er sei Betrachter und Wächterder Stichter'schen Bilder zugleich. In den ausgestellten Werken, die nicht älter als drei Jahre sind, sind teils Spuren von Widerständen und Auseinandersetzungen, die den Werken den Charakter eines Dramas oder Schicksals verleihen, spürbar. Andererseits aber sehen wir eine Formensprache, welche die klare rationale »Bildtradition« fortsetzt. Zwischen diesen beiden extremen Polen pendelt das Ausdrucksvokabular, ohne aber je gänzlich völliger Einseitigkeit zu verfallen. Stichter steht für Neues und Erfindung, dabei geht er in seinem Schaffen jeweils einen Weg zu Ende, um dann einen weiteren ebenso konsequent einzuschlagen. Immer bis an die äußerste Grenze zu gehen, so scheint es, ist sein Prinzip. Die archaische Kraft der Darstellung mit all ihrer dunklen und hellen Leidenschaft in seinen ausgestellten Exponaten ruft beim Betrachter nicht nur eine optische, sondern auch eine seelische Reaktion hervor.

Ein sehr betroffene Stimmung und Reaktion rufen noch im gesteigerten Maße die Installation »Der bedrohte Mensch« von Konrad Kurz im zweiten Stock sowie auch die vor dem Betreten des Galerieraumes aufgestellten Objektkästen an der rechten Wandseite mit den Titeln »Atombrutkasten« hervor, die im Zusammenhang mit der Installation stehen. Obwohl diese Arbeiten vor drei Jahrzehnten entstanden sind, führen sie den Ausstellungsbesucher in die Realität der Gegenwart und zeigen unmissverständlich die Gefahr, die Bedrohung, die Gewalt, Zerstörung und Not, die die Menschen über die Natur oder vom Menschen selbst erfahren.

Die Installation und ihre dazugehörigen Objektkästen stehen kreuzförmig angeordnet wie ein Mahnmal im Raum und machen dem Besucher bewusst, in welcher Zeit wir leben. Auch die zwei Bilder von Heinrich Stichter mit der Rückfigur von Konrad Kurz tragen dazu bei, sich mit dem Thema, das vielfach ignoriert wird, kritisch auseinanderzusetzen.

Im Schaffen von Konrad Kurz nimmt der Bronzeguss einen dominanten Stellenwert ein, jedoch arbeitete er bei den ausgestellten Werken mit anderen Materialien, z. B. mit Gips, Wachs und Sanitätsbandagen. Die plastische Installation zeigt auf schwarzer Folie männliche und weibliche Körperhüllen ohne Gesichter am Boden auf dem Bauch oder Rücken liegend – fragmentiert, indem ihnen einzelne Körperteile fehlen. Der Tod geht in diesen Arbeiten als unsichtbarer Begleiter mit und bringt das Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Gesellschaft, Politik, Religion und Wissenschaft auf grausame Weise zum Ausdruck, er lässt Spekulationen und Interpretationen offen. Die Gestalten verkörpern Hilflosigkeit und Vergänglichkeit, künden vom Tode und erzeugen Empfindungen, die mit dem heutigen Verhältnis zum Leiden, zum Tode, zum Überleben in der Erinnerung zu tun haben.

Kunst ist zu sehr mit dem Leben involviert, als dass sie den Gedanken des Todes aussparen kann. Kurz verdeutlicht dies in seinen Objektkästen an der Rückwand des Raumes, in denen er den anonymen toten Gestalten ein individuelles Gesicht gibt. Es berührt die Sprache dieser Gesichter: Er entschärft in seiner Modellierung aus Wachs die Physiognomie des Sterbenden, negiert die Spuren des Todeskampfes. Auf die zur Kontemplation verleitende Geschlossenheit der zwei Galerieräume antwortet eine wohldosierte Dynamik, die durch die Platzierung der Werke erzeugt wird. Ruhe und Bewegung, konzentrierte Betrachtung und das »Verstehen im Gehen« werden in ein Gleichgewicht gebracht. Die überlegte Ausgewogenheit der Präsentation macht die Ausstellung nicht nur zu einer Galerie für Bilder, Objekte und Installationen sondern auch für die Menschen.

Die Ausstellung ist noch am Donnerstag und Freitag von 15 bis 18 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Gabriele Morgenroth