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»Denkende Bauern sind nicht erwünscht«

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Sie lieben ihren Beruf und ihre Tiere, doch sie sind ratlos, wie es weitergehen soll: Liesi und Albert Aschauer in ihrem Stall in Gumperting. (Foto: Mergenthal)

Teisendorf/Petting – Kleinbäuerliche Strukturen und mehr Öko: Die Politik will es, der Verbraucher fordert es. Zwei landwirtschaftliche Betriebe aus Gumperting und Petting mit einer für die Region typischen Größe mit etwa 15 Milchkühen haben auf Bio umgestellt, doch sie stehen nun mit dem Rücken zur Wand.


Beide fanden keine Molkerei, die ihnen ihre Milch zum Biopreis abnimmt. Maria und Georg Mayer aus Petting hören deshalb Ende des Monats schweren Herzens mit der Landwirtschaft auf.

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Auch Familie Aschauer in Gumperting bei Teisendorf kämpft, was ihre Landwirtschaft betrifft, ums Überleben. »Wir haben den Betrieb von unseren Vorfahren bekommen und würden ihn gern weiterführen. Aber so, wie es jetzt ist, geht es nicht«, sagt Liesi Aschauer, Kreisvorsitzende des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM) im Berchtesgadener Land. Man spürt bei einem Besuch im Stall die Wertschätzung und Zuneigung zu den Tieren. Der ganze Stolz der Familie sind zwei Kuhkälber, die sechswöchige Irmi und die jüngst auf der Weide geborene Emma. Anders wie die anderen Kälber in der derzeit gut frequentierten »Kinderstube« werden sie nicht auf dem Kälbermarkt verkauft, sondern dienen für die betriebseigene Nachzucht.

Die acht größeren Kälber genießen ihre »Sommerfrische« mit eigenem Unterstand an der Sur. Die Milchkühe grasen täglich mindestens sechs Stunden auf den stallnahen Weiden. Im Stall können sie sich an der Massagebürste entspannen. »Sie geben dann auch besser Milch«, erklärt Liesi Aschauer.

2017 war Biomilch-Markt noch aufnahmefähig

Ihr Dilemma begann 2016: Damals stellten die beiden Höfe in Petting und Gumperting um auf die Biomilchproduktion bei »Naturland« bzw. bei »Bioland«; damals schien der Markt noch aufnahmefähig. Ab November 2017 hätten sie ihre Biomilch liefern dürfen. Aber: Sie fanden keinen Verarbeiter. Im Dezember handelten die Milcherzeugergemeinschaften Traunstein und Rosenheim dann mit der »Berliner Milchhandels-Gesellschaft« (BMG) einen Vertrag aus: Sie kaufte ab 1. Januar Bio-Milch von zertifizierten Ökobauern der Region. Die BMG-Insolvenz Anfang März traf die Betriebe dann wie ein Donnerschlag.

Und wieder suchten die beiden Bauernfamilien verzweifelt nach einem Abnehmer für ihre Milch. Die regionale Pidinger Molkerei hat aber eine lange Warteliste, auf der mehrere Dutzend Biomilcherzeuger stehen; neue Landwirte werden frühestens im Herbst 2019 aufgenommen, schildert es Aschauer. Schließlich kamen die Milcherzeuger aus Gumperting und Petting »notdürftig« bei der Waginger Molkerei Bergader unter, an die sie auch vor der Umstellung geliefert hatten. Aber sie erhalten nur den Literpreis für konventionelle Milch abzüglich von drei Cent, weil Bergader mit der Milch aus der BMG-Pleite nicht gerechnet hatte. Unter dem Strich 32 Cent. Albert Aschauer: »Uns fehlen 15 Cent pro Liter.« In ihrer Not schrieben die Familien einen Brief an Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber und warten schon länger auf Antwort. »Die Banken und die Autoindustrie werden auch unterstützt«, zeigt sich Liesi Aschauer enttäuscht von der Politik.

Umstellung auf Biomilch Herzensangelegenheit

Die Umstellung auf Bio war für sie Herzensangelegenheit und Überzeugungssache, zumal die Zeit für eine Richtungsänderung wegen des Klimawandels dränge. »Die Landwirtschaft muss einfach anders werden. Wir brauchen keine Politik mehr, die auf der Stelle tritt.« Nur ein kleiner Trost ist es für sie und ihre Kollegen, dass der Bayerische Landtag im November 2017 ein – schon lang vom BDM angeregtes – Instrument zur Mengenkontrolle von Milch in Krisenzeiten beschloss. Weitere solche Beschlüsse deutschland- und EU-weit müssten zur Umsetzung rasch folgen.

Liesi Aschauer und Maria Mayer, stellvertretende BDM-Kreisvorsitzende in Traunstein, vermuten, dass ihr politisches Engagement in ihrem Verband vielen ein Dorn im Auge ist und dass sie deshalb keinen Biomilch-Abnehmer finden. »Wir haben keine Möglichkeit, uns gegen die Molkereien zu wehren, weil das ganze System so krank ist«, stellt Aschauer ernüchtert fest.

Fünf ihrer vorher 17 Milchkühe haben Maria und Georg Mayer bereits hergegeben. Bis Ende August werden zehn weitere abgeholt. »Das tut sehr weh«, sagt Maria Mayer. »Man zieht die Viecher auf, man lebt mit den Viechern, und wenn de außi geh'n bei der Tür des is' furchtbar.« Zwei Kühe behalten sie vorerst noch, um Milch für ihre Kälber zu haben. Der Verkauf der Kühe wird über den Zuchtverband abgewickelt.

Froh, dass Tiere nicht geschlachtet werden

Das Ehepaar Mayer ist einerseits froh, dass ihre Tiere nicht geschlachtet werden müssen, sondern bei einem anderen, größeren Biobetrieb unterkommen. Andererseits ist den beiden der Sinn dahinter schleierhaft: Dort würden ihre Kühe weiterhin gemolken werden, und nun könne die Biomilch derselben Kühe, die, als sie noch aus dem Pettinger Stall kam, zu viel war, ohne Probleme in den Markt fließen. »Das ist schon bedrückend«, bilanziert Maria Mayer. Ihr persönlicher Eindruck: »Wir sind jetzt geopfert worden, um die anderen Bauern ruhig zu halten. Sie sollen kuschen, aus ihren Verbänden rausgehen. Denkende Bauern sind glaube ich nicht erwünscht. Mein Mann denkt genau so.«

Maria Mayers Herz schlägt trotzdem weiter für die kleinen Milchbauern. Sie hofft, dass nicht immer mehr Milchbauern so sprechen müssen wie ein Kollege, von dem sie kürzlich den Satz hörte: »Seit ich nicht mehr melke, habe ich wieder Geld in der Tasche.« Und Liesi Aschauer bedauert, dass es angesichts voller Ladenregale in der Öffentlichkeit komplett untergeht, wenn wieder einer aufhört.

Ihre eigenen Kinder, heute 22 bis 28 Jahre alt, hätten viele Jahre zurückstecken müssen, etwa beim Urlaub, erzählt sie. Doch allmählich denkt die junge Generation um; das gibt ihr Hoffnung. Sie zitiert ihre zweitälteste Tochter Anna (27), die kürzlich Tante geworden ist: »Für die Kinder ist es doch am schönsten, wenn sie auf dem Bauernhof groß werden.« Veronika Mergenthal