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Den interkulturellen Dialog für den Frieden fördern

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George Halis aus Palästina, Snoor Hana Saeed aus Bosnien-Herzegowina in ihrer Landestracht und Asher Rottenberg aus Israel (von links) waren Teilnehmer bei der Sommerakademie von »Wings of Hope« in Ruhpolding. (Foto: Giesen)

Ruhpolding – Zum zehnten Mal veranstaltete die Stiftung »Wings of Hope« (Flügel der Hoffnung) ihre alljährliche internationale Sommerakademie auf dem Labenbachhof. 24 junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 27 Jahren nahmen daran teil, um für eine friedliche Lösung von Konflikten in ihrer Heimat zu arbeiten. Sie kamen aus der kurdischen Region des Iraks, aus Palästina, Israel, Bosnien-Herzegowina und Deutschland.


In allen diesen Ländern gibt es eine lange Geschichte von Krieg und Gewalt. Bei ihrem Aufenthalt arbeiten die jungen Leute deshalb daran, die unterschiedlichen Kulturen und Religionen in ihrer Heimat besser zu verstehen – besonders die jeweils andere Seite – und Wege aus dem Konflikt zu finden. Ziel ist es, dass sich die Teilnehmer nach ihrer Rückkehr ins Heimatland in ihrer Gesellschaft engagieren und so zu Multiplikatoren für ein friedliches Miteinander werden.

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Bisher nahmen mehr als 250 junge Menschen teil

»Wings of Hope« ist eine 2003 gegründete Stiftung der evangelischen Kirche, die besonders traumatisierten Kindern und Jugendlichen aus den Kriegsgebieten helfen möchte. Seit Oktober 2010 gibt es auf dem Labenbachhof in Ruhpolding das Traumahilfezentrum, wo neben den Aus- und Fortbildungen für Menschen aus helfenden Berufen auch schwer traumatisierte Kinder aus den Kriegsgebieten von ausgebildeten Traumatherapeuten betreut werden. Die Sommerakademien finden hier schon seit 2007 statt, sodass bisher mehr als 250 junge Menschen daran teilnahmen.

Die diesjährige Sommerakademie stand unter dem Motto »The seeds of the moment are the trees of the future« (Die Samen des Augenblicks sind die Bäume der Zukunft). »Es beginnt immer damit, dass wir eine Bergtour auf die Hörndlwand machen und in der Hütte der Bergwacht Ruhpolding übernachten dürfen – dafür sind wir sehr dankbar«, erzählt Traumapädagogin Martina Bock von »Wings of Hope«, die zusammen mit Elvir Causevic aus Sarajewo und weiteren fünf Personen im Leitungsteam das Seminar führte. Dieser Ausflug dient dem gegenseitigen Kennenlernen und habe schon für viele unvergessliche Erlebnisse gesorgt.

Jeder Tag beginnt mit einem »interreligiösen Impuls« zu einem bestimmten Thema wie Frieden oder Freiheit. Daran nehmen alle teil. Danach wird in kleinen Gruppen gearbeitet.

»Gemeinsam etwas Neues machen«

In der ersten Woche stellen die jungen Menschen den anderen ihre Kultur und die Situation in ihrem Heimatland vor. Sie erfahren vom Leid der anderen und beginnen zu verstehen, dass nicht nur sie selbst leiden. »Wenn Menschen sich bewusst werden, dass nicht nur sie selbst, sondern auch andere leiden, dann haben sie die Chance, aus ihrer Opferrolle auszusteigen, aufeinander zuzugehen und gemeinsam etwas Neues zu machen«, erklärt Traumapädagogin Martina Bock. Es wird viel diskutiert, wobei die Umgangssprache immer Englisch ist. Manchmal kämen bei der intensiven Gruppenarbeit auch heftige Emotionen und Aggression auf, aber mit der Zeit würden die Jugendlichen lernen, zwischen dem Menschen und seiner Position zu unterscheiden, so Bock weiter. Verstanden wird, dass es keine objektive Wahrnehmung gibt, sondern jeder Einzelne seine Identität hat und die Wahrheit subjektiv erfährt.

Immer steht auch ein Besuch im ehemaligen Konzentrationslager in Dachau auf dem Programm. Die Teilnehmer lernen die Geschichte der Deutschen im sogenannten Dritten Reich kennen und welche psychischen und konkreten Auswirkungen dieses »kollektive Trauma« bis heute hat.

Mitglied im Leitungsteam ist seit mehreren Jahren auch Sophia Renner, deren Vater Winfried Renner Bereitschaftsleiter bei der Bergwacht Ruhpolding ist. Über die Bergwacht und ein Praktikum lernte sie »Wings of Hope« kennen und ist bis heute fasziniert von dieser Arbeit, sodass sie auch das Fach Friedens- und Konfliktforschung studierte. »Die Idee dahinter ist, dass Erinnerungsarbeit für Aussöhnung und einen friedlichen Aufbau der Gesellschaft so wichtig ist«, sagt Sophia Renner. Bei den politischen Konflikten werde der Mensch oft vergessen. Hier könnten die Jugendlichen zum Beispiel erleben, dass »der aus dem anderen Lager« die gleiche Musik hört oder die gleichen Probleme hat wie er selbst.

Starke emotionale Beziehungen sind entstanden

»Ich habe viel über mich selber erfahren und kann jetzt andere auch besser verstehen«, sagt Asher Rottenberg (27) aus Israel im Gespräch mit unserer Zeitung. Das bestätigten auch der Palästinenser George Halis (22) und Snoor Hana Saeed (24) aus Bosnien-Herzegowina, die erstmals im Ausland war. Alle drei sind begeistert von der schönen Umgebung am Labenbachhof und würden gerne nochmal an einer Sommerakademie teilnehmen. Bei einer fröhlichen Abschiedsfeier wurde deutlich, dass die Teilnehmer eng zusammen gewachsen sind und sich starke emotionale Bindungen ergaben. gi

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