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Definition des Begriffs »Mitleid« auf der Bühne

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Viel Abfallholz und eine Glasvitrine im Hintergrund prägen das Bühnenbild der Aufführung im Schauspielhaus. Auf unserem Bild (von links) Theo Helm als Doktor Condor, Matthias Hinz als Anton Hofmiller und Kristina Kahlert als Edith. (Foto: Schauspielhaus/Jan Friese)

Ein, mit der Situation ganz hoffnungslos überforderter, junger Mann, eine behinderte, junge Frau: das Setting, mit dem Stefan Zweig in seinem Roman »Die Ungeduld des Herzens« aufforderte, den Begriff »Mitleid« zu definieren.


Patschert war es von dem jungen Leutnant Anton Hofmiller, der hineingeschneit war in eine bessere Gesellschaft, die Tochter des Hausherrn zum Tanz aufzufordern. Die junge Dame ist, was er nicht ahnen hatte können, querschnittgelähmt. Den Fauxpas will der junge Mann ausmerzen, indem er Edith oft und oft besucht. Er provoziert in ihr Liebe, ohne das wirklich zu wollen, und er wird zum Spielball des Vaters und des Arztes, die seine Wirkung auf Edith instrumentalisieren. Er, der reine Tor, wird schließlich als der moralisch Schuldige dastehen, wenn Edith sich vom Turm stürzt. Verzweifelt wird er in den ersten Weltkrieg ziehen – und dann weiterleben, weil was ist schon dieses eine Todesopfer gegen die vielen, die der Erste Weltkrieg gefordert hat?

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Dass Thomas Jonigk in seine, in den vergangenen Jahren oft aufgeführte, Dramatisierung auch Geschichts-Lektionen eingebracht hat, war nette Fleißaufgabe. Es ist aber nicht zwingend. In Rudolf Freys Salzburger Inszenierung wird diese Komponente auch nicht überbewertet. Frey lässt den Abend mit dem durch Qualtinger berühmt gewordenen »Krüppellied« beginnen. Süffisant singt das Bürger-Grüppchen, das wie ein Relikt aus der »Welt von Gestern« dasitzt, die Moritat. Aus diesen Leuten werden flugs die Figuren aus Zweigs Roman. Frey entwirft das Spiel als eine Art Choreografie, die in genauer Personencharakterisierung gründet. Wie die Protagonisten einander nähern, berühren, abtasten – das hat etwas Artifizielles und will Abhängigkeiten sichtbar machen.

An solchen mangelt es nicht in der Geschichte. Matthias Hinz ist Anton Hofmiller, der zur gelähmten Geliebten kommt wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind. Das Psychogramm eines als Persönlichkeit noch nicht Ausgereiften, psychisch hoffnungslos Überforderten zeichnet er präzise und nachvollziehbar. Kristina Kahlert als Edith ist ihm eine starke Gegenspielerin. Diese junge Frau ist hellsichtig, hypersensibel registriert und diagnostiziert sie die Absichten der Menschen in ihrer Umgebung. Kristina Kahlert findet viele Zwischentöne für die inneren Spannungen der Behinderten und man nimmt ihr ab, dass ein Funke genügt, um in dieser jungen Frau Lebensgeister zu wecken. Sie wird von geweckten falschen Hoffnungen zerstört.

Olaf Salzer (Herr Lojos von Kekesfalva) und Theo Helm (Doktor Condor) finden dankbare Möglichkeiten vor als unbeholfene Drahtzieher, die sich ja auch am liebsten aus dem Staub machen würden angesichts Ediths Lebenstragödie. Alexandra Sagurna (Ilona) bleibt in der Dramatisierung Nebenfigur, wird von der Regie aber als präsente Begleiterin aufgewertet. Christiane Warnecke – Frau Engelmayer – schließlich ist nicht minder allgegenwärtig, Erzählerin, Stichwortbringerin, in entscheidenden Phasen auch angriffslustige Bloßstellerin.

Bemerkenswert also die Figurenzeichnung, vor allem aber auch die Zwischentöne, mit denen die Regie aller latenter Klischeehaftigkeit gegensteuert. Und die Sprechtechnik ist in dieser Aufführung gut wie schon lange nicht im Schauspielhaus. Vincent Mesaritsch hat ein Bühnenbild geschaffen aus viel Abfallholz und einer zentralen Glasvitrine, einer Art überdimensionalem Puppenhaus. Sehr sinnfällig für all das unaufgeräumte Unheil.

Aufführungen finden bis bis 22. April statt, Karten gibt es unter www.schauspielhaus-salzburg.at. Reinhard Kriechbaum