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Das »Signum Saxophone Quartet« präsentiert beim vierten Traunsteiner Sommerkonzert überraschende Hörgenüsse

Das Saxophon – ein Instrument für ganz große Gefühle

Etliche Musikfreunde wird die Ankündigung, ein Saxofonquartett spiele zeitgenössische Musik während der Traunsteiner Sommerkonzerte, erst einmal eher abgeschreckt haben, aber genug andere waren neugierig und kamen trotzdem, weshalb die Klosterkirche überraschenderweise rappelvoll war. Und aus dem überschwänglichen Beifall, den die überaus sympathischen Musiker des »Signum Saxophone Quartets« bekommen haben, konnte man schließen, dass das auch keiner im Publikum bereuen musste.

Die Traunsteiner Sommerkonzerte sind immer wieder einmal für eine Überraschung gut: heuer gelang dies mit dem »Signum Saxophone Quartet«. (Foto: B. Heigl)

Das Traunsteiner Publikum ist für seine Fachkenntnis und Neugier dieser Tage sogar vom Kulturkritiker und SZ-Redakteur Egbert Tholl ordentlich gelobt worden. Zu Recht, und schön, dass die Veranstalter der zum 32. Mal stattfindenden Reihe den Zuhörern das auch zutrauen.

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Am Beginn des Konzerts stand Edvard Griegs »aus Holbergs Zeit«, op. 40 auf dem Programm, also erst einmal nichts Wildes, sondern eher schon ein pastorales und sehr harmonisches Klangbild, das von den vier Musikern (Bla˘z Kemperle, Sopransaxophon, Erik Nestler, Altsaxophon, Alan Lu˘zar, Tenorsaxophon, und David Brand, Baritonsaxophon) durch das edle Blech in das gespannt lauschende Auditorium hinausgeschickt wurde, frei nach dem Motto »Wir tun nichts, wir wollen nur spielen«. Das änderte sich im Laufe des Abends dann natürlich doch noch. Denn die Mitglieder des Quartetts sind natürlich auch Provokateure, und nicht zuletzt sitzt ihnen der Schalk im Nacken.

Der folgende Komponist, Erkki-Sven Tüür (*1959), studierter Musiker aus Estland, der, bevor er andere Wege des Komponierens beschritt, mit einer Rockband auftrat, entwarf eine großformatige, farbenreiche Studie über das Schicksal. Das Stück »Lamentatio« (1994) waberte mäandernd, nur unterbrochen von den Nebelhörner-Rufen des Altsaxofons in einer Art unendlichem Legato-Nebel dahin, bis es just vom Sopransaxofon in wilden Kaskadensprüngen aufgebrochen wurde. Als das Schicksal seine hörbar bittere Arbeit getan hatte, klang es, als würden die letzten Töne des Stücks geradezu untergehen, ja verschluckt werden. Totenstille.

Der Hintergrund dieser Komposition ist fast schon etwas unheimlich, als hätte der Komponist sein fast besiegeltes Schicksal vorausgeahnt. Denn nur durch einen glücklichen Zufall wurde er nicht Passagier der 1994 verunglückten Fähre »Estonia«, auf der er zu einer Aufführung eben dieses Stückes unterwegs gewesen wäre. Krankheitsbedingt fuhr er eine Woche später los. Sein »Lamentatio« war ein Auftragswerk für das bekannte »Stockholm Saxophone Quartet«. Er widmete die Komposition nachträglich den Menschen, die bei dem größten Fährunglück nach dem Zweiten Weltkrieg zu Tode gekommen sind. Diese Geschichte regte das Kopfkino natürlich enorm an, was einen morbiden Spannungsbogen, der einem das Frösteln auf die Haut trieb, entstehen ließ.

Die Melancholie wird gerne als Antrieb zu allem Schöpferischen gesehen. Sie changiert von sehnsuchtsvollen bis tieftraurigen Seelenzuständen. An diesem Abend bekam man eine ganz große Auswahl an Nuancen zu hören. Nach den wilden Schnalz- und Schnappgeräuschen der Saxofon-Ventile, die in das moderne musikalische Mosaik hineinspreizten, das György Ligeti (1923 bis 2006) als »Sechs Bagatellen« komponierte und das man sich auch als Filmmusik zu einem Stummfilm hätte vorstellen können, kam das tieftraurige »Adagio« von Samuel Barber (1910 bis 1981), das schon manches Staatsbegräbnis begleitet hat, und wozu der Lichttechniker der Klosterkirche das Licht herunterdimmte. Barbers Stück war ebenso wie das folgende, »Elegie&Polka« von Dmitri Schostakowitsch, ursprünglich für Streicher komponiert.

Die osteuropäische Melancholie gehört wahrscheinlich zu den am fröhlichsten gefeierten Seelenzuständen. Mit der herrlich schräg gespielten Polka feierten die Musiker sozusagen die Wiederauferstehung des Lebens, und das nicht zu knapp. Mit dem »Tango Virtuoso« von Thierry Escaich (*1965) ging das offizielle Programm zu Ende. Es war herrlich, wie das Sopransaxofon – wie so oft stimmführend – diesmal quäkte und jaulte, dann wieder graziös seine funkelnden und wild tanzenden Läufe in die Luft warf und somit fast alle Traurigkeit verblasen war.

Mit der stürmisch erklatschten Zugabe »Adios Amigo« von Astor Piazzolla wurde der Abschied – und man schied tatsächlich in begeisterter Zuneigung – eingeleitet. Aber so schnell konnte man dann doch nicht voneinander lassen: echte Musikanten eben und ein begeisterungsfähiges Publikum. Im nächsten Stück wechselten einander Sentiment und Temperament ab und dazu gab es Percussion-Einlagen mit den Klappen der Ventile. Sogar Luft- und Atemgeräusche zischten in der Apsis als Luftgeister umher.

Einer der Saxofonisten hatte jedoch noch nicht genug von der Schwermut und bestand darauf, als weitere Zugabe etwas Langsames zu spielen. Es folgte das schwül-sehnsüchtige »Summertime« von Georg Gershwin. Mit einem flotten Tänzchen, das intensiv nach Emir Kusturika klang, verabschiedeten sich Musiker, die das Publikum nicht nur mit ihrer Musikalität und Virtuosität begeisterten, sondern auch mit ihrer enormen Gedächtnisleistung, denn das meiste haben sie an diesem Abend auswendig gespielt. Barbara Heigl