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Kreishandwerksmeister Gerhard Kotter ging auf die schwierige Situation des Handwerks in der aktuellen Wirtschaftslage ein. (Foto: Wittenzellner)

Das heimische Handwerk stemmt sich gegen die Krisen

Landkreis Traunstein/Berchtesgadener Land - Mit 916 Mitgliedsbetrieben und 1758 Lehrverhältnissen liegt die Kreishandwerkerschaft Traunstein-Berchtesgadener Land in einem insgesamt positiven Trend. 2021 war von den Verwerfungen der Coronakrise und weiteren extremen Herausforderungen geprägt gewesen.


Über die Entwicklungen berichtete Kreishandwerksmeister Gerhard Kotter in der Jahreshauptversammlung im Bildungszentrum der Handwerkskammer in Traunstein.

Der Kreishandwerksmeister betonte, dass die Herausforderungen in Sachen Corona enorm gewesen seien. »Aber wir sind an unseren Herausforderungen gewachsen«, betonte der gelernte Bäckermeister. Trotzdem sei keine Entspannung erkennbar: Rohstoffknappheit, unterbrochene Lieferketten und die hinzugekommene »neue Katastrophe« mit dem Krieg in der Ukraine stellten ein enorm belastendes Umfeld auch für das Handwerk dar. Und eine eskalierende Inflationssteigerung komme hinzu.

Fachkräftemangelverschärft sich

Kotter ging auch auf den Fachkräftemangel in der Handwerkerschaft ein, der durch Abwerbungen aus der Industrie noch verstärkt werde. Dabei sei das Handwerk gerade auch für das Gelingen der Energiewende ein unverzichtbarer Partner. Erfreut zeigte er sich über die voranschreitenden Planungen und Baumaßnahmen der beiden Berufsschulen in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgaden. Priorität sei es, in die Bildung zu investieren. In der Berufsausbildungsmesse BIM wolle man in diesem Jahr wieder Präsenz zeigen und das Handwerk künftigen Schulabgängern umfassend und attraktiv präsentieren. Der Campus Chiemgau sei für das regionale Handwerk für die Weiterbildung auf höchstem Niveau unverzichtbarer Bestandteil.

»Politisch« wurde es dann beim Vortrag des Gastredners, hatte die Handwerksvertretung doch mit Dr. Peter Ramsauer (CSU) den direkt gewählten, heimischen Bundestagsabgeordneten eingeladen, der sich in den vergangenen mehr als drei Jahrzehnten seines Mandats immer auch die Stärkung der heimischen Wirtschaft auf die Fahnen geschrieben hat. Er sei einer von neun »verbliebenen« Handwerksmeistern im Deutschen Bundestag, benannte er das »strukturelle Ungleichgewicht zu Lasten des Handwerks« – und das bei insgesamt 736 Abgeordneten.

»Unglaublich schwierige Situation«

»Zehn fette Jahre liegen hinter uns«, so der promovierte Betriebswirt und Müllermeister, wozu auch die Agenda 2010 beigetragen habe. Pandemie, Krieg und unterbrochene Lieferketten, der Corona-bedingte Lockdown in chinesischen Häfen sorgten für enorme wirtschaftliche Probleme. »Das ist eine unglaublich schwierige Situation für die Wirtschaft.« Der Bundesverkehrsminister a.D. ging auf Investitionen in die heimische Wirtschaft ein. Diese täten auch dem Handwerk gut, wie er am Beispiel der Stärkung der regionalen Bundeswehrstandorte oder auch den Infrastrukturmaßnahmen in den heimischen Landkreisen betonte.

Mindestlohn, geringfügige Beschäftigungen, aber auch die Frage, wie man mit der ausufernden Inflationsrate umgeht, waren weitere Themen seines Vortrags und des nachfolgenden Dialogs mit den Handwerksmeistern und Innungsvertretern.

In der Diskussion betonte Alois Ortner von der Elektro-Innung die Bedeutung des Ausbaus der erneuerbaren Energien. In der Mobilität müsse man sich breiter aufstellen. Elektro-Obermeister Peter Müller forderte eine planbare, langfristige Förderung für private Wallboxen, also Wandladestationen. Peter Schuhbeck, Obermeister der Innung Sanitär, Heizung und Klima (SHK) Berchtesgadener Land, monierte die Vergabepolitik von öffentlichen Aufträgen. Ehrenkreishandwerksmeister Peter Eicher senior ging auf die steigenden Energiepreise ein, die für einzelne Handwerkssparten langfristig existenzielle Probleme mit sich bringen könnten. Bau-Innungs-Obermeister Bernhard Fuchs monierte die Förderkürzungen im Bereich der energetischen Gebäudesanierungen und zuerst zurückgenommene und dann reduzierte Förderungen für Neubauten sowie zu geringe Abschreibungssätze. Stellvertretender Kreishandwerksmeister Thomas Aigner fehlt in politischen Entscheidungen oft eine nachhaltige, langfristige Strategie: »Bei Neun-Euro-Tickets wird Geld rausgeschmissen.« Und auch Andreas Weinzierl, Traunsteiner Schreiner-Obermeister, kritisierte »Hü- und Hot-Entscheidungen« der Bundesregierung. Martin Kollmeier, Obermeister der Zimmerer-Innung, forderte mehr Praktiker in der Politik und statt großflächiger Ausweisung neuer Baugebiete besser innerstädtische Nachverdichtungen.

Manuela Deneri, die Leiterin der Geschäftsstelle der Kreishandwerkerschaft, ging im Nachgang auf die Jahresrechnung 2021 ein, die einen unverändert positiven Trend aufzeigte und mit einem Gewinn abschloss. Dem Votum der beiden Rechnungsprüfer Yvonne Gaumont und Hermann Stadler schlossen sich die Innungsvertreter an und winkten das Zahlenwerk ohne Gegenstimme durch. Und auch der Haushaltsplan des laufenden Jahres fand die Zustimmung der Anwesenden und wurde einstimmig verabschiedet.

Turnusgemäß stand die Wahl der Rechnungsprüfer an. Hermann Stadler kandierte wieder, Rupert Steiner war neuerdings bereit, das Amt zu übernehmen. Beide wurden ohne Gegenstimme gewählt.

awi