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Das Europäische im »Amerikanischen Traum«

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InselKonzert einmal anders mit dem »Arcis Saxophon Quartett« aus München auf Herrenchiemsee. (Foto: Frei)

Sie sollten auch ein anderes Publikum auf Herrenchiemsee locken. Das Experiment ist aufgegangen: Zum Gastspiel des »Arcis Saxophon Quartett« aus München bei den »InselKonzerten« fanden sich Besucher ein, die man im Bibliotheksaal des alten Augustiner Chorherrenstifts in diesem Rahmen noch nicht erlebt hatte.


Das Motto des Konzerts »American Dreams« spielte dabei bewusst mit Hörerwartungen, um sie in die Irre zu führen. Statt nämlich mit Leonard Bernsteins »West Side Story Suite« sowie der Suite zur Oper »Porgy and Bess« von George Gershwin einzig die typisch jazzige Schiene zu bedienen, wurde auch die klassische Seite des Saxofons bedient. Genau diese Seite wird gerne ausgeblendet. Dabei hatte der Belgier Adolphe Sax das Instrument schon um 1840/41 erfunden, als der Jazz noch gar nicht aufgekommen war.

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Noch dazu haben nicht Amerikaner das Instrument erstmals eingesetzt, sondern berühmte Komponisten aus Frankreich – darunter Hector Berlioz und Georges Bizet. Auch die Nazis haben beim Saxofon tief in die Klischee-Kiste gegriffen, um ihren Rassenwahn durchzusetzen. Für die Düsseldorfer Ausstellung »Entartete Musik« von 1938 wurde ein Plakat gedruckt, das einen farbigen Musiker zeigt: mit fleischigen Lippen, Saxophon und Judenstern.

Damit war das Saxofon im Dritten Reich faktisch verboten – ähnlich wie zeitgleich im kommunistischen Stalinismus. Für die Klassik-Schiene ihres Programms sind Claus Hierluksch (Sopransax), Ricarda Fuß (Altsax), Edoardo Zotti (Tenorsax) und Jure Knez (Baritonsax) mit zwei Bearbeitungen angereist. Sie passten zugleich vortrefflich zum Motto, denn: Einerseits kam das »Adagio« des Amerikaners Samuel Barber zu Gehör.

Ursprünglich 1938 als zweiter Satz des Streichquartetts op. 11 entstanden, wurde es als Filmmusik weltberühmt – so in »Der große Diktator« von und mit Charlie Chaplin sowie in »Platoon« von 1986. Noch gewagter war die eigene Bearbeitung der vier Musiker des »Amerikanischen Streichquartetts« op. 96 von Antonín Dvorák. Der Tscheche hatte dieses Meisterwerk 1893 komponiert, in seinem amerikanischen Urlaubsort Spilville in Iowa.

Gegen den ungeheuren Reichtum der Streicher in der Artikulation und Phrasierung können die vier Saxofone nichts ausrichten. Dies offenbarte der zweite Satz: In dieser melancholischen Kantilene, wie auch im spukhaften zweiten Thema des Scherzos vermisste man die atmosphärische Dichte des Streicherklangs. Sonst aber ist es gelungen, dem bekannten Werk ganz eigene, andere Färbungen abzuringen – vor allem im folkloristischen ersten und letzten Satz.

Der Höhepunkt war jedoch der »New York Counterpoint« des Minimalisten Steve Reich von 1985. Ursprünglich für Klarinette bzw. elf Klarinetten geschrieben, arbeiten die drei Sätze zudem mit Zuspielungen vom Band. Es war spannend zu erleben, wie sich die vier live gespielten Saxofone mit dem eingeblendeten Tonband verwebten. Die sich scheinbar stets wiederholenden Muster erlebten feinste, subtilste Veränderungen. Selten erlebt man dieses Stück im Konzert mit derart stupender Präzision – überaus reich dieser Reich. Marco Frei