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»Corona wird uns noch länger begleiten« – Zwei Gesundheitsämter unter einer Führung

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Traunstein/BGL: Zwei Gesundheitsämter unter einer Führung – »Corona wird uns noch länger begleiten«
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Dr. Wolfgang Krämer leitet interimsmäßig das Gesundheitsamt im Berchtesgadener Land. Erfahrungen in dieser Position hat er parallel dazu in Traunstein gemacht. Als Experte beriet er auch während der Vorbereitung des Testzentrums in Bayerisch Gmain. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Traunstein/BGL – Sein Haupteinsatzort ist das Gesundheitsamt in Traunstein. Und dennoch: Dr. Wolfgang Krämer ist auch im Berchtesgadener Land kein Unbekannter. Interimsmäßig leitet er derzeit das hiesige Gesundheitsamt in Bad Reichenhall. Landkreisübergreifende Gesundheitsarbeit in Zeiten von Corona zu leisten, ist auch für den erfahrenen Mediziner eine Herausforderung. Zumal die anstehende kalte Jahreszeit dem Virus in die Karten spielt.


Wolfgang Krämer ist Mediziner durch und durch. Dass er nun an vorderster Front steht, sozusagen das Gesundheitsamt als solches in der Öffentlichkeit verkörpert, stört den kommunikativen Mittvierziger kaum. Die Arbeitszeiten ebenso wenig – denn Acht-Stunden-Tage kennt der in Freilassing lebende Arzt momentan nicht. Seine Tage dauern deutlich länger. Zwei Gesundheitsämter zu leiten, klingt im ersten Moment mühsam. »Die Herausforderungen in den beiden Landkreisen sind aber ähnlich«, entgegnet Krämer. »Denn wir haben gewisse Synergieeffekte, die wir nutzen können.«

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Testzentrum gilt als großer Wurf

Zum Aufbau der beiden Testzentren in Traunstein und im Berchtesgadener Land etwa kamen diese Synergien zum Einsatz. Das Testzentrum in Bayerisch Gmain gilt intern als großer Wurf. Zunächst fordernd in der Vorbereitung, dann erschwerten auch noch technische Hürden die Lage. Die Bedeutung des Projekts wurde aber dadurch unterstrichen, dass Ministerin Michaela Kaniber höchstpersönlich zur offiziellen Eröffnung kam. Bürger können sich nun ohne Aufwand anmelden und werden in kürzester Zeit abgestrichen.

Derzeit sind es andere Baustellen, die das Gesundheitsamt fordern. Die steigenden Infektionszahlen der vergangenen Wochen zum Beispiel. Diese haben Krämer und sein Team, bestehend aus Ärzten, Pflegepersonal, Hygienekontrolleuren und Verwaltungsfachangestellten, aufhorchen lassen. Die sogenannte 7-Tage-Inzidenz, jener Marker, der die Gefährdungsstufe pro 100.000 Einwohner angibt, steht im Fokus der Aufmerksamkeit.

Vor allem jetzt im Herbst, in dem die Temperaturen sinken, die Atemluft trocken, die Virus-Anfälligkeit also größer ist. Krämer sagt: »Die oberen Atemwege sind dann empfindlicher.« Eine Prognose für die kommende Zeit ist das zwar nicht. Aber ein Hinweis darauf, dass Hygieneempfehlungen auch weiterhin Beachtung geschenkt werden sollte.

Momentan sind die Landkreis-Schulen Corona-frei. Das stimmt Wolfgang Krämer zuversichtlich. Nur in einem Kindergarten in Bischofswiesen ist ein Fall bekannt. Eine Kindergarten-Gruppe ist in Quarantäne. Einige Kinder, die im Landkreis leben und in Österreich zur Schule gehen, sind wegen dortiger Corona-Fälle vorsichtshalber in Quarantäne geschickt worden.

Keinen Hehl macht Krämer daraus, dass sich die Lage jederzeit ändern könnte. Überschreitet der Inzidenz-Wert gewisse Hürden, würde dem öffentlichen Leben eine erneute Einschränkung drohen. Größere Städte wie etwa München, Rosenheim oder Wien haben die Folgen bereits zu spüren bekommen. Wolfgang Krämer sagt: »Wir halten immer danach Ausschau, dass das Leben unter den derzeitigen rechtlichen Rahmenbedingungen bestmöglich stattfinden kann.«

Aktuell pendelt die 7-Tage-Inzidenz im Berchtesgadener Land bei etwa 15. Krämer sagt, dass man die Lage gut im Griff habe. Stiege der Wert über 35 oder gar über 50, müsste die Lage tiefgehender analysiert und weiterführende Fragen beantwortet werden: Gehen die Zahlen von einem Hotspot aus oder ist das Virus über weite Teile des Landkreises verbreitet? Ausgehend von der jeweiligen Lage, würden Einschränkungen, die das öffentliche Leben betreffen, getroffen.

Buttnmandllaufen als Herausforderung

Im Gesundheitsamt schmiedet man derzeit an weiteren Plänen. Jenen, die einen Großteil der Bürger betreffen. Landkreisweit stehen Adventsmärkte in den Startlöchern, an deren Konzepten rührig gefeilt wird. »Wir arbeiten an Modellen, wie diese umsetzbar sind«, sagt Krämer. Eine Garantie auf Durchführung ist das aber noch lange nicht. Das Kramperl- und Buttn­mandllaufen in Berchtesgaden etwa gilt als Großveranstaltung. Tausende besuchen dann den Markt von Berchtesgaden, strömen über den Adventsmarkt.

Geht es nach dem Leiter des Gesundheitsamtes, sollen die Tage Anfang Dezember aber nicht zum Massenauflauf verkommen. »Zentrale Treffpunkte, wo Menschen auf Buttnmandl treffen, wird es so nicht geben«, sagt Krämer. Vielmehr soll das Brauchtum entzerrt werden. Orte, an denen Andrang möglich ist, werden gemieden. All das muss in Konzepten verarbeitet werden, in konkrete Pläne, die umsetzbar sind. Für die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes bedeutet das viel Arbeit.

Täglich sind Krämers Mitarbeiter mit neuen Infektionsmeldungen konfrontiert, ermitteln Kontaktpersonen, die länger als 15 Minuten mit einem Infizierten in Kontakt standen. Die Teams aus Ärzten, Hygienekontrolleuren und Pflegekräften kontaktieren Personen in Quarantäne, erfragen den Gesundheitszustand, teilen mit, wenn ein verpflichtender Abstrich ansteht.

Vom Freistaat Bayern hat Krämer weitere befristete Stellen zugesichert bekommen. Im Notfall, falls die Infektionszahlen wieder steigen, hat der Leiter des Gesundheitsamtes die Möglichkeit, bis zu 20 Mitarbeiter aus der Verwaltung des Landratsamtes in sein Team aufzunehmen. Dies sei ein Eskalationsprogramm, das »wir aber erst dann abspielen, wenn wir es brauchen«, sagt er.

Stärkung der Gesundheitsämter

Auch wenn die Corona-Pandemie nichts Gutes mit sich bringt: Zufrieden zeigt sich Krämer darüber, dass dem öffentlichen Gesundheitsdienst, einst »eine kleine Säule im Landratsamt«, nun mehr Bedeutung zukomme. »Wir haben eine deutliche Stärkung erfahren.« Das stimmt den Wahl-Freilassinger und gebürtigen Österreicher zuversichtlich. »Corona wird uns noch länger begleiten.«

Einen einschneidenden Lockdown gilt es nach Meinung Krämers natürlich zu verhindern. Er plädiert dafür, auf Hygieneverordnungen zu achten: »Eine Maskenpflicht ist eine deutlich geringere Einschränkung als die Schließungen bestimmter Einrichtungen.« Abstand zu halten, anerkennt der Mittvierziger als »neue Art der Höflichkeit«. Und jeder solle sich die Frage stellen, ob denn »der 46. Geburtstag mit 200 Gästen gefeiert werden muss«. Krämers Ziel: das öffentliche Leben aufrechtzuerhalten. Allerdings funktioniere das nur im Zusammenspiel aller.

Dr. Wolfgang Krämer ist seit dem Weggang von Dr. Karl Tiling zusätzlich kommissarischer Leiter des Gesundheitsamts BGL. »Die Leitungsfunktion wird schnellstmöglich nachbesetzt«, wie es auf Nachfrage des Traunsteiner Tagblatts von Seiten des Landratsamts hieß. Dies liege aber in der Zuständigkeit des Freistaats Bayern beziehungsweise der Regierung von Oberbayern, wie es hieß.

kp/KR


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