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Blutige Zusammenstöße zwischen Islamisten und Militär

Kairo (dpa) - Knapp eine Woche nach dem Sturz des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi durch das Militär eskaliert die Gewalt.

Demonstration von Mursi-Anhängern
Mursi-Anhänger demonstrieren in Kairo. Foto: Mohammed Saber Foto: dpa

Bei Zusammenstößen zwischen Islamisten und dem Militär in Kairo wurden am Montag nach offiziellen Angaben mindestens 51 Menschen getötet und 435 weitere verletzt. Das Militär gab an, Bewaffnete hätten den Offiziersclub der Republikanischen Garde stürmen wollen. Zuvor hatte es in Kairo Gerüchte gegeben, dass sich Mursi dort aufhalten könnte. Die Muslimbruderschaft sprach hingegen von Angriffen auf friedliche Demonstranten beim Morgengebet.

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«Demonstranten warfen zuerst Steine, dann fielen Schüsse auf die Wachen der Militäreinrichtung», erklärte ein Sprecher der Polizei auf einer Pressekonferenz in Kairo. Die Angreifer hätten unter anderem Schusswaffen und Brandsätze bei sich gehabt. Drei Sicherheitsbeamte seien getötet und acht weitere verletzt worden. Die Gewaltanwendung der Sicherheitskräfte sei angemessen gewesen.

Die Muslimbruderschaft stellte den Ablauf anders dar. Polizei und Armee hätten versucht, einen Sitzstreik der Mursi-Anhänger mit Gewalt aufzulösen, sagte Sprecher Gehad al-Haddad. «Sie schossen auf Menschen, die beteten, die ihre Köpfe zum Gebet geneigt hatten, den Rücken jener Armee zugewandt, der sie vertrauten.» Der politische Arm der Organisation, die Partei Freiheit und Gerechtigkeit, rief die Ägypter zu einem «Aufstand» auf gegen die, die «mit Panzern eure Revolution stehlen wollen».

Übergangspräsident Adli Mansur bekundete seine «tiefe Trauer» über das Blutvergießen. Eine Justizkommission werde den Vorfall untersuchen. Auch die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein.

Die Regierungsbildung in dem bevölkerungsreichsten arabischen Land dürfte sich weiter verzögern. Die islamistischen Salafisten zogen sich aus den Verhandlungen über die politische Zukunft des Landes zurück. Der Sprecher der Nur-Partei (Partei des Lichts), Nader al-Bakkar, erklärte über Twitter, seine ultra-konservative Organisation hätte sich zur Teilnahme an den Beratungen bereiterklärt, um Blutvergießen zu verhindern. «Nun fließt das Blut in Strömen», teilte er mit.

Der Friedensnobelpreisträger und führende Aktivist der Opposition gegen Mursi, Mohammed ElBaradei, forderte eine unabhängige Untersuchung der Ereignisse. «Gewalt erzeugt Gegengewalt und sollte scharf verurteilt werden», warnte er über den Kurznachrichtendienst Twitter. Ein friedlicher Übergang sei der einzige Weg für Ägypten. Der Großscheich der Al-Azhar-Universität, Ahmed al-Tajjib, erklärte, er werde sich in die Klausur zurückziehen, bis die blutige Gewalt im Land aufhört.

International sorgten die jüngsten Ausschreitungen für große Besorgnis. Außenminister Guido Westerwelle äußerte sich «bestürzt» über den Gewaltausbruch. Alle Verantwortlichen müssten jetzt besonnen agieren und auf «Gewalt in jeder Form» verzichten.

Der britische Außenminister William Hague erklärte: «Es ist wichtig, dass in Ägypten schnell eine Rückkehr zu demokratischen Prozessen stattfindet.» Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu twitterte: «Ich übermittle dem ägyptischen Brudervolk mein Beileid.»

Zwei Soldaten wurden nach Militärangaben vorübergehend von mutmaßlichen Islamisten verschleppt. Wie aus Armeekreisen verlautete, wurden die Männer in ein Fahrzeug gezerrt, geschlagen und gezwungen, über einen Lautsprecher Anti-Militär-Parolen sowie Pro-Mursi-Erklärungen abzugeben.

In Kairo wurde ein deutscher Korrespondent des Nachrichtensenders n-tv gemeinsam mit seinem Team stundenlang von Sicherheitskräften festgesetzt. Der Reporter Dirk Emmerich twitterte über seine Freilassung: «Nach sieben Stunden in Gewahrsam von Armee, dann Polizei. Keine Begründung wie schon bei Verhaftung nicht.»

Die Bundesregierung rät wegen der jüngsten Entwicklung in Ägypten jetzt allen deutschen Touristen von Nil-Kreuzfahrten ausdrücklich ab. Das Auswärtige Amt empfahl in seinen jüngsten Reisehinweisen auch «dringend», die Touristenzentren Luxor und Assuan zu meiden.

Twitter-Account Emmerich

n-tv-Bericht