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Bitte einen Bon? Pflicht zur Belegausgabe nervt auch Berchtesgadener Händler und Kunden

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Berchtesgaden: Pflicht zur Belegausgabe nervt auch Händler und Kunden – Bitte einen Bon?
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Alles voll für die Tonne.

Berchtesgaden – Seit Jahresbeginn schreibt die sogenannte Kassensicherungsverordnung allen Händlern vor, der Kundschaft nach ihrem Einkauf einen Bon auszuhändigen. Jeder Verkäufer oder Kassierer ist dadurch zum Belegausdruck verpflichtet und muss den Kunden zusätzlich fragen, ob er diesen haben möchte. Das produziert Unmengen von Müll. Der »Berchtesgadener Anzeiger« recherchierte und ging auf Stimmenfang im Verkaufsalltag.


Fakten

Kurz eine Semmel oder einen Schokoriegel kaufen. Die neueingeführte »Bonpflicht« wird überwiegend heftig kritisiert. Das Gesetz ist bereits einen Monat nach Einführung als Bürokratenschwachsinn verschrien. Statt Verwaltungsaufwand abzubauen, was von der Politik wiederholt propagiert wird, tritt genau das Gegenteil ein.

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Hintergrund der Kassensicherungsverordnung ist die Eindämmung von sogenannten »Mogelkassen« beziehungsweise des Steuerbetrugs. Laut Bundesrechnungshof kann die »Bonpflicht« etliche Milliarden Euro pro Jahr einspielen, die sonst in schwarzen Kassen verschwinden oder am Finanzamt vorbeigeschleust würden. Restaurantbesitzer, Einzelhändler, Kioskbetreiber und Bäckereien sind von der Neuerung genervt.

Auch, weil die meisten Kunden überhaupt keinen Bon haben wollen – die sind ebenfalls genervt. Sie winken ab oder lassen ihn liegen – letztendlich landet der Beleg in der Tonne. Konsequenz: Der Einzelhandel rechnet mit mehr als zwei Millionen Kilometern zusätzlicher Länge an Kassenbons im Jahr. Und die Umsetzung wirft noch weitere Schwierigkeiten auf: Nicht alle Kassen oder Kassensysteme sind auf dem nötigen Stand.

Das neue System soll nachträgliches Löschen von Buchungen verhindern. Das Finanzministerium hat Händlern schon jetzt eine Schonfrist bis September zusätzlich einräumen müssen. Das manipulationssichere Kassensystem einzustellen oder eine neue kompatible Kasse zu kaufen, kann je nach Betrieb ins Geld gehen.

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Er ist auf dem neuesten Stand: Serhat vom »Grillstüberl«. (Fotos: Jörg Tessnow)

Auch das vorgeschriebene Thermopapier hat so seine Tücken. Die temperaturempfindliche Druckschicht ist streng genommen gesundheitsgefährdend. Sie enthält Bisphenol A und dürfte noch nicht einmal in den Papiermüll. Daher betont die Behörde als Alternative, dass Quittungen nicht zwangsläufig ausgedruckt, sondern auch digital übertragen werden könnten.

»Gast kann sich Rechnung als Email schicken lassen«

»Rund 80 Prozent der Leute wollen keinen Bon. Selbst pro Kopie á 30 Cent oder ein Lichtmesskerzlein für 50 Cent müssen wir einen Bon ausdrucken«, bemängeln Brigitte und Victoria von »Teamwörk«. Auch Christl Fischer von der »Bäckerei Zechmeister« sieht das so. »Mehr als dreiviertel unserer Kundschaft will gar keinen Zettel« und fügt hinzu: »Zum Kassensystem steht bei uns zusätzlich ein kompatibles Bondruckgerät parat. Das haben wir aber schon länger.«

Auch ihre Zunftkolleginnen von den »Bäcker-Brüder Neumeier« stöhnen. »Grillstüberl« -Inhaber Serhat überrascht mit einer Alternative: »Ich habe eine sehr moderne Kasse. Der Gast kann sich sogar zusätzlich seine Rechnung als E-Mail schicken lassen. Dafür habe ich auf meinem Tablet bereits im letzten Jahr eine spezielle Kassensoftware installiert. Aber, Achtung, jetzt kommt's – einen Bon muss ich trotzdem ausdrucken. Und: Auch das Thermopapier ist nicht billig. Das alles treibt nur die Kosten in die Höhe. Eine einzige Zettelwirtschaft. Typisch Deutschland«, sagt er und zeigt auf einen prall gefüllten Müllbeutel mit abgelehnten Bons unter seinem Verkaufstresen.

An einem Nachmittag ein Eimer voll

Auch in Supermärkten und an Tankstellen hört man ähnliche Kommentare: »Hier!«, sagt eine Kassiererin, und holt einen Mülleimer unter dem Kassenbereich hervor. In diesem wimmelt es von »Bonschlangen«. »Allein diese Menge ist von heute Nachmittag. Das waren wir zwar schon vorher gewohnt, jetzt ist es aber erheblich mehr Müll geworden und die Bonrollen müssen zwangsläufig öfter gewechselt werden. Wo früher eine Rolle in der Kasse locker drei Tage reichte, wird jetzt mindestens eine pro Tag bedruckt. Niemand will für Kaugummis einen Kassenbon. Nimmt ihn mal jemand mit, findet man ihn manchmal sogar in der Fußgängerzone wieder.«

Auch das Tankstellenpersonal winkt vehement ab, wenn es befragt wird. »Uns hängt dieser Bürokratieaufwand einfach zum Hals raus. Aber was sollen wir machen? Gefragt werden muss bei jedem einzelnen Kunden. Jagd auf Steuerhinterzieher, okay. Aber so? Wer betrügen will, macht es wohl dennoch. Bürokratieabbau? Müllreduzierung? Umweltschutz? Jörg Tessnow