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Bewegendes interkulturelles Musik-Experiment

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Zwei junge Männer aus Eritrea mit einem selbst gebauten Zupfinstrument namens »Krar« zusammen mit einheimischen Volksmusikanten; rechts Fritz Derwart aus Bad Reichenhall. (Foto: Mergenthal)

»Das war eine richtige Aufbruchstimmung heute«, sagte Marianne Derwart am Ende des Konzerts begeistert. Die Reichenhallerin hörte sich in der gut besetzten Stiftskirche Laufen das Ergebnis eines zweitägigen interkulturellen Musik-Workshops an. Knapp 40 Instrumentalisten und Sänger, darunter etwa ein Drittel Asylbewerber aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und Nigeria, erarbeiteten miteinander ein emotionales, buntes Programm.


Das Besondere daran: In den drei Gruppen, wo teils nach Noten, teils nach dem Gehör gespielt wurde, entstand wirklich gemeinsame Musik, statt dass nur jede Nation Stücke aus ihrem Land vortrug. »Wir möchten Ihnen heute beweisen, dass alle Menschen eine Sprache sprechen«, umriss Kirchenmusiker Thomas Netter die Idee des Workshops und Konzerts. »Musik entzweit nicht, sondern eint. Wer Musik macht, kämpft nicht. Er lernt sein Gegenüber besser kennen.« Mitinitiator Patrick Pföß aus Traunstein erklärte, er komme selber aus einer Familie mit der Erfahrung der Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg. Bewegt zeigte er sich von einem Gespräch mit jungen Mitwirkenden aus Eritrea, wo die Regierung die eigene Bevölkerung versklave und verarmen lasse.

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Die Leitung des ungewöhnlichen Projekts hatte Peter Michael Hamel. Der Musikprofessor aus Aschau im Chiemgau regte schon 1992 in Graz an, dass die Schüler im Musikunterricht die Musik ihrer künftigen Mitschüler aus fremden Ländern und Kulturen kennen lernen. Damals prallte er mit dieser Idee ab. Die dramatische Realität draußen bekamen auch die Teilnehmer zu spüren: Ein aus seiner Heimat geflohener junger Vater konnte am zweiten Workshop-Tag nicht mehr dabei sein. Er hatte am Samstag einen Anruf bekommen, dass ein naher Verwandter erschossen worden war.

Das erste Stück hat ähnlich wie viele Asylsuchende eine lange Reise hinter sich: Das Sufie-Lied – die Sufis sind ein mystischer Zirkel im Islam – brachte ein Scheich aus Damaskus nach 700 nach Andalusien. Als 1492 die Araber von dort vertrieben wurden, gelangte das Lied nach Marokko und später ins altägyptische Institut nach Kairo. Der Sohn des Workshop-Leiters, der 23-jährige Johnny Hamel, lebt heute in Andalusien und lernte diese Musik durch marokkanische Musiker kennen. »Das ist super, dass es so zusammen geht, dass die Musik spricht«, zeigte sich der Schlagzeuger beeindruckt vom Verlauf des Experiments. Mit dieser Grundhaltung, sich für fremde Stile zu öffnen, zog er bereits mit 14 in die Welt; er spielte unter anderem mit der Band »Embryo«.

Viele engagierte Helfer leisteten Fahr-, Koch-, Back- oder Logistikdienste oder verliehen Instrumente. Die einheimischen Musiker kamen zahlreich mit den unterschiedlichsten Instrumenten, wie Querflöte, Saxophon, Cello, Gitarre oder Tuba. Auch zwei Gitarristen der Salzburger 60er-Jahre-Coverband »Woody’s Folkhouse« wirkten mit, ebenso wie waschechte Volksmusikanten wie Fritz Derwart mit seinem Akkordeon. »Des Experiment mog i«, meinte dieser hinterher bewegt. Er singt in Bad Reichenhall mit Flüchtlingen bayerische Lieder und möchte dort ins nächste »Café International« zwei der Burschen aus Eritrea einladen. Diese trugen zu viert ein eritreisches Marienlied vor und musizierten bei einem Medley nach Art eines »Hoagart« mit ihrem in ihrem Freilassinger Quartier selbst gebauten Zupfinstrument »Krar« mit den Volksmusikanten.

»Wir haben hier nach unserer langen Reise die Wärme und Liebe der Menschen durch die uns umgebende Musik gespürt«, erzählte Elias aus Syrien in einer Pause. »Wir kamen uns nicht wie Fremde vor. Alle sind gleich hier«, ergänzte sein Mit-Trommler und Landsmann Eyad. Der Charakter der Stücke war ganz unterschiedlich. Das mit Okarina und Flöte melodiös beginnende arabische Lied »Bachia« wurde am Ende immer schneller. Beim »Drum Circle« improvisierte Hamel am E-Piano über einem Klangteppich aus diversem Schlagwerk. Ein starkes Zeichen war eine völlig freie Klangimprovisation, bei der alle einen Kreis bildeten und sich auch die Zuhörer mit einbringen konnten. Auf die Handzeichen von Patrick Pföß hin begannen alle mit gesungenen oder gesummten tiefen Tönen. Der vielstimmige Akkord schraubte sich in höchste Höhen hinauf, der Klang schwoll mehrmals an und ab, Instrumente gesellten sich dazu, und am Ende zog sich die Musik quasi wieder in die Tiefen der Erde zurück.

Ein Höhepunkt waren zwei afrikanische Lieder und der Spiritual »Oh happy day« des von Trommeln begleiteten Gospelchors »Spirit of Joy«. Erstaunlich war das Solo einer jungen nigerianischen Frau mit toller Blues-Stimme, begleitet unter anderem von feinem Trommeln auf die Tuba. Den alpenländischen »Dreiviertler« wiederum untermalte die Nigerianerin mit der Rassel. Zu Herzen ging allen das almerische Abschlusslied »Da Sommer is aussi« von Gospelchor-Solistin Gunda Seim im am Samstag spontan gebildeten Zweigesang mit Christine Gruber aus Teisendorf. Veronika Mergenthal