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»Bei Vollmond spinnen die Fische ...«

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Ein hungriger Möwenschwarm umkreist das Boot von Martin Kreuz, Berufsfischer aus Übersee, bei seiner Ausfahrt in den frühen Morgenstunden. (Foto: Siemers)
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Opa Blasius Kreuz – hier mit einem prachtvollen Zander – hat seine Begeisterung für den Fischerberuf an Enkel Martin weiter gegeben.

Das Mondlicht spiegelt sich geisterhaft auf der Wasseroberfläche. Wind frischt auf, als das Fischerboot aus der kleinen Hütte am Lachsgang hinausgleitet und sich seinen Weg durch die Wellen bahnt. Es ist noch stockfinster in diesen frühen Morgenstunden, wenn Martin Kreuz seine Fangplätze aufsucht. Jeden Morgen um vier Uhr beginnt für den Berufsfischer aus Übersee der Arbeitsalltag.


Zuvor hat er auf seinem Hof im Unterland den kleinen Lieferwagen vollgepackt mit leeren Kästen und einer Styroporkiste mit Eis. Minuten später parkt er vor seiner Fischerhütte neben dem Vogelaussichtsturm Lachsgang. Schnell sind die Kisten im Boot verstaut, der Motor gestartet und raus geht's auf den See. Ruderten seine Vorfahren noch mit Holzkähnen übers Wasser, benutzt Martin Kreuz ein Edelstahl-Boot mit Motor.

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Im Moment fängt Martin Kreuz nur Renken

Ohne Probleme findet der 26-Jährige seinen ersten Fangplatz – eine Boje ist mit Leuchtband gekennzeichnet und blinkt im Licht der Stirnlampe des Fischers. Geschickt zieht er sie ins Boot und schaltet den Motor aus. Jetzt zieht er das Netz Meter für Meter an der Ober- und Unterleine aus dem Wasser und löst die Fische aus den Maschen. Im Moment fängt Kreuz nur Renken mit speziellen Netzen – sie gelten als Brotfische. »Die Nachfrage ist gerade sehr groß. Wir haben Hochsaison und ich muss die vielen Kundenwünsche erfüllen«, sagt er.

Erst in einigen Wochen fängt er wieder andere Fischarten wie Brachse, Aal und Hecht. Seine Freude ist groß, wenn auch mal eine besondere Beute im Netz zappelt, wie Zander, Karpfen, Schleie, Seesaibling, Rapfen oder gar eine Seeforelle. Sie bietet der Fischer sofort »Spezialkunden« per Handy an.

Nur bei Vollmond geht weniger Beute ins Netz. »Dann spinnt der Mensch und das Tier ... und auch der Fisch.« Gerne erinnert sich der Fischer an einen besonderen Fang vor einiger Zeit: Hier zog er einen 1,15 Meter langen Hecht aus dem Wasser. Mit einem alten Gewehr aus dem Krieg, das sich ebenfalls einmal im Netz befand, konnte er allerdings weniger anfangen.

Fische gehen auf »Tauchstation«

Viele Renken zappeln an diesem Morgen in den Netzen. Seit März hat Kreuz seine Fangplätze nicht mehr verändert. »Vor ein paar Tagen war das Ergebnis nicht so gut und die meisten Fische hingen im unteren Teil des Netzes. Wenn es so heiß ist wie jetzt und das Wasser sich stark erwärmt, tauchen die Fische unter, gehen also in die Tiefe, wo es kühler ist.« Deshalb ließ er seine Netze, die wie eine Wand im Wasser schweben, eine gute Armlänge tiefer ins Wasser gleiten. Gehalten werden sie von Ankerbojen an beiden Enden und kleinen Styroporbojen, an die Leinen gewickelt sind, und mit denen der Fischer die Tiefe seiner Netze festlegt.

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Opa Blasius Kreuz – hier mit einem prachtvollen Zander – hat seine Begeisterung für den Fischerberuf an Enkel Martin weiter gegeben.

Immer wieder runzelt er die Stirn, wenn er große Löcher im Netz entdeckt. »Das ist der asiatische Kormoran, er reißt die Fische aus dem Netz.« Der Feind der Fischer, auch Seerabe genannt, ist intelligent: Er orientiert sich an den Ankerbojen, taucht ins Wasser und sucht das Netz ab. Findet er einen Fisch, reißt er ihn heraus und taucht wieder auf. »Der Kormoran fliegt immer im Schwarm, deshalb kommen gleich die nächsten, wenn sie sehen, dass es hier was zu holen gibt.«

Thomas Lex, Vorsitzender der Fischereigenossenschaft Chiemsee, schätzt, dass die Kormoran-Kolonien am Chiemsee jährlich etwa 40 000 Kilogramm Fische fressen. »Das ist, zusammen mit den kaputten Netzen, ein enormer Schaden für uns.« Die Organisation ist seit über 120 Jahren für die professionelle Bewirtschaftung des Sees zuständig und regelt den Fischfang am Chiemsee mit vielen Vorgaben, die den Fischern regelmäßig per Mail mitgeteilt werden: Maschenweite, Ausmaße, Fadenstärke und Zahl der Netze. Zudem legt sie Schonzeiten fest und verhängt Strafen, wenn ein Berufsfischer gegen die Auflagen verstößt.

Nach gut zwei Stunden hat Kreuz bei allen drei Fangplätzen die Netze geleert und die Renken liegen in Kisten, zugeschüttet mit Eis. Bevor es nach Hause geht, sucht der Überseer noch seinen Weiher im Ort auf. Hier holt er mit einem Kescher Forellen und Saiblinge, die aus einer Dachauer Zucht stammen. Sie sind vor allem geräuchert eine Delikatesse und der Berufsfischer kauft sie nach Bedarf, da seine Fänge im Moment nur aus Renken bestehen.

Zu Hause schleppt Kreuz die vollen Kisten in seine Fischkammer. Bevor er sich um sie kümmert, hängt er in seiner Räucherhütte knapp 200 Forellen, Saiblinge und Renken an langen Stangen in den Selchofen. Das Feuer entzündet er mit Erlenholz aus eigenem Bestand. Es eilt, denn es dauert etwa drei Stunden, bis die Fische geräuchert sind und bald stehen die ersten Kunden vor der Tür. Während aus dem Kamin der Räucherhütte der erste Rauch quillt, putzt der Fischer seinen Fang. Zuvor hat er sie gezählt. 240 Renken, was dokumentiert wird und an die Fischergenossenschaft weitergeleitet wird.

Schon kurz nach 7.30 Uhr kommt der erste Kundenanruf. Viele Gaststätten und Hotels im Achental gehören seit vielen Jahren zum festen Kundenstamm. Daneben besuchen viele Touristen und Einheimische den kleinen Laden. Zum Verschnaufen bleibt wenig Zeit für Martin Kreuz. Nachdem der Tagesfang verstaut ist, nimmt er die Tagesbestellungen entgegen, bedient im Laden seine Kunden und fährt Bestellungen aus.

Der Überseer kann von seinem Ertrag leben: Er unterhält den elterlichen Hof, zahlt Pachtbeträge an Fischereigenossenschaft und Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung für seine Fischerhütte. Auch die Netze müssen immer wieder erneuert werden, wenn die Löcher des Kormorans zu groß sind. Gerade hat Kreuz sich für eine stolze Summe einen speziellen Kühlschrank angeschafft, um bei der Hitze noch mehr Fische ideal lagern zu können.

Urlaub ist für ihn ein Fremdwort

Da er nur an fünf Tagen fischen darf, ist das Wochenende frei. Zeit für Bergradl-Touren, um Freunde zu treffen und sich am Vereinsleben zu beteiligen. Kreuz ist Mitglied bei den Feldwieser Trachtlern, den Schützen, beim Burschenverein »Kühlheisl Unterland« und beim Verein »Freiraum«. Da er am Freitag alle Netze aus dem Wasser holen muss, setzt er sie am Sonntag wieder ein, um montags den ersten Fang holen zu können.

Urlaub kennt Martin Kreuz nicht. Die Fahrten auf den See unternimmt er das ganze Jahr über, außer er ist zugefroren oder Sturm und Gewitter sind eine Gefahr – nur dann bleibt das Fischerboot in der Hütte. »Vor drei Jahren überraschte mich auf dem Wasser ein gewaltiger Sturm so heftig, dass ich umkehren musste.«

Ab Anfang Oktober wird es ruhiger. Dann beginnt die Schonzeit, die bis zum Dreikönigstag dauert. Im November befruchtet der Fischer den Laich der Renken, im Frühjahr den der Hechte. Dann fährt er den Laich in die Brutanstalt der Fischereigenossenschaft in Prien-Harras, wo jährlich Millionen von Renken, Hechten, Saiblingen und Forellen erbrütet und übers Jahr ausgesetzt werden; eine wertvolle Arbeit, denn damit bleiben viele heimische Fischarten erhalten.

Trotz der vielen und anstrengenden Arbeit ist für Martin Kreuz das Fischen der Traumberuf – was in der Familie liegt: Vater, Opa, Uropa…. alle waren sie Berufsfischer in Übersee. Martin war erst zehn Jahre alt, als sein Vater durch einen Sekundentod starb. An wenig kann sich der 26-Jährige erinnern. »Ich war nur ein paar Mal mit meinem Vater beim Fischen ...« Der ältere Bruder und die Schwester hatten kein Interesse an der Fischerei.

Ausbildung am Tegernsee absolviert

Bevor Martin Kreuz jedoch in die Fußstapfen seiner Vorfahren treten konnte, musste er erst ein paar Hindernisse überwinden: Es gab am Chiemsee keinen Ausbildungsplatz für ihn und so absolvierte er zunächst eine Maurerlehre und zog später an den Tegernsee, wo er endlich das Handwerk des Fischers lernte. Nach bestandener Prüfung zum Fischwirt nahm ihn vor knapp fünf Jahren die Fischereigenossenschaft Chiemsee als neues Mitglied auf.

Irgendwann will er sein Fischkammerl vergrößern, um mehr Platz und »bei der Hitze auch mehr Luft beim Arbeiten« zu bekommen. Zunächst aber wartet er die nächsten Monate ab, denn die Fischereigenossenschaft muss mit der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung einen neuen Pachtvertrag für die Fischerei am Chiemsee aushandeln, da der bisherige Vertrag nach 20 Jahren ausläuft. Laut Thomas Lex gibt es bereits einen Vorentwurf »und der schaut gut aus«, sodass wahrscheinlich keine weiteren Belastungen auf die 16 Berufsfischer am Chiemsee zukommen.

Wenn Martin Kreuz abends sein Fischkammerl zusperrt, freut er sich auf Ruhe und ein schönes Essen. Allerdings muss nicht unbedingt ein Fisch auf dem Teller liegen – auch Schweinsbraten mit Knödel gehört zu seinen Lieblingsessen. cls

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