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Bedürftigen auch beim Helfen ihre Würde lassen

Traunstein. »Liebes Christkind, Sarah wünscht sich von Playmobil die Ponykoppel und den Ponywagen, den Holzhacker, das Mädchen beim Pony und das Mädchen mit der Katzenfamilie. Oder von Schleich den Elfenschlitten« – mit Bildern von dem gewünschten Spielzeug, die sie aus einem Katalog ausgeschnitten hat, einem Christbaum und gemalten Geschenken hat die Fünfjährige ihren Wunschzettel liebevoll gestaltet. Er hing im Traunsteiner Parkcafé an einem Wunschbaum, den die Initiative »Chiemgauer Kinder in Not« organisiert.

Liebevoll gestaltet ist der Wunschzettel der fünfjährigen Sarah. Er hing im Traunsteiner Parkcafé an einem Wunschbaum, den die Initiative »Chiemgauer Kinder in Not« organisiert. (Foto: Hohler)

Bedürftigen Kindern ein Lächeln ins Gesicht zaubern

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Der Wunschbaum ist nur eine von mehreren Spendenaktionen, die Angelika Drost aus Grassau übers Jahr verteilt organisiert. Wie auch anderenorts im Landkreis Traunstein stehen im Parkcafé, der Boutique Calla und der Lichtgalerie Schubert Wunschbäume mit Wunschzetteln von Kindern, deren Eltern sich kein Geschenk für ihr Kind leisten können, weil sie in finanzielle Not geraten sind. Auch diesen Kindern soll über die Wunschbaumaktion ein Lächeln ins Gesicht gezaubert werden. Sie durften sich Wünsche im Wert von rund 30 Euro aussuchen.

Doch das ist nur ein Teil der Aktion, die angegliedert ist an den Grassauer Verein »Tipi«, damit Drost auch Spendenquittungen ausstellen darf. Sie hilft Familien, die in Not geraten sind, etwa durch Arbeitslosigkeit, Unfall, Tod eines Elternteils, Krankheit oder zu geringen Verdienst. »Die Wenigsten sind Leute, die es nicht auf die Reihe bringen«, erklärt sie im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. »Manche haben sogar zwei Jobs und es reicht trotzdem nicht.«

Vielen breche die Miete – gerade hierzulande oft deutlich teurer als woanders – das Genick. »Ich bin sehr für Sozialbauten, das wäre ganz dringend. Wir sparen als Gesellschaft an der falschen Ecke. Es gehören Häuser gebaut, in denen Familien gut leben können und die Mieten bezahlbar sind. Wenn sie einen Euro über der Einkommensgrenze sind, kriegen sie nichts mehr, es reicht aber trotzdem nicht zum Überleben.«

Bewusst arbeitet Drost so anonym wie möglich, nicht zuletzt, um die Hemmschwelle gering zu halten. »Die Leute haben Angst, beobachtet zu werden«, sagt Drost. Dabei kennt der Neid keine Grenzen: »Leider hab ich auch schon gehört, dass Kinder und Jugendliche schräg angeschaut wurden, wenn sie sich ein Eis holten, nach dem Motto 'ich denk, denen geht es nicht gut, aber Geld für Eis haben sie schon'.«

Hilfebedürftigkeit muss nachgewiesen sein

Manchmal spricht sie ein Lehrer an oder ein Sozialarbeiter, dass jemand für einen besonderen Anlass Geld braucht. Im Notfall kann sie auch mal unbürokratisch eine Rechnung übernehmen. »Es kann nicht sein, dass eine ganze Familie in der Kälte sitzt oder nur kaltes Wasser hat, weil sie durch alle Raster fällt.« Denn auch das muss geklärt sein, ehe sie hilft. Denn die Hilfebedürftigkeit muss sie selbst gegenüber dem Finanzamt nachweisen. »Aber das könnte ich ja gar nicht, da müssten mir die Leute alles offenlegen. Das wollte ich ihnen und mir ersparen, drum sind für mich die Amtspersonen so wichtig, die mir die Bedürftigkeit bestätigen.«

Hauptsächlich zahlt sie Klassenfahrten und Ferienfreizeiten. »Beispielsweise für die Kinder einer Witwe, die dringend mal aus dieser Trauer-Umgebung raus müssen.« Oder sie zahlt mal Rechnungen, sei es für bis zu zehnmal Nachhilfe, vor allem in Abschlussklassen, Strom- oder Heizungskosten, Schulbedarf oder Turnschuhe für den Schulsport.

Hin und wieder steckt ihr jemand etwas Geld zu mit dem Satz: »Du weißt sicher jemanden, dem Du eine Freude machen kannst.« Mit dem Geld kauft sie dann Eis-Gutscheine oder Karten fürs Schwimmbad – nicht jedes Kind hat einen See vor der Türe.

Fassungslos aber ist Angelika Drost, wenn etwa eine bedürftige Frau beim Bäcker ein Brot für zwei Euro kauft, und eine Kundin dahinter sie darauf verweist, dass es auch ein billigeres Brot gibt. »Das nimmt den Betroffenen genauso die Würde wie manche Bilder, die gezeigt werden, um Spenden zu bekommen. Da geht man über die Würde dieser Menschen hinweg und dokumentiert sie in einer Situation der Not.«

Umdenken notwendig: »Da fehlt's noch himmelweit«

Insofern wünscht sich Drost nicht nur Spenden, um weiter helfen zu können, sondern auch ein Umdenken. »Da fehlt's noch himmelweit. Im Endeffekt ist es doch egal, wer das ist, der gerade Hilfe braucht – Not ist Not. Und auch, wenn ich von 100 Leuten vielleicht bei Zweien danebenlange, das ist es mir wert. Wenn ich 98 helfen kann und zwei nützen mich aus.«

Wer nun für die Aktion spenden möchte, kann das tun auf das Konto des Vereins Tipi, Stichwort »Kinder in Not«, Konto 7141394 bei der Raiffeisen-Bank Chiemgau, BLZ 711 601 61. coho