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Bedrohte Schmetterlinge müssen Nassholz weichen – Forstbetrieb zerstört Biotop

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Die Vorsitzende der Bund Naturschutz-Kreisgruppe, Rita Poser, kritisiert die Bayerischen Staatsforsten dafür, ausgerechnet am Klaushäuslweg einen Nasslagerplatz zu bauen. Hier summte und brummte es früher, denn die Wiese war Nahrungs- und Lebensgrundlage für viele Tiere, unter anderem bedrohte Schmetterlingsarten. (Foto: Voss)

Bischofswiesen – Wo früher bedrohte Schmetterlinge und andere Tiere heimisch waren, ist nun eine Schotterfläche. Der Forstbetrieb Berchtesgaden hat ein Biotop am Klaushäuslweg in Bischofswiesen zerstört, um einen Nasslagerplatz zu schaffen. Fußgänger haben dies gesehen und den Bund Naturschutz darauf aufmerksam gemacht.


Rita Poser, Kreisgruppenvorsitzende beim Bund Naturschutz, ist stinksauer: »Da kriege ich einen Riesenhals, wenn ich so etwas sehe.« Der »Berchtesgadener Anzeiger« hat alle Beteiligten befragt. Der Forstbetrieb Berchtesgaden führt seinerseits ökologische Argumente für den Platz an.

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Weißbindiges Wiesenvögelchen, Wachtelweizenscheckenfalter, Gelbwürfeliger Dickkopffalter und Rotkleebläuling – das sind nur einige der Arten, die laut Erhebungen des Landesamts für Umwelt am Klaushäuslweg, in der Nähe der Siebenbrunnhütte, heimisch waren. Diese haben in der Wiese eine wichtige Nahrungs- und somit Lebensquelle verloren. Die Liste, auf der die bedrohten heimischen Schmetterlingsarten stehen, ist auf der Internetseite des Bayerischen Landesamts für Umwelt, im Programm »FIN-Web«, zu finden. Darin stellt das LfU Umweltdaten zum Naturschutz zur Verfügung.

»Wir wurden von der Bevölkerung auf diese Baustelle aufmerksam gemacht«, erzählt Rita Poser dem »Berchtesgadener Anzeiger« auf Nachfrage. Sie ist mehr als verärgert – denn das Biotop ist nun zerstört.

Die Kreisgruppenvorsitzende blitzte beim Forstbetrieb mit ihrer Anfrage nach Unterlagen zum Bau zunächst ab. Dies sei von der Zentrale aus »nicht erlaubt« worden, hieß es. Das war Ende September. Wieder zwei Wochen später erhielt sie zumindest einen Plan des Vorhabens. Aber da war es schon zu spät.

»O.K.« von der Unteren Naturschutzbehörde

Auf Nachfrage informierte die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt den »Anzeiger« darüber, dass der Nasslagerplatz geprüft und genehmigt wurde, und gibt Informationen darüber bekannt, auf welche naturschutzrechtlichen Belange Rücksicht genommen wurde. Demnach haben das Projekt »Natura 2000«, der Gesetzliche Artenschutz und die »Naturschutzrechtliche Eingriffsregelung« mit Hauptaugenmerk auf die Schutzgüter »Arten- und Biotope« sowie »Landschaftsbild« alle eine Rolle gespielt.

Zudem wusste die Behörde offenbar über die bedrohten Arten, die hier heimisch waren, Bescheid: »Für den betreffenden Eingriffsort wurden zur Beurteilung der Genehmigungsfähigkeit neben den ASK-Punktnachweisen (»Artenschutzkartierung«) aus den Jahren 1987, 1994 und 2003 die Aussagen und Daten aus der Geländeerhebung des bestehenden Landschaftspflegerischen Begleitplans sowie die Erkenntnisse aus gemeinsamen Ortseinsichten herangezogen.« Das bedeutet, trotz der Erkenntnisse wurde der Nasslagerplatz genehmigt.

Laut der Behörde gab es zudem eine wasserrechtliche Erlaubnis vonseiten des Wasserwirtschaftsamts. Diese war laut Landratsamt bereits am 3. November 2009 erteilt worden. »Das Vorhaben wurde jedoch bislang nicht umgesetzt, da laut Aussage des Vorhabenträgers kein vordringlicher Bedarf bestand«, heißt es in der Antwort der Unteren Naturschutzbehörde. Aufgrund neuer Erkenntnisse – dazu zähle die Entwicklung der Bewässerungsanlagen für Nassholzlager, wodurch sich die Wassermenge reduziere – wurde die genehmigte Planung überarbeitet, in Zusammenarbeit mit dem Wasserwirtschaftsamt Traunstein entsprechend angepasst und eine Änderung der bestehenden wasserrechtlichen Erlaubnis beantragt. Nun habe sich dadurch eine »Verminderung der Eingriffsschwere« ergeben.

Es folgte eine erneute Prüfung durch die Untere Naturschutzbehörde. Daraus und aus dem Gutachten des amtlichen Sachverständigen des Wasserwirtschaftsamts hätten sich keine zwingenden Versagungsgründe ergeben. Das heißt: Die Maßnahme ist rechtlich also einwandfrei abgewickelt und genehmigt.

»Es ist ökologischer, das Holz hier zu lagern«

Dr. Daniel Müller, Leiter des Forstbetriebs Berchtesgaden, erklärt, warum das Nasslager genau jetzt gebraucht wird und warum es an dieser Stelle gemacht wird. Denn die erste Genehmigung durch das Wasserwirtschaftsamt lag ja bereits 2009 vor. »Wir haben immer noch mit den enormen Schadholzmengen zu kämpfen, die durch den Schneebruch im vergangenen Winter entstanden sind und auch noch von Sturm Kyrill aus dem Jahr 2007«, so Dr. Müller.

Er spricht von 150.000 Festmetern Schneebruchholz. Daher wäre der Nasslagerplatz schon vor einigen Monaten nötig gewesen. Da aber die alte Genehmigung verjährt war und alles vom Landratsamt erneut geprüft werden musste, dauerte es bis jetzt. »In den Wäldern liegen auch noch 90.000 Festmeter Schadholz«, seufzt der Betriebsleiter. Dieses Jahr habe man unglaublich viel zu tun.

Zur Wahl des Ortes erklären Dr. Müller – und auch Rupert Walch, Geschäftsleiter der Gemeinde Bischofswiesen – dass es genau an dieser Stelle »schon immer einen Lagerplatz gab«. Seit einigen Jahrzehnten würden am Klaushäuslweg schon Holzstämme liegen. Nur wird der Platz nun erweitert und mit dem nötigen Equipment zu einem Nasslager umfunktioniert. Er sei laut Müller prädestiniert dafür, da die besagte Wiese neben dem Weg flach und Wasser in der Nähe ist – der Frechenbach. Bisher hatte der Forst einen solchen Platz am Saalachsee genutzt, allerdings war dies keine dauerhafte Lösung. »Außerdem sind die Sägewerke in Bayern gerade voll ausgelastet, da es unglaublich viel Käferholz zu verarbeiten gibt«, fügt Dr. Müller hinzu.

Dann führt er ökologische Gründe für dieses Nasslager an: »Unser nächstes Nasslager mit Kapazitäten liegt in Burghausen. Das heißt, wir müssten das Holz mit Lkw dorthin karren, und von dort dann wieder in Sägewerke.« Dies verschlechtere die Ökobilanz. »Es in Bischofswiesen zu lagern, ist umwelttechnisch viel klüger.«

Ein weiteres Argument seinerseits: Durch die Nasslagerung ist eine insektizidfreie Borkenkäferbekämpfung möglich (siehe Erklärung unten).

Wer sich die Baustelle schon angeschaut hat, der wird auch die schwarzen Rohre bemerkt haben, die aus der Erde ragen. Dazu erklärt Dr. Müller: »Das Wasserwirtschaftsamt hat uns gebeten, dass wir die Voraussetzungen dafür schaffen, dass das Wasser gegebenenfalls recycelt werden kann. Das bedeutet, es soll die Möglichkeit bestehen, das Wasser aufzufangen, zurückzupumpen und noch mal zu verwenden.«

Zur Frage, warum die Maßnahme scheinbar geheim umgesetzt wird, sagt der Forstbetriebsleiter: »Eine Beteiligung der Öffentlichkeit war in diesem Fall nicht erforderlich.« Auf die Anschuldigungen durch den Bund Naturschutz, was die Schmetterlinge betrifft, gibt Dr. Müller zu: »Wir wussten, dass es ein sensibler Bereich ist.« Jedoch seien in dem umfassenden Genehmigungsverfahren nicht nur die Schmetterlinge berücksichtigt worden. »Die können ja auch drum herum fliegen«, scherzt der Forstbetriebsleiter. Zudem werde Mitte nächster Woche auch wieder der gleiche Humus auf die Fläche ausgebracht, auf der momentan Baustellenschotter liegt. »Darin enthalten sind ja auch die Samen der Futterpflanzen, die dann wieder wachsen.«

Müller verweist weiters auf die Ausgleichsflächen für den Nasslagerplatz. Dazu erklärt sein Kollege Markus Schröck, Mitarbeiter im Leitungsdienst im Forstbetrieb, die Ausgleichsflächen seien »rundherum« um den Platz. So ist zum Beispiel geplant, den Graben, der zwischen Frechenbach und Weg verläuft, wieder naturnah zu gestalten und auch wieder einen »Waldrand« zu schaffen. »Es wird nicht alles 1:1 so aussehen wie vorher, das braucht alles Zeit«, so Schröck, der um Verständnis bittet. Auch der Betriebsleiter sagt: »Ich verstehe die Einwände, es ist eben eine Baustelle und sieht momentan schlimm aus.«

Paul Grafwallner, ebenfalls beim Bund Naturschutz und Bischofswieser Gemeinderat, hat seinem Ärger über den Nasslagerplatz auf seiner Homepage im sozialen Netzwerk Facebook Luft gemacht. Daraufhin meldeten sich einige Einheimische und äußerten ebenfalls ihren Unmut in den Kommentaren unter dem Beitrag. »Ja wo san ma denn«, fragt einer, eine andere schreibt: »Eine Sauerei.« Die Einheimischen kennen den Klaushäuslweg als beliebten Fußweg, unmittelbar an der Baustellengrenze steht auch das Schild »Wandergebiet Loipl-Winkl«.

Einer der Vorwürfe von Paul Grafwallner lautet: »Das dort gelagerte Holz soll irgendwann in Zukunft auf den Markt geworfen werden, wenn die Preise wieder gestiegen sind. Die Spekulation auf steigende Holzpreise steht am Klaushäuslweg über dem Umweltschutz und über dem Schutz der Artenvielfalt.« Das dementiert Dr. Müller. Es handle sich rein um Schadholz. »Wir ernten doch nicht Holz, um es hier zu lagern. Es ist rein aus der Notlage heraus notwendig geworden. Uns ist auch viel lieber, wenn der Baum im Wald steht. Alles andere kostet nur Geld und Arbeitsstunden.«

Was ist ein Nasslager?

Auf einem Nasslagerplatz werden Holzstämme aufgeschichtet gelagert und dabei permanent bewässert. Durch die nasse Lagerung wird zum einen verhindert, dass sich Pilze oder Krankheiten im Holz ausbreiten. Zum anderen werden Schädlinge wie der Borkenkäfer so bekämpft. Sie werden aus dem Holz gespült.

Ein weiterer Vorteil dieser Art der Lagerung: Wenn Holz trocken gelagert wird, reißt es leichter und die Qualität verschlechtert sich. Ein Problem, das durch die Lagerung entsteht: Die im Holz enthaltene Gerbsäure wird durch die Bewässerung herausgeschwemmt und kann den Boden belasten, so Dr. Daniel Müller. »Jedoch wurde auch dies geprüft und das Wasserwirtschaftsamt hat uns versichert, dass die Werte unbedenklich sind.«

Annabelle Voss