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Bauern und Naturschützer tauschen sich zum Thema »Wolf« aus

Berchtesgadener Land – Auf Einladung der »Arbeitsgruppe Wolf‘« des Kreisverbandes Berchtesgadener Land im Bayerischen Bauernverband trafen sich Landwirte und Naturschützer in Bad Reichenhall. Ziel war zum einen das gegenseitige persönliche Kennenlernen und zum anderen auszuloten, wo gibt es Gemeinsamkeiten und welche grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten bestehen. Mit dieser Erklärung leitete Hans Gruber die Gesprächsrunde ein.


Zunächst informierte Dr. Wolfgang Scherzinger über die rechtlichen Hintergründe und Leitlinien, die im Rahmen der FFH-Richtlinie von der EU-Kommission beziehungsweise im Wolfsmanagementplan von verschiedenen landwirtschaftlichen und Naturschutz-Verbänden definiert wurden, und hier nicht infrage gestellt werden sollten. Dazu zählen die Notwendigkeit einer bestmöglichen Integration der großen Beutegreifer in Bewirtschaftungssysteme und Gesellschaft sowie das Langzeitziel einer Populationssicherung von Luchs, Wolf und Bär in einem »günstigen Erhaltungszustand«.

Zur Milderung von Konflikten und wirtschaftlichen Einbußen können Risse entschädigt werden, allerdings nur, wenn die betroffenen Haus- oder Nutztiere mit entsprechenden Herdenschutzmaßnahmen gesichert waren oder wenn die Tiere aufgrund der Geländeoberfläche nicht gesichert werden konnten. Damit die Entschädigungen gezahlt werden können, gibt es Prüfungsverpflichtungen, inwieweit diese Vorgaben erfüllt waren.

Gabi Thanbichler aus Teisendorf berichtete über eine Pressemitteilung des Umweltministeriums vom 21. Dezember 2021, wonach nur noch 13 Euro pro laufendem Meter Zaun und für maximal 0,3 bis 0,4 Großvieheinheiten pro Hektar gezahlt werden. In der Öffentlichkeit werde es aber immer noch so verstanden, dass die kompletten Kosten der Zäunung von staatlicher Seite übernommen werden. Dabei sei es mit der Errichtung des wolfsabweisenden Zauns nicht getan, denn damit er funktioniert, müsse in der Vegetationszeit regelmäßig ausgemäht werden, was natürlich einen zusätzlichen hohen zeitlichen Aufwand bedeute, aber das werde nicht honoriert. Dasselbe gelte für die Schneeräumung im Winter.

BN-Kreisvorsitzende Rita Poser äußerte, dass Wölfe normalerweise vor dem Menschen flüchten. In Norddeutschland in der Nähe zu einem Truppenübungsplatz passiere es immer wieder, dass Wölfe zu parkenden Autos kamen und um Futter bettelten. Diese Wölfe durften aufgrund ihres untypischen Verhaltens entnommen werden, und wie sich herausgestellt hatte, waren sie auf dem Übungsplatz aus Fahrzeugen heraus wohl immer wieder gefüttert worden. Das zeige, es sei nach wie vor wichtig, über den Wolf und den Umgang mit ihm zu informieren.

Maria Krammer sprach die emotionale Seite für die Tierhalter an, gerissene Schafe, Ziegen oder Kälber auf den Weideflächen zu finden. Sie äußerte die Befürchtung, dass es dadurch zu einer verstärkten Aufgabe der Tier- und Weidehaltung kommt. Michael Lichtmannegger wies darüber hinaus auf die Konsequenzen für die Almbewirtschaftung und den Tourismus hin.

Eine andere Möglichkeit ist es, mit Herdenschutzhunden die Sicherheit der Herdentiere zu verbessern. Doch auch diese ist mit einem ganz erheblichen Aufwand verbunden. Zum einen müssen die frei laufenden Hunde gut ausgebildet sein, damit sie die Sicherheit der Herde nicht von Wanderern gestört sehen. Zum anderen ist es eine Kostenfrage. Nach Erfahrungen im Landkreis mit Herdenschutzhunden liegen die Kosten bei rund 1 500 Euro pro Tier und Jahr für Futter und Tierarzt. Ein weiteres Problem sehen die Landwirte in der neuen Hundehalter-Verordnung, wonach täglich eine Mensch-Tier-Beziehungszeit von 1,5 Stunden vorgeschrieben ist.

Vonseiten des BN wurde auf die bisherigen Erfahrungen mit dem Herdenschutz (Zäune, Behirtung, Hunde) in der Schweiz, in Südtirol und Österreich hingewiesen sowie auf das Angebot von Kursen für Viehhalter zur Sicherung ihres Tierbestandes (zum Beispiel Wilderness Society in Tamsweg/Salzburg; Willi Reinbold, Wolfsbeauftragter des LBV in Bayern).

Grundsätzlich einig waren sich die Teilnehmer des Bauernverbandes und des Bund Naturschutz auch darin, Problemwölfe zu entnehmen. Allerdings wurde der »Problemwolf« von beiden Seiten recht unterschiedlich definiert: Während der BBV Wölfe, die in Ställe eindringen oder auf Weiden wiederholt mehrere Nutztiere reißen oder verletzen, bereits zur Entnahme freigeben würde, orientiert sich der BN an den EU-weit festgelegten Kriterien, wie sie auch vom Managementplan Wolf für Bayern übernommen wurden. Erst wenn der Wolf eine Gefahr für den Menschen darstellt oder wiederholt Schutzmaßnahmen an Weiden überwindet, um landwirtschaftliche Nutztiere zu reißen, spricht der BN vom Problemwolf.

Ein wichtiges Ergebnis des Gesprächs war die gemeinsame Forderung, den Förderumfang für die Zäunung wieder auf 100 Prozent zu erhöhen. Unbedingt notwendig sei auch eine Beteiligung an den Unterhaltskosten für die Zäune und die Herdenschutzhunde. »Diese können auch angesichts der nach wie vor niedrigen Erzeugerpreise unmöglich allein den Landwirten zugemutet werden«, zeigte sich Erich Prechtl vom BN überzeugt. Auch hatten viele Bauern durch den Bau der von der Gesellschaft geforderten offenen Laufställe hohe Investitionsausgaben und müssen jetzt wieder Geld aufwenden, um die Ställe wolfssicher zu machen.

Übereinstimmung gab es auch darin, die Debatte sachlich zu führen mit dem Ziel, die Bürger über den Wolf und sein Verhalten besser aufzuklären, den bestmöglichen Schutz für die Nutztiere zu erreichen, auch dem Wolf ein Überleben zu ermöglichen und weiter im Gespräch zu bleiben, um bei der Ankunft des nächsten Wolfes besser gerüstet zu sein.

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