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Avec Plaisir, Eleganz und poetischem Zauber

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Daniel Rowland (Violine) und Maja Bogdanovic (Violoncello) machten ihre Zuhörer zu verblüfften Bewunderern. (Foto: Benekam)

Sonnenschein, glitzerndes Wasser vor sattgrünem Weinberg am Seeoner See: Der Blick vom Kloster Seeon, in dessen Festsaal das zweite Konzert des inzwischen 16. Chiemgauer Musikfrühlings zahlreiche Musikliebhaber angelockt hatte, war eine Steilvorlage sonntäglichen Kulturgenusses.


Äußerlich wie innerlich bestens eingestimmt, freuten sich die Konzertbesucher im voll besetzten Festsaal auf »Paris, Mon Amour«. Die »Tänzerin mit Blumenstrauß« von Degas, die die Seite des kunstvoll gestalteten Programmhefts ziert, schien ebenso »bereit«, wie die insgesamt acht hochkarätigen Musiker, die, in Duos aufgeteilt, fünf Werke zumeist französischer Komponisten zu Gehör brachten.

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Den Anfang machten Diana Ketler (Klavier) und Thorsten Johanns (Klarinette) mit der Sonate für Klavier und Klarinette Op. 167 von Camille Saint-Saëns. Als einer der größten französischen Musiker des 19. Jahrhunderts bemühte sich Saint-Saëns um weltweites Ansehen der französischen Kammermusik. Das gelang ihm – damals wie heute. Damals setzte er mit dieser Sonate ein letztes Glanzlicht, denn es war sein letztes Werk. Und noch heute ernten Interpreten für ihre expressive Gestaltung der ganz im Geist der französischen Spätromantik stehenden, viersätzigen Sonate bei größter Virtuosität satten Applaus.

Weitgespannte Melodienbögen poetisch-romantischer Tonsprache bestimmen den ersten Satz. Ihm folgt eine Pastorale, die von einem solistischen Vor- und Nachspiel umrahmt wird. Ein schneller, spritziger Satz vervollständigt die Szenerie und beschließt ein Werk, das durch Poesie, Heiterkeit und Klarheit verzaubert. Diana Ketler und Thorsten Johanns atmeten und zelebrierten dieses Werk mit jeder Faser ihrer Herzen.

Nach diesem romantischen Nachruf wirkte das »Quatre Visages« für Bratsche und Klavier Op. 238 von Darius Milhaud wie eine musikalische Runderneuerung oder ein Zeitsprung über 100 Jahre Musikgeschichte. Mit einem Höchstmaß an virtuoser Sensibilität gelang es Razvan Popovici (Bratsche) und Diana Ketler (Klavier) Milhauds feinen Humor, mit dem er seine einfallsreichen Charakterporträts weiblicher Protagonistinnen aus der neuen Welt und dem alten Europa in Noten herausgefiltert hatte (»La Californienne«, »The Wisconsonian«, »La Bruxelloise« und »La Parisienne«), hör- und spürbar zu machen.

Maurice Ravel (1875 bis 1937) war einer der großen Rebellen der Musik. Seine Sonate für Violine und Cello M. 73 entstand 1920 und war dem zwei Jahre zuvor verstorbenen Claude Debussy (1862 bis 1918) gewidmet. Dass Kritiker Ravel nach der Uraufführung vorwarfen, ein »Massaker« an den Solisten begangen zu haben, sagt eigentlich alles über die enorm hohen technischen Anforderungen dieses Werks.

Daniel Rowland (Violine) und Maja Bogdanovic (Violoncello) nahmen die musikalische Zirkusnummer mehr als sportlich, wurden ihr spielend (im besten Wortsinn) gerecht und machten damit die völlig überwältigten Zuhörer zu verblüfften Bewunderern. Kein Massaker also, sondern ein hohes Beispiel für Linearität und Bitonalität der Musik der Moderne, die sich damals in diesem Werk Bahn brach – und das heute, in lockerer Umsetzung und mit offenbar großer Musizierfreude, gewinnende Wirkung erzielt.

In etwas ruhigere Hörgefilde lockten Justus Grimm (Violoncello) und Roland Pöntinen (Klavier) mit der Sonate für Cello und Klavier von Claude Debussy. Bewusst in Anlehnung an die französische Sonatenkunst des Barocks konzipiert, hat Debussy die drei Sätze in freien Formen gehalten. Ihre poetischen Titel (Prologue. Lent, Sérénade. Modérément animé und Finale Animé) verweisen auf Außermusikalisches: Lyrik und Drama, Antike und Natur. Ihr Stil ist von Eleganz und poetischem Zauber geprägt – Eigenarten, die Debussy als typisch französisch empfand und die im Festsaal in hervorragender Interpretation »avec plaisir« beklatscht wurden.

Wunderbar in diese schönen Klänge versunken, wunderte man sich, dass das zweite Musikfrühling-Konzert sich schon dem Ende zuneigte. Mit der Sonate für Violine und Klavier in A-Dur von César Franck wurde aber noch ein letzter Höhepunkt gesetzt. Marc Bouchkov (Violine) und Roland Pöntinen (Klavier) interpretierten mit erfreulicher Brillanz Francks 1886 komponierte A-Sonate, die der Idee eines Motto-Themas folgt, welches sich zyklisch durch alle vier Sätze zieht. Das hochromantische Wesen dieser Sonate und die tiefe konzentrative Versunkenheit der beiden Interpreten übten auf die Zuhörer Zauberkraft aus: Belebt und zugleich verträumt mussten sich die restlos begeisterten Zuhörer dennoch losreißen.

Im Gegensatz zum schönen Wetter ist der Musikfrühling noch nicht vorüber. Infos zu weiteren Konzerten gibt es unter www.chiemgauer-musikfrühling.de Kirsten Benekam

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