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Ausdrucksstarke musikalische Ambivalenzen

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Ein Quartett des »ensemble amphion« mit (von links) Alexander Krins, Anna-Lena Mayer, Felicia Graf und Simon Nagl verwöhnte im k1 mit Haydns »Sonnenquartetten« op. 20. (Foto: Benekam)

Manchmal, wenn einem Komponisten ein Werk von außergewöhnlicher Brillanz gelingt, dann braucht er im Anschluss an seine intensive Schaffensphase eine kreative Pause; vielleicht, um das eigene Werk selbst zu verarbeiten, um dann wieder freie Energien für Neues mobilisieren zu können. So war es wohl bei Joseph Haydn, der im Jahr 1772 mit den »Sonnenquartetten« eine erstaunliche Folge von 18 Werken abgeschlossen und damit die Grundlage des klassischen Streichquartetts geschaffen hat.


Erst zehn Jahre später folgte mit den Quartetten op. 33 die   nächste Werkserie. Das »ensemble amphion«, 1995 von Alexander Krins initiiert, verwöhnte Klassik-begeisterte Zuhörer im k1-Studio mit vier Quartetten aus der Sechser-Serie der Sonnenquartette op. 20, die von Kritikern als »eine der vielgestaltigsten, experimentellsten und aufregendsten« Werkgruppen des 18. Jahrhunderts bezeichnet wurde. Mit dem harmonischen Zusammenspiel von Alexander Krins (Violine), Anna-Lena Mayer (Violine), Felicia Graf (Viola) und Simon Nagl (Violoncello) wurden Haydns Sonnenquartette einmal mehr in ihrer Klangschönheit gerühmt und von den k1-Gästen mit schwärmerischer Bewunderung bedacht.

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Welche Emotionen und Lebensumstände Haydn seinerzeit zu dieser Komposition inspiriert haben, das kann man nur erahnen. Sicher aber ist, dass sich seine Musik bis heute größter Beliebtheit erfreut und ihre Popularität den enormen Zeitwandel überdauert hat: Sie zielt und trifft – und das war an diesem Konzertabend der Klassik-Reihe im k1 eindeutig zu spüren – damals wie heute mitten ins Herz. Nach einer kurzen Begrüßung nahm sich Alexander Krins Zeit, den Zuhörern gut verständliche Erläuterungen über den Komponisten und die gespielten Werke zu liefern.

Als erstes erklang das Quartetto D-Dur op. 20 Nr. 4. Sein erster Satz, Allegro di molto, ist ein Muster an thematischer Ökonomie, indem die »geheimnisvoll anklopfenden« Themen des Hauptthemas immer wieder von neuem ansetzen und melodisch anders fortgeführt werden. Sanft und dennoch kraftvoll, fast wie die Frühlingssonne. Charakteristisch für Haydns »moderne« Kammermusik ist hier das gleichberechtigte Miteinander aller Instrumente zu hören.

Der zweite Satz, Un poco adagio e affenttuoso, kontrastiert zum heiteren Kopfsatz mit ernstem d-Moll-Thema und ist von melancholischer Stimmung durchsetzt, welche aber im dritten Satz, Menuet alla Zingarese, mit skurrilen, zigeunerhaft anmutenden Melodien wieder aufgelöst wird. Der Zuhörer assoziiert fast einen lustigen Maskenball. Ein echtes Feuerwerk an musikalischen Ideen. Mit Effekten aus der Zigeunermusik ist auch der Finalsatz, Presto e scherzando, gespickt, welcher in seinem »scherzenden« Tonfall keine Pointe schuldig bleibt.

Im Anschluss kam das Quartetto g-Moll op. 20 Nr. 3 zu Gehör: Im »erschreckenden« ersten Satz, Allegro con spirito, werden die sieben Takte des Hauptthemas regelrecht zerstückelt. In den folgenden drei Sätzen, Menuet Allegretto, Poco adagio und dem Finalsatz Allegro di molto hat Haydn mit lichten, hohen Geigenstimmen die Grimmigkeit des Kopfsatzes stufenweise abgemildert und versöhnt so mit meditativ-entspannenden Klängen.

Eine kurze Pause nach diesem anspruchsvollen Hörerlebnis tat gut, sodass die Konzertbesucher hoch konzentriert im zweiten Konzertteil das Quartetto C-Dur op. 20 Nr. 2 genießen konnten. Von den vier Sätzen – Moderato, Capriccio Adagio, Menuet Allegretto und Fuga a quattro soggetti – ist eindeutig der Finalsatz mit einer kapriziösen, atemberaubend schnellen und witzigen Fugentechnik der beeindruckendste. Mit dem Quartetto f-Moll op. 20 Nr. 5 schloss das »ensembe amphion« den Konzertabend ab und erntete noch einmal allergrößten Respekt und dementsprechend kräftigen Applaus von den restlos begeisterten Zuhörern. Zu einer Zugabe waren die passionierten Musiker gerne bereit. Kirsten Benekam