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Aus für Dialysezentrum im Berchtesgadener Solekurbad

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Seit rund 24 Jahren war im sogenannten Solekurbad am Franziskanerplatz ein Dialysezentrum beheimatet. Zum Jahresende ist Schluss. (Foto: Ulli Kastner)

Berchtesgaden – Bei Patienten und Mitarbeitern des Dialysezentrums Berchtesgaden sitzt der Schock tief. Erst Ende letzter Woche erfuhren sie, dass die im sogenannten »Solekurbad« am Franziskanerplatz existierende Nephrocare-Einrichtung zum 31. Dezember schließt. Als Grund gibt die Fresenius Medical Care Aktiengesellschaft mangelnde Rentabilität an.


Die 28 teils schwer kranken Patienten werden jetzt bis zu dreimal wöchentlich für ihre stundenlangen und lebensnotwendigen Dialysen den Weg nach Bad Reichenhall antreten müssen, dem medizinischen Fachpersonal bleibt großteils nur die Suche nach einem neuen Job.

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Von der Schließung hatte das medizinische Fachpersonal am Donnerstag letzter Woche auf einer Mitarbeiterversammlung erfahren, die Benachrichtigung der Patienten erfolgte ab Freitag. Auch die Marktgemeinde Berchtesgaden, Eigentümerin des Solekurbads und damit Vermieterin der Räumlichkeiten, erfuhr von der bevorstehenden Schließung erst am Freitag.

Das vor rund 24 Jahren von Dr. Kerschbaumer gegründete Dialysezentrum ist Teil des sogenannten Medizinischen Versorgungszentrums, zu dem außerdem die Allgemeinmedizinerin Dr. Eva Langeluedekke und der in der Zweigstelle Bad Reichenhall ansässige Kardiologe Dr. Robert Heißel gehören. Bei Fresenius wertet man es als »gute Nachricht«, dass die beiden Ärzte ihre Praxen erwerben und selbstständig weiterführen werden. »Dadurch können die meisten der rund 25 Mitarbeiter (im gesamten Medizinischen Versorgungszentrum; Anm. d. Red.) übernommen werden.

Den anderen Mitarbeitern haben wir angeboten, sie in unseren anderen Nephrocare-Zentren weiterzubeschäftigen. Dieses Angebot haben einzelne Mitarbeiter auch schon angenommen«. Die meisten der acht Beschäftigten im Dialysezentrum müssen sich allerdings einen neuen Job suchen.

Nephrologin künftig in Bad Reichenhall tätig

Bei Fresenius lässt Pressesprecher Steffen Rinas auf Anfrage wissen, dass eine Schließung des Medizinischen Versorgungszentrums zum 31. März 2021 geplant sei. Tatsächlich sollen die 28 Dialyse-Patienten aber bereits ab dem Jahreswechsel im Nierenzentrum des Kuratoriums für Dialyse und Nierentransplantation e.V. in Bad Reichenhall behandelt werden.

Rinas: »Oberste Priorität hat für uns, dass unsere Nephrologie- und Dialysepatienten in örtlicher Nähe nahtlos gut und sicher weiterbehandelt werden. Darum haben wir uns gekümmert und mit dem benachbarten KfH Bad Reichenhall vereinbart, dass alle Nephrologie- und Dialysepatienten künftig dort therapiert werden können. Der Übergang der Patienten nach Bad Reichenhall soll bereits zum Ende dieses Jahres abgeschlossen sein.«

Um den reibungslosen Wechsel der Patientinnen und Patienten will sich Fresenius nach eigenen Angaben in Absprache mit dem KfH Bad Reichenhall kümmern. Da auch die bislang im Solekurbad eingesetzte Nephrologin Dr. Regine Hoika-Jacob zum KfH Bad Reichenhall wechseln wird, soll sich für die Behandlung der Patientinnen und Patienten laut Fresenius »kaum etwas ändern«. Dr. Regine Hoika-Jacob ist über die neue Situation freilich nicht glücklich, blickt aber optimistisch nach vorne: »Ich werde meine Arbeit zum Wohle meiner Patienten in gewohnter Weise in Bad Reichenhall fortführen.«

Wenige Patienten, hoher Personaleinsatz

Die Frage nach dem Grund für die Schließung beantwortet der Pressesprecher folgendermaßen: »Durch die besondere Lage mit der im Süden sehr nahen deutsch-österreichischen Grenze war das Einzugsgebiet des Dialysezentrums seit jeher sehr stark eingegrenzt. Die Patientenzahlen sind entsprechend gering und standen zuletzt immer weniger in einem vertretbaren Verhältnis zum hohen Personaleinsatz, der in einem so sensiblen Bereich wie der Dialyse auch bei geringen Patientenzahlen einen bestimmten Umfang nicht unterschreiten kann. Die zusätzlichen Hygiene- und Sicherheitsanforderungen angesichts der Corona-Pandemie kamen erschwerend hinzu.«

Nicht nachvollziehen kann die überstürzte Schließung des Dialysezentrums der Schönauer SPD-Gemeinderat Andreas Pfnür, der selbst einmal wöchentlich das Dialyseangebot im Solekurbad in Anspruch nimmt. »Es passt einfach nicht, wenn man Mitarbeiter, Patienten und Politik erst wenige Wochen vor der endgültigen Schließung informiert«, schimpft Pfnür. Er spricht von einem »Martyrium«, das die 28 Patienten erwarte, die künftig teils mehrmals wöchentlich den Weg nach Bad Reichenhall antreten müssen.

Die meisten sind schon hoch betagt und können selbst nicht mehr fahren, sind deshalb auf ein Taxi oder einen anderen Zubringerdienst angewiesen. Einer von ihnen ist bereits 83 Jahre alt, ein anderer – ebenfalls bereits 80 – nimmt schon seit 14 Jahren die Dialyse im Solekurbad in Anspruch. Damals lag die Einrichtung noch in den Händen von Dr. Kerschbaumer, vor zwölfeinhalb Jahren übernahm dann Fresenius das Dialysezentrum.

»Auf dem Rücken der Schwächsten«

Andreas Pfnür hält es für »unerträglich, so mit alten Leuten umzugehen«. Ihnen werde damit die Vertrautheit genommen, die sich über Jahre hinweg entwickelt habe. Viele der Patienten müssten dreimal wöchentlich fünf bis sechs Stunden an die Dialyse, dazu komme jetzt auch noch die verlängerte Fahrzeit. »Patienten und auch Angestellte tun mir richtig leid«, sagt Pfnür, der seine Vorwürfe auch an die Kassenärztliche Vereinigung richtet.

Dass die hierzu ihr Einverständnis gegeben habe, kann der Kommunalpolitiker nicht verstehen. Denn immerhin wurde das Angebot bislang auch von den lokalen Rehakliniken und auch von Urlaubsgästen genutzt. »Das Ganze wird auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen.«

Mit über 300 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in mehr als 100 Ländern und einem Jahresumsatz von über 35 Millionen Euro ist Fresenius laut Homepage heute eines der weltweit führenden Unternehmen im Gesundheitsbereich. Das KfH Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation e.V. mit Sitz in Neu-Isenburg, ist ein gemeinnütziger Verein, seine Mitglieder sind überwiegend Ärzte (Nephrologen). Das KfH hat die Versorgungsstrukturen für die Behandlung chronisch nierenkranker Patienten in Deutschland geschaffen. Ulli Kastner