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Aus der dichten Nebelbrühe

Wenn man an einem Hochsommer-Nachmittag bei rund dreißig Grad in die Eishalle strebt, um dort ein Stück über die Einsamkeit einer Kunsteisläuferin vorgeführt zu bekommen: Kann schon sein, dass einem da das rechte Problembewusstsein abhanden kommt.

Die französische Theatermacherin Gisèle Vienne ist derzeit mit zwei Produktionen eingeladen zum Young Directors Project bei den Salzburger Festspielen. Für die eine, »Éternelle Idole« geht's also in die Red-Bull-Arena. Wer den Pullover vergessen hat und sich langen Unterhosen grundsätzlich verweigert, kann sich in eine warme Decke hüllen: »Faust I + 2« steht drauf, ein Relikt aus besseren Theaterzeiten bei den Festspielen.

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Eine Stimmung, als ob Red Bull zweistellig verloren hätte. Die Musik dröhnt auf und ein ätherisches Geschöpf kurvt endlos in der Arena herum. Die Dame ginge bei der Wiener Eisrevue zwar nicht durch, aber ein paar Tanzschritte, sogar ein paar Pirouetten und Sprünge hat sie drauf. Wir lernen: Eislaufen ist eine überirdisch wundersame Sache. Aber es kostet Mühe, das zu lernen. Eine Gruppe von Elevinnen übt den Gleichschritt, die Eisprinzessin ist ihr »Éternelle Idole«.

Dann Eishockeyspieler bei der Morgenarbeit, siebzehn Leute. Das verwundert sogar einen Sport-Unkundigen. Aber es wird in der Nebel- und Metaphernsuppe auf der Eisfläche schon auch dies seinen tieferen Sinn haben. Könnte sein, dass die blütenweiße Eisprinzessin was mit ihrem Trainer hat, aber Genaueres ist der kurzen Szene nicht zu entnehmen. Dann kommt's wieder dick, in Nebelschwaden nämlich. Ein Außerirdischer (oder ein Eishockey-Golem, so genau sieht man das auf die Ferne nicht) holt die ohnmächtig zusammengesunkene Eisprinzessin, und im dichten Gewölk des Bühnennebels ist eine fliegende Untertasse gelandet. Dann ist das Spektakel vorbei, verlegener Beifall. Kunsteis-Artisten investieren viel Lebenszeit in ihr »Éternelle Idole«. Theaterbesucher manchmal auch.

Abends im Republic haben die Nebelwerfer nicht weniger zu tun, und die Leute an den Lautstärkereglern drehen auch wieder voll auf: »This is how You will disappear«, ein Grusel-Schautheater, das sich ein drittklassiger Romantiker nicht besser hätte ausdenken können. Fauler Bühnenzauber! In einer Zehn-Minuten-Episode passiert gleich überhaupt nichts, außer dass die Wolken mit handwerklicher Perfektion an- und ausgeleuchtet werden. Wenn beim YDP ein Preis für Special effects zu vergeben wäre, er wäre dem Team von Gisèle Vienne sicher.

Gisèle Vienne tingelt mit »This is how You will disappear« schon lange herum. Beim »Steirischen Herbst« in Graz war die Produktion gar schon 2010 zu sehen. Hat ein solcher alter Hut etwas verloren beim Young Directors Project?

Dichtes Unterholz auf der Bühne. Eine junge Dame mit wohlgeformtem Körper hat sich für exzessive Outdoor-Gymnastik entschieden. Oder sie wird dazu gezwungen vom Trainer, der zweiten Bühnenfigur. Es scheint jedenfalls eine Besessenheit geworden zu sein. Später wird ein Pop-Barde auftauchen, eine etwas unterbelichtete, wald-schattige Variante von Elvis. Auch der hat, wie es scheint, wider die Natur gelebt. Kommt »Éternelle Idole« in der Eisarena ganz ohne Worte aus, so gibt es hier deren einige. Nicht viele, aber doch so bedeutungsschwanger, dass es reicht, im Zuschauer ein paar Assoziationen zu wecken. Auf diese Kopfgeschichten allein ist Gisèle Vienne nämlich aus. Aus hingeworfenen Mini-Szenen und einer dicken Brühe an optischen Metaphern sollen wir uns tunlichst selbst was ausdenken.

Das akustische Environnement hat auch hier oft niederschmetternder Lautstärke. Alles Schall und Rauch also.

In der letzten Szene kommt ein Falke ins Spiel. Ein echter. Aber keine Sorge, es muss kein Lebewesen leiden an dem Abend. Jedenfalls nicht auf der Bühne. Reinhard Kriechbaum