weather-image
23°

Auf der Suche nach einer anderen Heimat

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Lektüre im Flüchtlingszelt: Herlinde Koelbls wohl poetischstes Foto ihres Projekts »Refugees. Eine Herausforderung für Europa«. (Foto: Gärtner)

Sie ist keine Journalistin, sagt Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin. Sie arbeitet als Berichterstatterin per Bild. Mit ihrer Digitalkamera reiste sie vorigen Herbst, im Auftrag des »Deutschen Botschafters beim Europarat in Straßburg«, unter anderem an den Hafen von Athen, auf die Insel Lesbos, nach Thessaloniki und Idomeni, auch bis Sizilien – und hielt ihr perfekt geführtes Dokumentationsgerät auf die elende Situation derer, die eine neue, eine andere Heimat suchen.


Hunger, Krieg, fehlende Arbeit, ethnische oder religiöse Verfolgung, Krankheit, Gewalt – was immer Menschen dazu trieb und noch immer treibt, ihr Land und ihre Lieben zu verlassen und endlich ein menschenwürdigeres Leben als in ihrer angestammten Heimat führen zu können – sind starke Kräfte, sich freiwillig unglaublichen Strapazen auszusetzen. Ihr Begleiter ist die Hoffnung. Das wollte der Europarat in einer Ausstellung denen klar machen, die noch immer nicht begreifen, dass wir alle aufgerufen sind, die Situation der Flüchtlinge zu erkennen und entsprechend zu handeln.

Anzeige

»Eine Herausforderung für Europa«

Die Fotografien der 78-jährigen Münchnerin Herlinde Koelbl sind jetzt im Literaturhaus ihrer Heimatstadt zu sehen. »Eine Herausforderung für Europa« ist der Titel der Ausstellung, die noch bis zum 7. Mai zu sehen ist. Er wird mit dem englischen Wort für Flüchtlinge, »Refugees«, verbunden. In der Begleitbroschüre, die eine Auswahl der ausdrucksstarken, teils sachlichen, teils poetischen Farbfotografien enthält, erklärt Koelbl ihr Anliegen. Sie wollte herausfinden, »wie es weitergeht nach der Ankunft der Flüchtenden in Griechenland, Italien oder Deutschland«. Sie filmte und fotografierte in der Münchner Bayernkaserne, in Berlin (ICC, Lageso, Airport Tempelhof), in Donauwörth, Fallingbostel und in Hamburg (ZEA Papenreye). Den Menschen, die sich in Zelten und Camps provisorisch einrichten, fehlt jede Privatsphäre. Sie wollen sie aufgeben, der Verzweiflung nahe. Viele »ergeben sich der Langeweile«, Kinder spielen mit Sägen und Messern, Frauen werden schwanger und gebären Kinder. Auch wenn die Flüchtenden wenig komfortabel untergebracht sind, meistern sie irgendwie ihren Alltag. Sie sind auf die Hilfe der Durchgangs- und Ankunfts-Länder angewiesen.

Der Ausstellungsbesucher wird Beschriftungen und Erläuterungen der Fotos vermissen. Herlinde Koelbl kam es nicht darauf an, jedes Bild genau zu verorten. Die Situation von Menschen auf der Flucht aus Afghanistan, Iran, Irak, Nigeria, Somalia oder Syrien ist davon unabhängig, wo und wann genau diese und jene fotografierte Szene spielt. Jede ruft im Betrachter das schlechte Gewissen wach: Stacheldraht-Zäune, irritierte Blicke junger starker Männer, provisorische Barackenlager. Enttäuschte, Fragende, Anklagende, Verletzte, Hoffende, Schreiende, Ängstliche schauen den Betrachter an.

Ein »Thron« inmitten von Schwimmwesten

Berge von Schwimmwesten fotografierte Koelbl auf Lesbos, mittendrin steht, einem Thron gleich, ein Polstersessel. Eine junge Frau ruht in ihrem blaugrünen Zelt im Hafen von Athen bei der Lektüre in einem – wie auch immer von zu Hause mitgeschleppten – alten Buch aus. Ein junger Afrikaner, in goldglänzende Schutzfolie wie einen Königsmantel gehüllt, versucht, noch rasch vor Abfahrt seines Busses in Sizilien eine Toilettenkabine zu erreichen. Seine ängstlichen Augen fragen: »Wie soll das mit mir bloß weitergehen? Haben Sie eine Lösung meiner Lage?«

Was Herlinde Koelbl bei ihrer höchst respektablen, riskanten Foto-Arbeit wohl am meisten beeindruckte, wurde sie in einem Zeitungs-Interview gefragt. Ihre Antwort: »Dass viele Menschen, ganz besonders die Frauen, versuchen, ihre Würde zu bewahren, indem sie auf sich achten, sich pflegen oder auch versuchen, die paar Quadratmeter, auf denen sie oft mit der ganzen Familie leben müssen, ein bisschen schön zu gestalten«. Hans Gärtner