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Auf der Suche nach dem eigenen Stern

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»Anders« aber doch genial: Der schrill-bunte Chor im Musical »Meine Stille Nacht« mischt eine Weihnachtsfeier ordentlich auf. (Foto: Landestheater)

Geht man dieser Tage durch das weihnachtlich beleuchtete und aufs edelste dekorierte »Winter-Wonder-Land« Salzburg, mag wohl unter anderem eines auffallen: Reichtum und Schönheit, Konsum und Kommerz gehen Hand in Hand mit Armut, Elend und Resignation.


Auf dem Fußweg zur Felsenreitschule zur Musicalvorstellung »Meine Stille Nacht« sitzt ein Bettler auf dem nasskalten Boden. Manche Dinge ändern sich nie. Vor 200 Jahren wurde zum ersten Mal im nahen Oberndorf bei Laufen, in einer von Krisen gebeutelten Zeit, das Lied »Stille Nacht« gesungen: Der Text stammt von Hilfspfarrer Joseph Mohr, die Komposition von Franz Xaver Gruber.

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Anlässlich des Jubiläums entstand am Salzburger Landestheater ein Bühnenwerk, das jüngst in der Felsenreitschule eine rauschende Welturaufführung feierte. Die Musik schrieb der erfolgreiche Hollywood-Filmkomponist John Debney (zusammen mit Robin Davis Musikalischer Leiter), das Drehbuch verfasste die Autorin Hannah Friedman und die Liedtexte stammen von Michael Weiner, Alan Zachary und Siedah Garrett, die eine enge Zusammenarbeit mit Michael Jackson verband.

Mit Andreas Gergen, der mit »The Sound of Music« oder »Monty Pyton’s Spamalot« bereits große Erfolge zu verbuchen hat, war offenbar der genau passende Regisseur für dieses Format gefunden, dem in Kooperation mit dem Mozarteumorchester Salzburg, einem großen Solistenensemble mit Musicalstar Milica Jovanovic (als Elisabeth), sowie Chor und Ballett des Salzburger Landestheaters eine glanzvolle Fortsetzung der Erfolgsgeschichte des Liedes Stille Nacht gelang. »Meine Stille Nacht« setzt auf Inhalte, will auf modere Art mit Mitteln des Tanzes, der Musik und Schauspielkunst die Botschaft des Liedes, neu aufpoliert, servieren.

Dabei wollen die Macher keine Nacherzählung der Entstehungsgeschichte des Liedes liefern, sondern vielmehr – im Gewand eines modernen Märchens mit Hollywood-Flair – eine Brücke ins Heute schlagen. Die beiden Hauptfiguren Elisabeth (Milica Jovanovic) und Justin (Dominik Hees) kämpfen gemeinsam für ihre Visionen, sowohl im Privaten als auch im Beruflichen.

Elisabeth präsentiert ein innovativ gestaltetes Konzept für die Weihnachtsfeier eines renommierten Salzburger Jugend-Musikfestivals und erlebt ein herbes Scheitern. »Nicht in Salzburg«, so der Titel eines Liedes. Hier soll alles bleiben, wie es immer war, auch die Musik und überhaupt bleibt man am liebsten »unter sich« und pflegt Tradition.

Auch der junge amerikanische Unternehmer-Sohn Justin sucht seinen Platz im Leben und scheitert aus ähnlichen Gründen, als er die vakante Stelle des Jugend-Chorleiters übernimmt. Auf der Suche nach »dem eigenen Stern«, der für Glück und Freiheit steht, lassen Justin und Elisabeth zwar ordentlich Federn, finden aber letztlich für sich die wirklich wichtigen Werte – und in den Straßen Salzburgs einen neuen schrill-bunten Chor für das Weihnachtsprogramm: Eine junge Frau im falschen Körper eines Mannes, zwei rumänische Straßenkinder, die sich bettelnd durchschlagen müssen, eine Teenagerin, die ungewollt schwanger wurde und deshalb zuhause »rausflog«, einen nigerianischen Flüchtling, der den Traum einer Musikerkarriere träumt, und einen irischen Ausreißer mit hohem Aggressionspotential.

Ein jeder hat seine traurige Geschichte von Fremdenhass, Ausgrenzung, Vorurteilen und Diskriminierung zu erzählen: Ein brandaktuelles Thema, damals wie heute. Die gemeinsame Aufgabe ist zugleich Chance und Risiko für alle Beteiligten, die mit dem gemeinsamen Ziel fest zusammenwachsen und ihre Talente entdecken. Als aber der Auftritt bei der Feier in nobler Gesellschaft eskaliert, der Weihnachtsbaum kippt, in Flammen aufgeht, meinen die Jugendlichen den Kampf um eine Chance verloren zu haben. Lügen, Intrigen und schließlich eine Erpressung.

Die Weihnachtsbotschaft – ein schlechter Witz mit Bart. Die Story um »Meine Stille Nacht« bietet reichlich Stoff für bewegende Szenen. Glanz und Glamour, Salzburg trifft Hollywood: Traumhaft schöne Tanz- und Gesangseinlagen, ein wandelbares Bühnenbild in der atemberaubenden Kulisse der Felsenreitschule, die mit aufwändiger Beleuchtungstechnik und Videodesign selbst zum Kunstwerk wird, aber nicht zuletzt die sagenhafte Leistung des gesamten Ensembles machen das Bühnenstück zu »Unsere Stille Nacht«.

Eine Weihnachtsbotschaft mit vielen Überraschungsmomenten, die Salzburg, zumindest für die Dauer der Vorstellung, zum Nabel einer besseren Welt macht. Eine Welt, die sich die Menschheit, egal welcher religiöser, sexueller oder kultureller Gesinnung schaffen könnte – nicht nur an Weihnachten oder in dem Moment der Heiligen Nacht 1945, in der man miteinander »Stille Nacht« sang und so die Waffen zum Schweigen brachte. Eine schöne Botschaft und zum Schluss ein Happy End. Riesenapplaus und Stehende Ovationen für ein genre- und grenzüberschreitendes, interkulturelles und weihnachtliches Spektakel, das an die wahren Werte der »Stillen Nacht« appelliert. Kirsten Benekam

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