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IHK-Präsident: »Wir werden die Flüchtlinge qualifizieren können«

Asylbewerber als Fachkräfte von morgen

Bad Reichenhall – Die Grenzkontrollen seit fast zwei Wochen haben bereits massive Auswirkungen auf den Einzelhandel in der Grenzregion. Anni Klinger vom Wirtschaftsforum Freilassing beziffert den Umsatzrückgang mit rund 50 Prozent. »Wir leben hier von österreichischen Kunden, und bei Wartezeiten an der Grenze von bis zu zwei Stunden überlegt sich der eine oder andere Kunde natürlich den Einkauf in Bayern«, so Klinger gestern in der Sitzung des IHK-Gremiums Berchtesgadener Land. IHK-Präsident Eberhard Sasse ist zuversichtlich, dass die Wirtschaft es schafft, die Asylbewerber zu qualifizieren. »Allerdings wird die Politik auch Wohnraum schaffen und dabei die eine oder andere Vorschrift über Bord werfen müssen.« Sasse sieht die Zuwanderer generell als Chance, dass der Staat flexibler wird und den Vorschriften-Dschungel entrümpelt.

IHK-Präsident Eberhard Sasse (l.) und IHK-Geschäftsführer Peter Driessen sind sich einig, dass die Zuwanderer qualifiziert werden müssen und die Fachkräfte von morgen sein können. (Foto: Hudelist)

Das Thema »Flüchtlinge« sollte die IHK-Sitzung des Landkreises eigentlich nicht dominieren, tat es am Ende aber doch. »Wie beim Fußball haben wir auch jetzt 80 Millionen Politiker, die alles besser wissen«, stellte die IHK-Vorsitzende im Landkreis, Irene Wagner, eingangs fest. Sie wolle sich politisch dazu nicht äußern, »fest steht allerdings, dass wir als Gesellschaft die Flüchtlinge werden integrieren müssen.«

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Deutlichere Worte fand der Präsident der IHK München und Oberbayern, Eberhard Sasse. »Was die Politik macht, ist vorbildlich, aber jetzt müssen sich auch die Unternehmer engagieren«, so Sasse. Allerdings würden Kaufleute naturgemäß auch rechnen, »und die Frage wird sein, ob wir als Gesellschaft unsere Hilfszusage für diese Menschen auch werden halten können.« Die Asylbewerber hätten, wenn sie anerkannt sind, einen Anspruch auf einen Arbeitsplatz, »und ja, wir werden es schaffen, sie zu qualifizieren, aber die Politik muss zum Beispiel Wohnraum schaffen.« Dazu wird es nach Meinung des IHK-Präsidenten aber auch notwendig sein, die eine oder andere Bauvorschrift über Bord zu werfen.

Sasse sieht in der Integration der Asylbewerber die große Chance, Deutschland zu entbürokratisieren. »Wir Deutsche neigen dazu, alles zu 150 Prozent zu regeln. Jetzt werden alle Verwaltungen gezwungen sein, die eine oder andere Vorschrift in die Tonne zu treten«, wie es Sasse flapsig formulierte. Derzeit gäbe es eine »wahre Orgie« von Rechtsvorschriften, zum Beispiel bei der Arbeitszeitordnung. Interessant werde auch die Frage sein, wie sich die Asylbewerber mit einem anderem Kulturverständnis und anderen Traditionen integrieren lassen.

Dass die aktuelle Flüchtlingssituation Salzburg und das Berchtesgadener Land derzeit massiv belasten, steht auch für den Hauptgeschäftsführer der IHK München und Oberbayern, Peter Driessen, fest. »Aber ich erinnere daran, dass in Oberbayern derzeit 130 000 Fachkräfte fehlen, im Jahr 2033 werden 360 000 Stellen nicht besetzt sein. Andererseits sind Flüchtlinge zum überwiegenden Teil nicht die Fachkräfte, die wir brauchen«, so Driessen. Auch Bundesarbeitsministerium Andrea Nahles habe gemeint, nur zehn Prozent wären kurzfristig als Facharbeiter integrierbar. Die Wirtschaft wolle sich daher sehr stark auf junge Flüchtlinge konzentrieren, denn aktuell seien in ganz Oberbayern 11 000 Lehrstellen nicht besetzt, »realistisch sind es rund 25 000 Plätze, denn viele Ausbildungsplätze werden nicht mehr bei der Arbeitsagentur gemeldet«.

Für Handel und Industrie bedeuten die Grenzkontrollen seit fast zwei Wochen schon jetzt Chaos und massive Umsatzrückgänge, da viele Salzburger durch zum Teil stundenlange Wartezeiten derzeit einen Einkauf in Freilassing meiden. Peter John vom gleichnamigen Reifenhandel mit Werkstätten in Salzburg vor der Grenze und Freilassing spricht von einem »Chaos, das sollten wir nicht schönreden, ich sehe das jeden Tag vor meiner Tür«. hud