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Asiens Großangriff - Führungsanspruch bei Olympia

London (dpa) - Der asiatische Großangriff bei der Ringe-Show wird langsam unheimlich. China treibt seine geplante Machtübernahme im olympischen Weltsport eindrucksvoll voran, Südkoreas Vormarsch hat System und auch Nordkorea, Japan und Kasachstan überraschen mit Erfolgen und Ansprüchen.

Märchenhaft
Teeny Ye Shiwen pulversierte im Schwimmbecken Weltrekorde. Foto: Barbara Walton Foto: dpa

Das Kräfteverhältnis hat sich bei den London-Spielen weiter verschoben. Nach 220 der 302 Entscheidungen kommt nahezu jeder dritte Goldmedaillengewinner aus Asien. «Asien spielt, wie weltpolitisch und wirtschaftlich, auch im Sport zunehmend eine wichtigere Rolle», analysierte IOC-Vize Thomas Bach, «da gibt es eine sehr klare Orientierung und Konzentration auf Leistung und das führt zu einer klaren Fokussierung auf Medaillengewinne.»

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Chinas 396-köpfiges Olympia-Team kommt beim goldenen Staatsauftrag glänzend voran. Nach Platz eins in der Nationenwertung bei den Heimspielen in Peking mit 51 Mal Gold und 100 Medaillen insgesamt hatte die Parteiführung vor der Abreise der Olympia-Delegation das Ziel unmissverständlich klar gemacht. Das Reich der Mitte will seine Großartigkeit auch im Sport manifestieren und beweisen, dass der Goldrausch von Peking keine einmalige Geschichte war. Die Chinesen treten immerhin in 23 der 26 Sportarten in London an. Am viertletzten Wettkampftag hatten sie bereits 36 Gold-, 22 Silber- und 18 Bronzemedaillen gesammelt. Das Staatsfernsehen CCTV zelebriert die goldenen Momente der eigenen Athleten ausführlich.

An den Argwohn der Konkurrenz ist China längst gewohnt, an den Vorwurf des Systemdopings oder der staatlichen Muskelmast auch. Dabei tritt in der britischen Hauptstadt sogar die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) als Advokat der neuen Sport-Supermacht auf. Im September vergangenen Jahres habe die Anti-Doping-Agentur Chinas (Chinada) den Anschluss ans weltweite Meldesystem ADAMS vollzogen, teilte die WADA der dpa auf Anfrage mit. Damit wissen die Kontrolleure wenigstens, wo sich die chinesischen Athleten aufhalten. Fragen bleiben.

Nach der vermeintlich unerklärlichen Leistungsexplosion der 16 Jahre jungen Schwimmerin Ye Shiwen, die ihre persönliche Bestleistung gleich um sieben Sekunden verbesserte, stellte die Weltpresse offen die Frage: Plant Chinas Sportspitze die Machtübernahme mit allen Mitteln? Die offizielle Antwort der Athleten und Verantwortlichen: Drill, Disziplin und ein schier unerschöpflicher Talentpool aus einer Bevölkerung von mehr als 1,3 Milliarden Menschen.

Die Südkoreaner begründen ihren Fortschritt mit der Unterstützung durch Industriekonglomerate. Hinter dem Erfolg von Schwimmstar Park Tae-Hwan steht zum Beispiel ein ganzes Team, ein Physiotherapeut, ein persönlicher Trainer und der australische Coach Michael Bohl. Finanziert wird die Trainingsgruppe von einem Mobilfunkanbieter (SK Telecom). «Der wichtigste Zweck des Teams war es, Park in diesem Vier-Jahres-Projekt zum besten Schwimmer auf der 400-Meter-Strecke zu machen», so der Manager der Sportsgruppe, Ahn Jee Hwan. 1,5 bis 2 Milliarden Won im Jahr (bis zu 1,4 Millionen Euro) kostet SK der Betrieb des unabhängigen Trainingsteams.

Selbst in Südkorea unpopuläre Sportarten wie Leichtathletik, Schießen, Fechten oder Ringen werden durch Konzerne gefördert. So holte die 19 Jahre alte Schützin Kim Jang Mi bei ihrem Olympia-Debüt Gold mit der Pistole. Gerade bei der olympischen Kernsportart Leichtathletik gebe es noch viel zu tun, erklärte das Nationale Olympische Komitee Südkoreas, dafür sei im Bereich wissenschaftliche Forschung zur Leistungsförderung sehr viel passiert. Die Südkoreaner können bei ihren ehrgeizigen Ambitionen nicht nur auf den IOC-Hauptsponsor Samsung bauen.

Durch eine staatliche Stiftung zur Sportförderung werden üppige Belohnungen für Erfolge ausgelobt. Medaillengewinner haben ein Recht auf eine Lebensrente. Ein Olympiasieger von London erhält monatlich eine Million Won (etwa 875 Euro), bei Silber gibt es 750 000 Won, bei Bronze noch 525 000 Won. Ihr erklärtes Ziel, mindestens zehnmal Gold zu gewinnen und im Gesamtklassement unter den Top Zehn zu landen, hatten die Ostasiaten mit zwölf Olympiasiegen bereits vier Tage vor der Schlussfeier erreicht.

Durch die erfolgreiche Bewerbung von Pyeongchang um die Winterspiele 2018 wird der südkoreanische Sport einen weiteren Schub bekommen. Japan hofft auf den Zuschlag für die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2020 - Tokio gilt als Favorit im Dreikampf gegen Istanbul und Madrid. Auch in Kasachstan tritt der Staat als starker Partner des Sports auf. Schließlich lässt sich mit sportlichen Großtaten prima von Alltagsproblemen in dem zentralasiatischen Land ablenken. Jeder Olympiasieg wird mit einem Scheck über 200 000 Euro honoriert - sechs Goldmedaillen sind bisher herausgekommen. Über so viel Effektivität kann die westliche Welt nur staunen.