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Anstrengende Winterrettungstage der Reichenhaller Bergwacht am Watzmann

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Foto: Goebel, BRK BGL

Bad Reichenhall (mg/ml) – 22 Bergretter der Bergwacht Bad Reichenhall haben ein Wochenende lang auf der Kühroint-Alm am Watzmann die Winterrettung im Gebirge geübt und dabei traumhafte Tage in atemberaubender Landschaft erlebt. Pressesprecher Marcus Goebel war dabei, schildert seine Eindrücke und berichtet von den wichtigsten Lehr-Inhalten.


Bei der Rettung von verunglückten Skitourengehern, Schneeschuhwanderern und Sportlern im verschneiten Gebirge kommen zu der medizinischen Notfallversorgung und dem Abtransport des Patienten auch noch die Beherrschung der Lawinensituation und des Wärmeerhaltes des Verunglückten hinzu. Oftmals gestalten sich Bergrettungen im Winter ohne Hubschrauberunterstützung zu sehr materialintensiven Einsätzen.

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Bereits am Freitagmittag waren die ersten Bergretter mit einem mit Ausrüstungsmaterial und Proviant vollgeladenen VW-Bus zur DAV-Hütte auf der Kühroint-Alm aufgebrochen, um die Hütte und die Ausbildungsstationen für das Wochenende vorzubereiten. Christian Schieder, Ausbildungsleiter für Winterrettung der Reichenhaller Bergwacht, hatte das Wochenende geplant und mit sehr vielen interessanten und lehrreichen Inhalten ausgestaltet.

Als dann am frühen Samstagmorgen alle Teilnehmer angekommen waren, ging es sogleich los mit Lawinenkunde. Zentraler Punkt war der Lawinenlagebericht. Dieser gab zwar die Lawinenwarnstufe zwei aus, hatte jedoch auch auf die Gefahrenstellen im kammnahen Steilgelände der Hangrichtung Nordwest bis Ost oberhalb von 1800 Metern sowie in triebschneeverfüllten Rinnen und Mulden hingewiesen. Gerade die textlichen Ausführungen des Lawinenlageberichtes werden von manchem Alpinisten nicht wirklich gelesen, sondern es wird nur auf die insgesamt für das jeweilige Gebiet eingestufte Lawinenwarnstufe geachtet. Dabei sind gerade die Details im Textteil des Lawinenlageberichtes wichtig, um die Lawinensituation richtig einzuschätzen. Interessant ist der Textteil auch, weil noch Hinweise auf schön zu fahrende Hanglagen gegeben werden. Hier ist die richtige und von persönlicher Erfahrung geprägte Interpretation des Lawinenlageberichts unumgänglich. Dies sollte dann auch der einzige Theorieteil bis zum Abend bleiben.

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Nach der Durchführung des großen VS-Checks (Überprüfung der Funktion aller Lawinen-Verschütteten-Suchgeräte in einer Gruppe) stiegen die Reichenhaller Bergretter in drei Gruppen durch das Watzmannkar zur Skischarte und zum Fünften Kind auf. Unterwegs wurden die Hangneigungen beurteilt, verschiedene Methoden zur Messung der Hangneigung dargestellt und geübt, diverse Schneeprofile gegraben und ausgewertet und nebenbei auch auf die richtige Spuranlage geachtet, um im Ernstfall den schwer gepackten Bergrettern einen möglichst kräfteschonenden und doch zügigen Aufstieg zu ermöglichen. Aufgrund der vielen Ausbildungsinhalte beim Aufstieg durch das Watzmannkar blieb den Reichenhallern sowohl am Gipfel des Fünften Kindes als auch auf der Skischarte kaum Zeit, die grandiose Aussicht bei herrlichem Wetter zu genießen. Hatte doch der Ausbildungsleiter für das Wochenende, Christian Schieder, das Mittagessen bereits für 13.15 Uhr auf der Alm festgesetzt. So ging es in schnellen Schwüngen durch teilweise noch gut zu fahrenden Schnee zurück zur Hütte, wo eine hervorragende, selbst gekochte Kaspress-Knödel-Suppe wartete.

Am Nachmittag ging es durch verschiedene Stationen, bei denen die Bergretter die wichtigen Inhalte der Winterrettung im Gelände ausgiebig üben konnten. Eine der wichtigsten Stationen ist immer die VS-Suche mit Punktortung und Ansondieren der verschütteten Person. Dabei müssen auf einem präparierten Feld von jedem Bergretter zwei vergrabene VS-Geräte mit dem eigenen VS-Gerät geortet und mit der Lawinensonde getroffen werden. Bei der zweiten Station ging es um das Ablassen eines beladenen Akjas und anschließendes Aufziehen mittels Schweizer Flaschenzug an einer sogenannten Totmann-Sicherung. Hierfür werden ein paar Ski, ein Rucksack, ein Eisgerät, mehrere Stücke so im Schnee vergraben, dass sie als Fixpunkt dienen können. Wichtig hierbei ist die richtige Herstellung dieses Fixpunkts als Sicherung.

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Bei einer weiteren Station ging es um das Ausgraben eines Verschütteten aus größerer Tiefe. Bereits am Freitagnachmittag wurde für jede der drei Gruppen ein Rucksack in einer Tiefe von rund 1,50 bis 1,80 Metern vergraben. Kernpunkt dieser Station war die richtige Anordnung der Schaufler, um ein möglichst schnelles Ausgraben des Verschütteten zu erreichen. Dabei wird nach einer Zeit von etwa vier Minuten der an der Spitze schaufelnde Bergretter von einem nachfolgenden Schaufler abgelöst. Selbst wenn sich vier Minuten im Schnee zu schaufeln nicht sonderlich lang anhört, so ist es sehr anstrengend und jeder der Schaufler war froh, nach spätestens vier Minuten abgelöst zu werden. Eine ganz besondere Station war die so genannte Sondier-Bar. Hier konnten verschiedene Gegenstände wie ein Stück Holz, ein Stein, ein Rucksack, ein Ski und ein Mensch in einer Schneehöhle angeordnet werden. Die darüber stehenden Bergretter konnten mit ihren Sonden üben, welcher Gegenstand sich wie beim Ansondieren anfühlt und anhört. Dies ist wichtig, um verschüttete Gegenstände oder Personen richtig erkennen und vom normalen Boden unterscheiden zu können. Als die Bergretter alle Stationen durchlaufen hatten, wurde es auf der Alm bereits dunkel, und zum Abschluss gab es eine ausgiebige Brotzeit in der DAV-Hütte. Damit jedoch noch nicht genug: es folgte noch ein Theorieteil in der Anwendung des von der Bergwacht Bayern den Regionen für Lawineneinsätze neu zur Verfügung gestellten Lawinen-Airbags vom Typ P. Ride durch Ausbilder Michael Klaß.

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Am letzten Tag des Ausbildungswochenendes war noch eine große Lawinenübung angesetzt. Während die Bergretter noch die Hütte aufräumten und ihre persönlichen Sachen einpackten, schlichen sich Organisator Christian Schieder und die Bergretter Marcus Goebel und Michael Klaß in Richtung Mooslahnerkopf davon. Schieder hatte bereits am Vorabend ein passendes Fleckchen für die Lawinenübung am Vorberg des Kleinen Watzmanns ausgekundschaftet. Nach etwa 20 Minuten Gehzeit war ein lichtes Waldstück mit vielen Bodenunebenheiten erreicht. An einem umgestürzten kleinen Baum hatte sich durch den meterhohen Schnee eine Höhle gebildet. In diese Höhle ließ sich das Lawinenopfer Marcus Goebel, bestückt mit VS-Gerät und Funkgerät, hinabgleiten. Der Eingang der Höhle wurde mit Schnee verschlossen. Um den Rettern die Arbeit zu erschweren, wurden von Schieder und Klaß noch viele Fuß- und Skispuren rund um den Einsatzort gelegt. Dann konnte die Übung beginnen.

Während Schieder als Übungsleitung und Leitstelle fungierte, war Klaß als Melder des Unfalles tätig. Auch wenn es nur um eine Übung geht, so lässt ein Lawineneinsatz bei den Rettern den Adrenalin-Spiegel sehr schnell nach oben steigen. Heißt es doch schnellstmöglich zur Unfallstelle zu gelangen, den Verschütteten zu orten, auszugraben, medizinisch zu versorgen und sich um dessen Wärmeerhalt zu kümmern. Und selbst dann ist die Arbeit der Bergretter noch nicht getan, denn ohne Unterstützung durch einen Hubschrauber muss der Verunglückte noch bis zu einem Übergabe-Punkt an den Landrettungsdienst gebracht werden.

All dies liest sich kurz und bündig, bedarf in der Realität im alpinen Gelände jedoch vieler helfender Hände, tragenden Beine und einiges an Zeit. Nach der Alarmierung stellte Einsatzleiter Jens Oswald schnell einen ersten Suchtrupp zusammen, ließ eine Schleuse aufbauen und organisierte die weitere Mannschaft für einen eventuellen bodengebundenen Abtransport. Bei der Schleuse werden die Funktion und Vollständigkeit der Sicherheitsausrüstung jedes Bergretters überprüft und die Namen der ausrückenden Retter erfasst. Nun galt es, für den ersten Suchtrupp möglichst schnell zum Einsatzort zu kommen und dort den Verschütteten zu finden und auszugraben.

20 Minuten nach der Alarmierung durch den Übungsleiter erkundigt sich dieser nach dem Wohlergehen seines verschütteten Kameraden. Die Antwort war kurz und prägnant: „gut aber langsam wird es frisch!“ Dazu Goebel nach seiner Rettung: „Nach dem 20-minütigen Marsch zur Einsatzstelle war mir angenehm warm, ohne zu schwitzen. Warm angezogen mit Mütze, Handschuhen, dicker Jacke und Überhose in einer Schneehöhle zu liegen, die nach oben einige Zentimeter Platz und somit Bewegungsfreiheit bietet, ist es eine ganze Weile fast kuschelig. Bereits nach 15 Minuten kriecht aber die Kälte von unten durch die Kleidung. Nach 30 Minuten wird es spürbar kalt. Im Normalfall ist der aufsteigende Skibergsteiger jedoch bei weitem nicht so warm angezogen, meist auch verschwitzt. Der Schnee umfasst den Körper so eng, dass keinerlei Bewegungsmöglichkeit besteht, was zu einem sehr schnellen Auskühlen des Verschütteten führt. Eine Gefahr, der sich die meisten Wintersportler im Gelände nicht bewusst sind.“

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Während der erste Suchtrupp am Lawinenfeld eintrifft, ist bereits die zweite Mannschaft mit der Universaltrage 2000 auf dem Weg zum Einsatzort. Das Lawinenfeld ist räumlich klein, und so hat Christoph Trübenbacher mit seinem VS-Gerät schnell ein erstes Signal des Verschütteten. Nach wenigen Minuten ist Goebel ansondiert, und die Mannschaft beginnt mit dem Ausschaufeln. Auch hier zeigt sich wieder, dass es enormer Kraftanstrengungen und auch einiger Zeit bedarf, um mehrere Kubikmeter Schnee soweit abzutragen, dass eine Arbeitsplatzform entsteht und Goebel aus seinem kalten Verließ gezogen werden kann. Nach einer knappen Stunde liegt er mit starker Unterkühlung und einem gebrochenen Handgelenk auf der Trage und wird von den Notfallsanitätern der Bergwacht weiter versorgt. Nun ist es wichtig, eine weiteres Auskühlen zu verhindern und wieder Wärme durch Wärmepacks und einer Wärmeweste zuzuführen. Die Erstversorgung ist abgeschlossen, und es beginnt der zweite, schweißtreibende Teil für die Bergretter, der Abtransport zurück zur Hütte.

Bei der anschließenden Schlussbesprechung kann jeder der Beteiligten seine Eindrücke und gewonnen Erfahrungen darlegen, und so manche Entscheidung der Bergretter wird analysiert und auf Alternativen diskutiert. Denn nur unter Einbindung aller Erfahrungen der Beteiligten kann für den Ernstfall eine optimale Versorgung der Verunglückten erreicht werden.

Am späten Mittag brechen die Bergretter gemeinsam von der Kühroint-Alm auf in Richtung Heimat, um zumindest den Sonntagnachmittag noch mit ihren Familien verbringen zu können. Denn wieder einmal sind sehr viele Stunden Freizeit für Ausbildung und Übung eingesetzt worden. Einhelliges Fazit der Ausbildung war: „Ein super Wochenende für Ausbildung und Kameradschaft, nächstes Jahr machen wir das wieder!“

Fotos: Goebel, BRK BGL

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