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Anrührende Trostmusik in einer überzeugenden Aufführung

Ein besonderer, ja eigenartiger Zeitpunkt für ein Requiem, mochte man denken, dieser Sonntag »Misericordias Domini«, der zweite Sonntag zwischen Ostern und Pfingsten. Aber es war keine Totenmesse nach der römischen Liturgie, die in der Kirche Heilig Kreuz in Kiefersfelden erklang, sondern das »Deutsche Requiem« von Johannes Brahms. Der bibelkundige Komponist selber hatte aus Teilen des Alten und des Neuen Testaments einen Gesamttext zusammengestellt und durch seine Vertonung in einer Dramaturgie verbunden, die den Schmerz über persönlichen Verlust überwindet und ganz auf die Tröstung der Hinterblieben, der Lebenden ausgerichtet ist. Etwas deplatziert wirkte daher der Wunsch des Pfarrherrn »Viel Vergnügen« bei der Begrüßung.

Die Chorgemeinschaft und ein Teil des Ochesters von St.Vitus Zaisering. (Foto: Kaiser)

Die Chorgemeinschaft und das Orchester St. Vitus Zaisering unter der freundlich-akkuraten Leitung von August Haltmayer bewiesen mit der Aufführung in Kiefersfelden ein weiteres Mal ihre Sonderstellung im Musikleben der Region. August Haltmayer hatte den Chor 2002 aus dem kleinen, aber mit jungen Stimmen besetzten Kirchenchor von Zaisering heraus gegründet und führte ihn seither behutsam, doch konsequent an große Werke heran. Mit 35 Sängerinnen und 30 Sängern ist er ausgeglichen ausgestattet.

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Mit kernigen Tenören, strahlenden Sopranen, warmklingenden Altstimmen und volltönenden Bässen stellte er nach der in ernstem Dunkel (ganz ohne Violinen) gehaltenen Einleitung zum 1. Teil mit den ersten drei Akkorden »Selig sind« seine Intonationsreinheit und im Folgenden auch seine hohe Sprachkultur unter Beweis wie beim unerbittlichen »Denn alles Fleisch, es ist wie Gras« des 2. Teils. Das Orchester agierte und reagierte dabei wie ein professionelles sinfonisches Ensemble mit einer Streicherriege aus lebendigen Violinen, kompetenten Bratschen und Celli und zwei aufeinander geradezu eingeschworenen Kontrabassisten, mit klangschönen Holzbläsern und mit bewährten Blechbläsern größtenteils aus dem Grassauer Ensemble, mit einer filigranen Harfe und einem aufmerksam-präzisen jungen Pauker. Wie ein lyrisches Trio im Trauermarsch kam der Chorsatz »So seid nun geduldig«, befreiend »Die Erlöseten des Herrn ... werden gen Zion kommen mit Jauchzen« – ein erster Sieg der Freude, vom Pochen der Pauke untermauert.

Zu einem sehr persönlichen Bekenntnis meldete sich der Bassbariton Thomas Hamberger: »Herr, lehre doch mich!« – »Nun Herr, wes soll ich mich trösten?« Seine männliche und klar pointierte Stimme war in Lage und Timbre das ideale Medium für diese Problemstellung; seine ausgeprägte sängerische Intelligenz setzte er hier überzeugend und anrührend ein. Die antwortende gewaltige Hoffnungsfuge »Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand« kam markant und durchhörbar.

Der geschmeidige Chorsatz »Wie lieblich sind deine Wohnungen«, eine Oase der Ruhe, der Freude und des Lobpreises, stand im Mittelpunkt des Werkes. Ihm folgte die einzige Sopranpartie. Felicitas Fuchs sang mit ihrer herrlichen Stimme von den ewigen Freuden, die keiner nehmen kann: »Ihr habt nun Taurigkeit ... ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet.« Tiefes und echtes Gefühl klang mitfühlend und tröstlich aus ihrer Interpretation; souverän, mit vollem Engagement, mit unendlich scheinendem Atem führte sie ihre berückende Stimme.

Mit tödlicher Sicherheit intonierte der Chor im 6. Teil den dramatischen Höhepunkt des Werkes: »Denn wir haben hier keine bleibende Statt«; männlich-liebevoll tröstete der Bariton, verwies auf die endgültige Verwandlung und triumphierte mit dem Chor: »Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg«; der Chor steigerte sich in der Fuge »Herr, du bist würdig« zu frenetischem Dankgesang. Im letzten Teil des Requiems (»Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben«) fasste der Chor in überzeugender Form die Thematik des Werkes zusammen. Geheimnisvoll begleiteten Hörner und Posaunen »Ja, der Geist spricht«; mit dem Wort »selig«, lange nachklingend und mit Harfen-Arpeggios unterlegt, klang das Werk so eindrucksvoll aus, dass der Beifall der gebannten Zuhörer erst nach einer langen Pause des Nachklingens aufkam. Engelbert Kaiser