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Angerers »Dimension der Menschlichkeit«

In enger Verbindung mit der Einweihung des neuen Rathauses in Bergen am heutigen Samstag steht das Gemälde von Walter Angerer dem Jüngeren »125 Jahre Königskreuz am Hochfelln«, das die Gemeinde Bergen für das neue Rathaus gekauft hat und das künftig im Trauungszimmer hängen wird.

Verwurzelt in seiner Heimat, dem Chiemgau, ist Walter Angerer d. J. eng mit der Landschaft und der umliegenden Bergwelt verbunden. Neben seinen markanten Fraßbildern, seinen exzellenten Zeichnungen, Karikaturen und Porträts entstehen immer öfter bemerkenswerte Landschaftsgemälde, in denen Angerer oftmals Volks- und Brauchtum in seinen vielfältigen Erscheinungen mit einbezieht. In seinem Gemälde für das Rathaus in Bergen, das im Jahre 2011 entstanden ist, hat er die Bergmesse am 21. August 2011 anlässlich des 125-jährigen Bestehens des Königskreuzes am Hochfelln auf ganz eigene und besondere Weise festgehalten.

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Dem Siegsdorfer Künstler, der internationalen Bekanntheitsgrad genießt gelingt gerade in diesem Werk eine außergewöhnliche Synthese zwischen der traditionellen Kunst und der Moderne. Es ist ein Gemälde voll von profaner und sakraler Thematik. Angerers Bild fasziniert nicht nur durch das Motiv, sondern auch durch seine Meisterschaft in der Sach-, der Figuren- und der Raumdarstellung. Thematik und Pointierung sowie »Überzeichnung« von Details gehen dabei eine spannungsvolle Liaison ein. Das Gemälde ist von bizarrer kühner Ausdruckskraft, fesselnd in seiner manchmal über die Realität hinausgehenden Formensprache und Farbigkeit. Komposition und Malstil belegen die große Meisterschaft und Einzigartigkeit Angerers Kunst.

Auch in dieser Arbeit steht der Mensch im Mittelpunkt von Angerers Kunst. Er bringt Mensch und Natur in ein lebendiges Verhältnis. Er zeigt eine bewegte figurenreiche Volksszene und verbindet sie mit der Landschaft. Auf atemberaubende Weise hält er die Bergwelt, die Felsen des Hochfelln und die dabei entstandenen Eindrücke fest. Die Malerei in diesem Gemälde wird bestimmt von der Intensivität der Farben und der Genauigkeit in den Einzelheiten. Als hervorragender Zeichner fertigte Walter Angerer d. J. für dieses Werk zehn Skizzen an. Die endgültige Ausführung des großformatigen Gemäldes in Acryl und Öl dauerte vier Monate.

Das Bild führt uns auf eine sommerliche Bergeshöhe mit Blick auf der linken Seite ins Tal. Das Kreuz liegt einsam und landschaftlich besonders reizvoll auf dem Hochfellngipfel. Dargestellt ist die erhaben steile Berglandschaft des Hochfelln, die stark nach hinten zu ansteigt und rechts in einem mächtigen Felsmassiv gipfelt. Der bewachsene Berghang auf der linken Seite senkt sich steil nach unten.

Die Landschaft ist in mehrere Schauplätze aufgeteilt, die ein figurenreiches »Szenarium« aufnehmen. Der Blick des Betrachters fällt auf vereinzelte Personen. In der Diagonalkomposition führt die Rückenansicht eines auf hellem Sandweg bergaufwärtsstehenden Teilnehmers der Bergmesse in bayerischer Tracht von links unten nach rechts oben den Betrachter in das Bild hinein. Mit der Diagonale erreicht er eine starke Dynamik, der Betrachter hat gleichsam den Eindruck, »die Landschaft zu betreten«.

Im rechten Vordergrund umkreist ein Reigen von Frauen, ebenfalls in Tracht, den mit Felsenblöcken bestückten Hang vor und unterhalb des Gipfelkreuzes. Dahinter in Tracht überwiegend männliche Besucher der Messe. Auch die hohen Würdenträger fehlen nicht. Fast unbemerkt in der linken hinteren Bildmitte am steinigen Berggipfel feiern die hohe Geistlichkeit und Persönlichkeiten die Bergmesse. Sie sind sehr klein dargestellt und nicht direkt erkennbar, darunter Kardinal Reinhard Marx, Generaloberin Sr. Theodolinde und Bundestagsabgeordneter Peter Ramsauer. Während im Hintergrund eine geordnete Gruppe präsent ist, stehen die Teilnehmer der Bergmesse in ungeordneten »Haufen« herum.

Dabei führt Angerer eine Dimension ein, nämlich die der »Menschlichkeit«. Auf der rechten Bildseite greifen einzelne Felsen geradezu übermächtig in den Himmel hinein. Die Klarheit der Luft bewirkt eine ungemeine Transparenz und die dunkle Tiefe der Landschaft auf der linken Seite lenkt den Blick in ungeahnte Fernen. In der atmosphärischen Weite ist der Chiemsee zu erkennen. Unter Verwendung der Raumzonen und vor allem des blauen Hintergrundes, mit einem unwahrscheinlich kräftigen Föhnhimmel kurz vor der Entladung eines Gewitters – ist die Erscheinung der Luft als raumbildendes Element mit einbezogen und trägt zur Harmonie bei.

Markant in Angerers Gemälde ist auch die häufige Verwendung von Weißtönen und Weißhöhungen. Die Figurengruppe im Vordergrund bildet einen inneren Rahmen, der sich mit dunkeln Konturen von der helleren hinteren Raumfolie abhebt. Auffallend sind die unterschiedlichen Blickkontakte der Personen, die teilweise aus dem Bild heraus zum Betrachter gerichtet sind oder sich teilweise zur Bergmesse wenden aber auch untereinander kommunizieren.

Angeres professionelle Pinselführung zeichnet die Figuren fließend und erfasst damit große Bewegung. Die Blicke des Betrachters fallen auf vereinzelte Figuren, besonders auf die Frauen im rechten Vordergrund. Die intensiv aufgefächerte Farbgebung besonders bei den Trachten der Frauen und die mit Perfektion gemalten Faltenwürfe der Frauenkleider tragen im besonderen Maße zur plastischen Wirkung bei.

Die beiden »monumentalisierte« Frauenfiguren mit leicht überzogenen, schrulligen, aber dennoch porträthaften Zügen erlangen gegenüber dem eigentlichen Bildinhalt eine fast übergeordnete Bedeutung. Neben den humorvollen und kritischen Beobachtungen von Personen ist das Gemälde von Walter Angerer d. J. äußerst pointenreich, indem er menschliche Schwächen und Einseitigkeiten, menschliche Untugenden und Unzulänglichkeiten schildert. Besonders gut zu erkennen ist dies bei den zwei stärker herausgearbeiteten Frauen am rechten Bildrand. Fast unbemerkt entweicht während der Bergmesse aus der Handtasche bei der rechten Figur eine Weihrauchwolke, während die linke Figur gleichzeitig mit der linken Hand eine Zwetschge an ihren Mund führt.

In zunehmender Weise ist in Angerers Gemälden wie auch in diesem eine geheime Symbolik integriert. Zu erkennen ist diese in der rechten Bildhälfte an den oberen auslaufenden Felsen in denen ein versteinerter Jäger eingearbeitet ist, der auf eine Sage anspielt. Nicht zu übersehen die von oben links einfallenden Strahlen auf die Kirchenväter und das Königskreuz, vielleicht symbolhaft für die Vorstellung von »Himmlischen Sphären« und dem Göttlichen. So ist dieses Gemälde von Walter Angerer d. J. in hohem Maße volkstümlich und die gemütvolle Beschaulichkeit ist sprichwörtlich. Gleichzeitig erzielt Angerer den Sprung in die unruhige Zivilisation unserer Gegenwart mit nur einem kleinen Detail, dem roten Paragleiter in der linken oberen Bildhälfte.

Farbig wird das Bild durch vielfältig abgestufte Töne bestimmt, dabei gewinnt das Werk an Ruhe und Überzeugungskraft. Der Künstler Angerer hat hier sein Empfinden in eine abgewogene Bildkomposition umgesetzt. Er geht von der Wirklichkeit aus, steigert sie aber zu »phantastischen« Kompositionen. Das Königskreuz-Bild ist ein Gemälde, das immer wieder Blicke zu fesseln vermag in dem immer neue Details entdeckt werden. Mit diesem Bild hat Walter Angerer ein Meisterwerk geschaffen, in dem es ihm gelungen ist, uns so in diese Alpenwelt zu versetzen, dass wir die frische Luft der Höhe einzuatmen glauben. Mit großem Gespür inszeniert er die Bedeutung dieser Festkultur. Im Drang nach höchster Perfektion lotet Walter Angerer d. J. die Grenzen der Kunst aus und versucht beispielhaft festzuhalten, worauf gute Kunst basiert. Gabriele Morgenroth