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Analyse: Zwiespältiges Echo auf Merkel-Besuch

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Steinwurf
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Steinwurf: Vor dem griechischen Parlament lieferten sich Demonstranten und Sicherheitskräfte erste Auseinandersetzungen. Foto: Orestis Panagiotou Foto: dpa

Athen (dpa) - Zehntausende aufgebrachte Bürger auf den Straßen, Steinwürfe, Tränengas, Schlagstockeinsatz der Polizei. Athen kennt all das nur allzu gut aus den letzten Monaten.


Von einer Stadt im Ausnahmezustand konnte man deswegen eigentlich nicht sprechen, als Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstagmittag in der griechischen Hauptstadt eintraf. Erstmals seit Beginn der Euro-Krise wagte sich die deutsche Regierungschefin in das Land, in dem sie vielen als Symbolfigur für die Sparauflagen gilt.

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Die ersten Reaktionen auf ihre Gespräche mit Ministerpräsident Antonis Samaras fielen zwiespältig aus. Beobachter werteten den Besuch als Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Staaten. Über konkrete Zusagen konnten sich der »Mann und die Frau auf der Straße« allerdings nicht freuen.

Merkels Wunsch, dass Griechenland ein Euroland bleibe, bewertete ein 72-jähriger Rentner skeptisch. »Das ist also nicht sicher«, sagte er. Samaras räumte seinerseits ein, dass die Krise auch auf Fehler der Griechen zurückzuführen sei. »Aha. Er sagt es endlich offen«, meinte eine deutsche Frau dazu, die seit 30 Jahren im Land lebt.

Auch der Vergleich Merkels zwischen Griechenland heute und Ostdeutschland nach dem Ende DDR kam gut an. Damit habe die Kanzlerin deutlich gemacht, dass auch Griechenland mehr Zeit brauche, um aus dem Sumpf herauszukommen, sagte ein deutscher Diplomat mit langjähriger Erfahrung in Griechenland. Genau das will Samaras: Eine Streckung der Frist, innerhalb der die Griechen ihre Aufgaben erfüllen müssen. Ob Merkel dies in den kommenden Monaten befürworten wird, ist unklar.

Im Zentrum Athens spielten sich parallel zu den politischen Gesprächen die mittlerweile üblichen Szenen ab: Zehntausende Griechen gingen gegen den Besuch Merkels auf die Straßen. Die Gewerkschaften und die linken und rechten Oppositionsparteien hatten dazu aufgerufen. 7000 Polizisten wurden für die Sicherheit des Gasts aus Deutschland eingesetzt.

Wegen der Angst vor Ausschreitungen und weil viele Menschen arbeiten mussten, blieb die Zahl der Demonstranten geringer als von den Organisatoren erhofft. Nationalistisch orientierter Demonstranten schoben abermals auf eine beleidigende Art die Schuld für die griechische Misere der Kanzlerin in die Schuhe. »Raus Du Schlampe«, hieß es auf einem Transparent. »Hitlertochter raus«, schrie eine Demonstrantin. Einige Teilnehmer trugen SS- und Wehrmachtsuniformen, mehrere Hakenkreuzfahnen wurden verbrannt.

Auf dem Platz vor dem Parlament versammelten sich nach Schätzungen der Gewerkschaften 50 000 Menschen. Die Polizei sprach von etwas weniger als 40 000 Demonstranten. Der Chef der größten griechischen Oppositionspartei Bündnis der radikalen Linken (Syriza), Alexis Tsipras, warf der Regierung der »Merkelisten« vor, statt für die Befreiung des Landes vom Sparpakt, für die Interessen des Kapitals zu arbeiten und den Befehlen Merkels zu gehorchen.

Die Demonstrationen mündeten wieder einmal in Ausschreitungen. Rund 200 Vermummte warfen Steine auf die Polizei, es wurde Tränengas eingesetzt. Tausende friedliche Demonstranten flüchteten wegen der beißenden Luft auf dem Platz vor dem Parlament. Die Vermummten setzten ihre Übergriffe auf die Polizei fort.