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Analyse: Neue Gewalt überschattet Freude über freie Geiseln

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Separatist
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Maskierter prorussischer Separatist vor dem Rathaus in Kramatorsk. Foto: Maysun Foto: dpa

Slawjansk (dpa) - Inmitten blutiger Gewalt ist es ein Zeichen der Hoffnung: Deutsche OSZE-Beobachter kommen nach einer Woche quälender Geiselhaft in der Ukraine aus der Gewalt prorussischer Separatisten frei.


Überglücklich steigen die drei Bundeswehroffiziere mit ihrem Übersetzer auf dem Flughafen Berlin-Tegel aus der Regierungsmaschine.

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«Wir sind alle sehr, sehr froh», sagt Oberst Axel Schneider erleichtert. Wenige Stunden zuvor hatte der Kreml-Sondergesandte Wladimir Lukin die Gruppe in der umkämpften Stadt Slawjansk aus der Gefahrenzone gebracht - an Dutzenden Bewaffneten in Tarnuniform vorbei.

Die Nachricht von der Freilassung wird auch in Moskau mit Genugtuung aufgenommen. Der Kreml hat eigens den langjährigen Menschenrechtsbeauftragten Lukin zu Verhandlungen mit den Protestführern entsandt. Russland bezeichnet die Separatisten als Freiheitskämpfer, da kommt eine Geiselnahme schlecht an.

Die Freilassung sei eine «Geste des guten Willens» der Aktivisten, sagt Lukin später, nun sollte die Zentralregierung in Kiew ihren «Anti-Terror-Einsatz» gegen die Protestführer unterbrechen. Doch die Kämpfe rund um Slawjansk gehen weiter. Am Sonntag setzen die Sicherheitskräfte auch gepanzerte Fahrzeuge gegen die Aktivisten ein.

Gut 500 Kilometer südwestlich in der Millionenstadt Odessa entlädt sich die Wut zwischen Gegnern und Anhängern der Regierung in Kiew in einem beispiellosen Gewaltexzess. Mindestens 46 Menschen sterben bei Straßenschlachten in der Hafenstadt, als das Gewerkschaftshaus durch Molotowcocktails in Brand gerät und zur Todesfalle wird. Nach dem Flammeninferno zählen die Behörden in Odessa mehr als 200 Verletzte an diesem bisher wohl blutigsten Tag des Konflikts. Mit scharfen Worten machen sich Moskau und Kiew gegenseitig dafür verantwortlich.

«Die Hände der Führung in Kiew stecken bis zum Ellbogen in Blut», sagt Kremlsprecher Dmitri Peskow. In Berlin betont Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), die Tragödie von Odessa müsse ein «Weckruf» sein. Doch ganz im Gegenteil - die Fronten in der früheren Sowjetrepublik verhärten sich immer mehr.

Seit den ersten Toten des Konflikts im Januar reißt die Gewalt nicht ab: «Die Blutspur zieht sich immer weiter durchs Land», sagt der ukrainische Politologe Wladimir Fessenko. «Es scheint, als ob der Widerstand gegen die Regierung mit jedem Toten größer wird - auch bei Bürgern, die bisher eher unpolitisch waren», meint er.

Immer mehr Menschen in der krisengeschüttelten Ukraine fragen sich, wie in dieser Atmosphäre der allgemeinen Verunsicherung am 25. Mai eine Präsidentenwahl stattfinden soll. Im Osten von Europas zweitgrößtem Flächenland halten schwer bewaffnete Separatisten zahlreiche Verwaltungsgebäude besetzt, zudem hat sich die völkerrechtlich zur Ukraine gehörende Halbinsel Krim nach einem umstrittenen Referendum Russland angeschlossen. Und an der Grenze stehen Zehntausende russische Soldaten.

«Die Katastrophe von Odessa hat die Gefahr des Ausnahmezustands näher rücken lassen», kommentiert die Kiewer Zeitung «Serkali Nedeli». Kremlkritiker werfen Putin vor, dass der Präsident genau dies wolle. Offiziell verurteile Russland die Exzesse zwar, aber im Hintergrund dienten sie Moskaus Interessen: Die Gewalt diskreditiere die prowestliche Führung in Kiew zunehmend. Bereits Anfang März hatte sich Putin die parlamentarische Vollmacht zu einem Truppeneinsatz in der Ukraine geben lassen, sollten dort russische Bürger bedroht sein.

Der ukrainische Ministerpräsident Arseni Jazenjuk reist am Sonntag demonstrativ nach Odessa, um dort den vielen Opfern zu gedenken. Der westlich orientierte Politiker sieht seine Regierung in einer Falle. «Einerseits drängt die Mehrheit der Bevölkerung (...) auf die «Anti-Terror-Operation»», sagt er der «Financial Times». Andererseits führe die Militäraktion zu Opfern - und dies sei ein «idealer Vorwand» für Russland, zum Schutz seiner Bürger einzugreifen.

Russland erhalte «Tausende Hilferufe» aus dem krisengeschüttelten Osten des Nachbarlandes, sagt Kremlsprecher Peskow. «Es ist der Schrei der Verzweiflung und die Bitte um Hilfe.» Putin lasse sich «rund um die Uhr» über das Geschehen informieren. «Noch wissen wir nicht, wie wir reagieren werden. Es ist für uns eine neue Situation», sagt Peskow. Es klingt vieldeutig in diesen dramatischen Tagen.

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