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Analyse: Höher als der Knall - Spektakel oder Experiment

New York/Roswell (dpa) - Ob nun Spektakel oder Experiment: Auf jeden Fall ist es ein Abenteuer - und lebensgefährlich. Im freien Fall will der Österreicher Felix Baumgartner die Schallmauer durchbrechen. Ob er das überlebt, weiß niemand.

Felix Baumgartner fliegt wahrscheinlich selbst für den Knall zu hoch. Der Versuch des österreichischen Extremsportlers am Sonntag, nur im freien Fall von der Stratosphäre aus die Schallmauer zu durchbrechen, sollte in solch großer Höhe und in so dünner Luft stattfinden, dass der charakteristische Überschallknall weder für ihn noch für die Zuschauer auf der Erde zu hören sein wird.

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Seit fünf Jahren haben der 43-Jährige und sein Team den Versuch vorbereitet. Nach dem Absprung in Roswell (US-Staat New Mexico) in 36 Kilometern Höhe wollte Baumgartner im freien Fall auf die Erde zurasen und nach etwa 30 Sekunden als erster Mensch ohne Fluggerät schneller als der Schall sein - oder im schlimmsten Falle tot.

Kritiker, aber durchaus auch Wohlmeinende, haben seit Monaten vor den Gefahren gewarnt, wenn mit der schützenden Technik etwas schief geht: Eiseskälte und fehlender Sauerstoff bedrohen das Leben des Springers ebenso wie der enorme Luftdruck beim Fallen. Sein Blut könnte kochen und, je nach Fluglage, ins Hirn oder aus dem Hirn herausgepresst werden. Oder Baumgartner breche sich sofort das Genick und sinke tot am sich dann automatisch öffnenden Schirm zur Erde zurück.

«Da ist durchaus auch Furcht, wie vor jedem Absprung», hatte Baumgartner bei der Vorstellung des Projekts vor zweieinhalb Jahren der Nachrichtenagentur dpa gesagt. «Aber Springen ist mein Leben und von diesem, genau diesem Sprung habe ich mein Leben lang geträumt. Die Furcht ist deshalb kein Hindernis, sie sorgt nur dafür, dass wir es richtig machen.»

«Wir» - das ist ein ganzes Team von Wissenschaftlern, Ärzten, Meteorologen und Betreuern. Und Joe Kittinger. Der 84-Jährige hält - seit 52 Jahren den Weltrekord für den höchsten Fallschirmsprung - aus 31 Kilometern Höhe. Jetzt hilft er dem 41 Jahre jüngeren Baumgartner, noch fünf Kilometer höher hinaus zu kommen und seinen Rekord zu brechen.

Dabei ist schon der Start ein Rekord. Mit 170 Metern Höhe ist der Ballon größer als jeder bisherige. Zehnmal dünner als eine Plastiktüte sei die Außenhaut des Gefährts, an dessen Ende eine Spezialgondel hängt. In 36 Kilometern Höhe sollte Baumgartner dann auf eine Plattform treten. «Er hätte in der Höhe einen grandiosen Blick, aber er wird einfach die Rollladen runterlassen und in Gedanken nur die Prozedur durchgehen», sagte der Ex-Astronaut Ulrich Walter voraus. In dem Moment wären beide so etwas wie Kollegen.

Dabei bleibt die Frage, ob alles nur ein von einem Salzburger Energydrink-Hersteller gesponsertes Spektakel ist oder ein wissenschaftliches Experiment, wie das Team es gern verkauft. Auch wenn manche Experten den wissenschaftlichen Wert der ganzen Aktion bezweifeln: Genau so haben vor sechs Jahrzehnten Russen und Amerikaner ihre Raumfahrtprogramme vorbereitet.

Nach dem Absprung sollte Baumgartner so schnell auf die Erde zurasen, dass das Ziel schon nach einer halben Minute erreicht ist: Das Durchbrechen, Durchspringen, Durchfallen der Schallmauer. Nach weiteren fünf Minuten im freien Fall - auch das ein Rekord - sollte sich dann der Fallschirm öffnen, entweder durch Baumgartner oder eine Automatik. Wie auch immer er wieder zur Erde zurückkommt - Luftfahrtgeschichte wird er dann schon sein.

Unten stehen in umliegenden Krankenhäusern Druckkammern bereit, um den Springer aufzunehmen. Die sieben Ärzte des Teams haben sich ebenfalls in der Absprungzone verteilt oder warten im Hubschrauber auf ihren Einsatz. Einer von ihnen ist Jonathan Clark. Der Teamarzt will die Arbeit seiner tödlich verunglückten Frau fortführen und die Möglichkeiten des Druckanzugs erforschen. Für ihn ist keine Frage, ob der Sprung einen wissenschaftlichen Wert hat: Clarks Frau Laurel stürzte 2003 mit dem Spaceshuttle «Columbia» in den Tod. «Ich versuche für Raumfahrer den Wiedereintritt in die Atmosphäre sicher zu machen, falls etwas schief geht.»