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Analyse: Grüne eilen zu historischem Verfahren

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Kleiner Parteitag der Grünen
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Die Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Claudia Roth, spricht auf dem Sonderparteitag ihrer Partei in Berlin. Foto: Sebastian Kahnert Foto: dpa

Berlin (dpa) - Die Grünen beeilen sich auf ihrem kleinen Parteitag mit dem Schreiben von Geschichte. Der Abgeordnete Toni Hofreiter begnügt sich als erster Debattenredner zur Frage der Urwahl mit einem knackiges Plädoyer dafür - und dann ist die Debatte auch schon beendet.


Von den Frauen will keine reden, und so schließt Versammlungsleiterin Astrid Rothe-Beinlich nach knapp fünf Minuten den grünen Statuten gemäß die Aussprache. Die rund 80 Delegierten leiten mit einer Gegenstimme und einer Enthaltung die Urwahl ein.

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Viel war von einem Signal an die anderen Parteien die Rede, von Maßstäben, die man nun setzt, von dem Novum, das die Urwahl von Spitzenkandidaten tatsächlich in Deutschland darstellt. Doch ist die Entscheidung auch aus der Not geboren: Einigen konnten sich die Spitzenleute vorher nicht, die Basis war zusehends genervt, wie Hofreiter freimütig erzählt.

Wie aber wird der Kampf bei den Grünen um die zwei Spitzenplätze für die Bundestagswahl aussehen? Die vier prominenten Anwärter geben einen Vorgeschmack - und bemühen sich trotz grundsätzlicher Einigkeit, Unterschiede in Stil und Positionen herauszustellen.

Gewohnt kämpferisch und deftig zieht Parteichefin Claudia Roth gegen Union und FDP zu Felde, spricht von Falschmünzern und Hütchenspielern, von der «Klimakanzlerin a.D.» Angela Merkel. «Deshalb sind wir die Alternative in Form und im Inhalt.»

Fraktionschef Jürgen Trittin nimmt sich Entwicklungsminister Dirk Niebel als «Teppichluder» vor, auch wenn die Teppichaffäre des FDP-Politikers schon etwas zurückliegt. Er versucht es mit einer Mischung aus Sachkenntnis und großen Worten, um sich und die Grünen als Vorreiter bei der Energiewende erscheinen zu lassen.

Die Co-Fraktionschefin Renate Künast macht einen Rundumschlag bei ihren Leib-und-Magen-Themen Entwicklung, Agrar und Umwelt. «Urwälder werden gerodet und Palmölplantagen angelegt», wettert sie.

So weit bringt das Schaulaufen wenig Überraschungen. Am ehesten aufhorchen lässt Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt. Erst ließ sie sich lange bitten von ihren Fans bei den Grünen-Realos, dann wollte sie die Urwahl nicht, sondern Teil eines Spitzenteams sein. Wie will sie sich nun profilieren?

Als Verfechterin des Sozialen und Solidarischen - auch gegen immer höhere Strompreise. «Energiewende - das heißt auch solidarisch zusammenhalten», sagt Göring-Eckardt. Subventionsabbau bei der Industrie solle der Großmutter von nebenan zugutekommen.

Nur von den beiden Außenseitern der Bewerberriege von der Basis ist auf dem Länderrat nichts zu hören.

Es dürfte ein Riesenrummel werden. In 13 bis 16 Veranstaltungen in den Ländern sollen sich die Kandidaten nach Einleitung der Urwahl den 60 000 Mitgliedern präsentieren. Bis 10. November soll klar werden: Wird Trittin erwartungsgemäß mit einer der Frauen zusammen an der Spitze Wahlkampf machen - oder hat er doch das Nachsehen, und es wird ein Duo aus zwei Bewerberinnen?

Erbitterten Streit - so betonen die Bewerber - soll es nicht geben. «Sollte ich gewählt werden, werde ich mit mindestens einer von denen zusammenarbeiten müssen - und da freue ich mich drüber», sagt Trittin. Es geht auch darum, wer im Fall eines rot-grünen Wahlsiegs 2013 am ehesten auf einem Ministersessel Platz nehmen darf. Doch so weit ist es trotz aller demonstrativer Siegesgewissheit noch lange nicht, wie auch die Grünen wissen. Hinter vorgehaltener Hand fürchten manche, dass Merkel im Kampf um die Mitte wieder mehr Geschick haben könnte.

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