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Analyse: Ersehntes Urteil

Oslo (dpa) - Am Ende strahlt der Massenmörder. Zwar muss Anders Behring Breivik für seine 77 Morde ins Gefängnis, wahrscheinlich lebenslang. Aber der Norweger hat sein Ziel erreicht, nicht als geisteskrank zu gelten. Er wird keine Berufung einlegen.

Breivik
Bei der Urteilsverkündung: Anders Behring Breivik (l) im Gespräch mit seinem Verteidiger. Foto: Heiko Junge Foto: dpa

Breivik trage als voll schuldfähiger Mörder die Verantwortung für seine unfassbar grausamen Taten, urteilte das Osloer Gericht am Freitag. Das Paradoxe: Auch Breiviks Opfer - Überlebende und Angehörige - lächeln zufrieden. Die meisten Norweger wollten Breivik hinter Gittern sehen.

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Das Urteil sei einstimmig gefallen, sagt Richterin Wenche Elizabeth Arntzen gleich zu Beginn. Schon da beginnt Breivik zu lächeln - als ahne er den folgenden Urteilsspruch. «Sicherungsverwahrung mit einem Strafrahmen von 21 Jahren», liest Arntzen vor. Es ist die Höchststrafe in Norwegen. Praktisch ein «Lebenslänglich»; die Haft kann immer wieder verlängert werden. Im Gerichtssaal ist kein Laut, kein Aufatmen, kein Stöhnen zu hören.

Aber die Angehörigen sehen zufrieden aus. «Wir hoffen, dass wir ihn jetzt vergessen können, für den Rest seines Lebens», sagt Trond Blattmann von der Unterstützergruppe für die Hinterbliebenen. Unni Espeland Marcussen hat ihre Tochter auf Utøya verloren. «Für mich ist das Wichtigste, dass er Verantwortung übernehmen muss und nie wieder raus kommt», sagt sie. «Ich wusste immer, dass er verrückt ist. Aber er weiß, was er getan hat.»

Bald schon weicht das kurze Glücksgefühl schwerer Trauer, als die Richter den Namen jedes einzelnen Toten noch einmal nennen. Viele wollten diese traurige Litanei nie wieder hören.

Mehr als sieben Stunden dauert die Urteilsverkündung. «Es gibt keine Möglichkeit, in der Frage der Zurechnungsfähigkeit völlig sicher zu sein», sagt Richterin Wenche Elizabeth Arntzen am Ende. Aber Breivik habe keine Zwangsvorstellungen im klinischen Verständnis gezeigt, und er habe die politische Motivation seiner Taten glaubhaft gemacht. Jemand wie er gehöre nicht in die Psychiatrie.

Der Richter Arne Lyng macht deutlich, warum Breivik wohl lebenslang in Haft bleiben wird. Selbst nach 21 Jahren werde er noch ein «sehr gefährlicher Mann» sein, sagt Lyng. «Und Norwegen wird immer noch Einwanderer mit anderer Kultur und Hautfarbe haben.»

Mit seinem Hass auf Einwanderer hatte Breivik ganz Norwegen den Atem genommen. Sein mörderischer Anschlag im Osloer Regierungsviertel und das Blutbad auf der Insel Utøya traf das Land ins Herz. Das alles sei «grausam, aber nötig» gewesen, um Norwegen vor Einwanderern und Multikulturalismus zu schützen, sagte Breivik später und forderte Freispruch wegen Notwehr. Doch musste dem 33-Jährigen klar sein, dass die Richter das nicht einmal in Erwägung ziehen würden. Stattdessen erwogen sie, ob er in die Psychiatrie gehöre. Als Geisteskranker nicht ernst genommen zu werden, das war Breiviks größte Angst.

Nun bekommt er also, was er haben wollte. Genau wie die Mehrzahl der Norweger. In letzter Konsequenz könnte das Gefängnis-Urteil für die Gesellschaft aber das schwierigere sein. Wäre Breivik für unzurechnungsfähig erklärt worden, hätte man seine Morde als Einzeltat eines Wahnsinnigen abtun können. So aber müssen sich die Norweger der Tatsache stellen, dass es in ihrer Gesellschaft radikale nationalistische Strömungen gibt, Breivik Nachahmer finden könnte.

Doch zunächst herrscht Erleichterung. In einer Online-Blitzumfrage der Zeitung «Aftenposten» zeigen sich die Norweger «zufrieden», «beruhigt», aber auch einfach «fertig». Der zehnwöchige Prozess mit herzzerreißenden Zeugenaussagen hat Kraft gekostet - nicht nur den Angehörigen und Überlebenden. Norwegen ist noch immer ein verletztes Land, dessen Wunden jetzt langsam heilen können.

Was vom Prozess in Erinnerung bleibt, sich ins Gedächtnis der Zuhörer eingegraben hat, ist nicht Breivik. Es sind nicht seine kruden Aussagen, nicht seine Lügen oder das selbstgefällige Lächeln. Bleiben werden die anrührenden Berichte der Opfer, der Jugendlichen, die mit teils schweren Verletzungen an Körper und Seele weiterleben müssen. Sie sahen dem Massenmörder aufrecht ins Gesicht und machten ihm klar: Du zerstörst unser Leben nicht. Verdientere Sieger kann es in einem Prozess kaum geben.