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»Am gefährlichsten ist der Straßenverkehr«

Mazar-i-Sharif – Die Bundeswehr räumt derzeit das Feldlager Kundus in Afghanistan, schafft Truppen mit einer Stärke von 1 400 Soldaten und Gerät nach Masar-i-Sharif. Es ist die größte logistische Operation, die die Bundeswehr je zu bewältigen hatte. Um die Konvois auf der rund 300 Kilometer langen Strecke zu schützen, hat die Bundeswehr eine neue Kampftruppe gebildet, die Northern Reaction Unit (NRU). Die Struber Jager sind ein Teil davon. Wie es den heimischen Gebirgsjägern bei ihrer anspruchsvollen Aufgabe ergeht, wollte der »Berchtesgadener Anzeiger« von Bataillonskommandeur Oberstleutnant Peter Küpper wissen. Die Heimatzeitung erreichte ihn am Donnerstag telefonisch in Mazar-i-Sharif.

Oberstleutnant Peter Küpper ist mit rund 200 Struber Jagern zurzeit in Afghanistan im Einsatz. Die Gebirgsjäger sichern den Rückzug der Truppen aus den Feldlagern ab. Foto: Bundeswehr

Herr Küpper, wie groß sind Ihre Sorgen zurzeit?

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Peter Küpper: Klar haben wir Respekt vor unserem Auftrag. Aber richtige Sorgen mache ich mir nicht. Dafür sind wir zu gut ausgebildet und zu gut ausgestattet.

Es heißt aber, dass der derzeitige Truppenrückzug der gefährlichste Teil der Afghanistan-Mission sei.

Küpper: Ich würde ihn nicht unbedingt als gefährlich bezeichnen – eher als sehr anspruchsvoll. Immerhin ist sehr viel zu koordinieren und es bewegen sich sehr viele Kräfte. Gefährlich ist der Rückzug vielleicht insofern, als die Aufständischen versuchen, Parallelen zum damaligen Abzug der Sowjets zu ziehen. Aber das ist ihnen nicht gelungen und das wird ihnen nicht gelingen.

Haben Sie denn das Gefühl, dass die Ziele der Mission erfüllt wurden? Ist Afghanistan wirklich befriedet worden?

Küpper: Nein. Wir dürfen das aber nicht aus unserem europäischen Verständnis von Frieden heraus beurteilen. Wenn wir diesen Maßstab anlegen, dann ist Afghanistan mit Sicherheit nicht friedlich. Aber in Anbetracht von 30 Jahren Bürgerkrieg und mit Blick auf die dortige Kultur ist das Land um einiges friedlicher und lebenswerter als vor zehn Jahren.

Dann hat sich Ihr Einsatz ja gelohnt?

Küpper: Erst in fünf bis zehn Jahren werden wir wissen, ob das, was wir dort eingeleitet haben, auch Bestand hat.

Die Gefahr ist doch, dass nach Ihrem Rückzug Talibans und kriminelle Kräfte die frei werdenden Räume belegen.

Küpper: Prinzipiell ja. Aber in den von uns verlassenen Gebieten gibt es ja die afghanischen Sicherheitskräfte. Wobei man sagen muss, dass deren Qualität auch sehr unterschiedlich ist. Prinzipiell haben die Afghanen die Möglichkeit, die Gebiete, die wir räumen, zu halten und zu sichern. Mich überrascht es auch immer wieder, mit welcher Schnelligkeit und Effektivität sie Operationen durchführen können.

Kann man sich als Soldat mit Blick auf diese gemischte Bilanz eigentlich noch voll motivieren?

Küpper: Selbstverständlich. Unser Auftrag ist klar und alleine der Dienst mit den Männern hier macht sehr viel Spaß. Aber natürlich wäre es schöner für uns, wenn die Erfolge deutlicher wahrnehmbar wären.

Kann man bei einem so anspruchsvollen Einsatz tatsächlich noch Spaß empfinden?

Küpper: Klar, der Umgangston ist halt so, dass immer mal ein Witz gemacht wird, dass jeder mal ein lockeres Wort hat.

Gibt es für Sie und Ihre Soldaten überhaupt Freizeit? Oder ist man immer im Dienst?

Küpper: Prinzipiell ist man immer im Dienst. Wir sind auch immer bewaffnet, aber selbstverständlich gibt es Phasen, während derer man liest, Sport treibt oder in eine Betreuungseinrichtung geht und ein alkoholfreies Bier trinkt. Also gibt es durchaus immer mal wieder Freizeit.

Entspannung ist also auch im Einsatz möglich?

Küpper: Die muss möglich sein, egal ob beim Lesen, beim Musikhören oder beim Schafkopfen. Man hält es nicht durch, sechs Monate lang ständig unter Strom zu sein.

Wie oft sind Sie und Ihre Soldaten denn in Feuergefechte verwickelt?

Küpper: Ich habe das nicht wirklich mitgezählt, aber es ist Alltag, wenn wir draußen sind. Das darf man aber nicht so verstehen, dass wir beschossen oder angegriffen werden. Eher sind dann in der Nähe Feuergefechte zu hören oder es werden afghanische Sicherheitskräfte angegriffen. Aber bislang konnten wir jede Situation durch die gute Ausbildung, durch das Können der Soldaten und die gute Ausrüstung in den Griff bekommen.

Waren Sie und Ihre Soldaten denn schon einmal in akuter Lebensgefahr?

Küpper: In meiner Wahrnehmung: nein. Aber wenn man es von anderer Perspektive betrachtet, mag diese Einschätzung vielleicht anders aussehen. Vielleicht sind wir ja schon Sprengfallen entkommen, von denen wir nichts wussten – oder es hat einer auf uns gezielt und dann doch nicht abgedrückt.

Was war denn der gefährlichste Moment, den Sie in Afghanistan erlebt haben?

Küpper: Am gefährlichsten hier ist der Straßenverkehr. Ich bin ja viel gewöhnt, aber das ist schon erschreckend. Ich danke dem Herrgott jedes Mal, wenn wir von einem langen Marsch ohne Unfall zurückgekommen sind.

Wieviele Struber Jager sind denn derzeit noch in Afghanistan in Einsatz und wann geht's wieder nach Hause?

Küpper: Rund 200 Struber Jager sind hier in Mazar-i-Sharif. Für die ersten soll es Mitte Januar nach Hause gehen und bis Mitte Februar müsste dann auch der Rest daheim sein. Ich hoffe, unversehrt an Leib und Seele.

Was vermissen Sie im Einsatz am meisten?

Küpper: Meine Familie und die Berge.

Und wie sieht der erste Tag aus, an dem Sie wieder in der Heimat sind?

Küpper: Ich hoffe, es liegt dann Schnee. Dann könnte ich auf Skitour gehen.

Dann gibt's für Sie und Ihre Soldaten sicher erst einmal einige Zeit frei?

Küpper: Es ist so geregelt, dass jeder erstmals zehn bis vierzehn Tage frei hat. Auch sonst hat jeder genügend Zeit für Einsatz-Nacharbeiten. Da gibt es auch Gespräche mit dem Psychologen, damit festgestellt werden kann, ob jemand im Einsatz vielleicht einen Knacks bekommen hat. Ulli Kastner