weather-image
15°
Das Salzburger Landestheater spielt »Die Dreigroschenoper« von Brecht/Weill

»Alte Hadern« und Musik als Klotz am Bein

Vor ein paar Monaten hat das Salzburger Landestheater einen originellen Aufruf losgelassen: Man möge doch altes Gewand spenden! Der Ruf ist offensichtlich nicht ungehört verhallt: Es liegen »alte Hadern« zuhauf herum auf der Bühne, in denen die Akteure der »Dreigroschenoper« knöchel- bis knietief waten.

Bettina Mönch als Polly, Sascha Oskar Weiß als Dandy-Gauner und Walter Sachers als Peachum. (Foto: Christina Canaval)

Genügend Stoff also, um daraus ein anschauliches Nicht-Bühnenbild zu machen. Die abgetragenen Klamotten liegen dicht an dicht, und weil die Darstellerinnen und Darsteller im Lauf des subjektiv wie objektiv verdammt langen Abends in unterschiedliche Rollen schlüpfen, liegen dazwischen ihre Kostüme auch parat. Die angeln sie sich aus den Wäschehaufen – und das ist wahrscheinlich der Beweis, dass die Requisiteure im Vorfeld gute Arbeit leisten und in Wirklichkeit ein jedes Ding ganz genau an seinem Platz liegt.

Anzeige

Das Milieu ist also nicht das feinste. Etwas anderes würde man in Brechts »Dreigroschenoper« auch gar nicht erwarten. Es sind auch all die anderen Dinge ganz genau an ihrem Platz: All die Gassenhauer von Kurt Weill, all die Zitate, an denen es auch nicht gerade mangelt. »Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank« – das hatten wir doch erst unlängst mal im Landestheater, wenn wir uns recht erinnern, in einer Bürgertheater-Aufführung des Landestheaters. Der gute alte Brecht ist halt immer für so was gut. Dass sich’s die Reichen irgendwie richten und die Armen zum Handkuss kommen (oder gar, wie Mackie Messer, haarscharf am Galgen vorbei schrammen) – wissen wir eh schon. Regisseurin Stephanie Mohr, eine total Umtriebige auf den Bühnen zwischen überall in Deutschland und Wien, hat vielleicht gar nicht Zeit, über den Ort nachzudenken, wo sie gerade arbeitet.

Der brave Peachum, die Allegorie protestantischer Scheinheiligkeit, organisiert bekanntlich die Londoner Bettler. Das wäre doch ein Ansatzpunkt, wenn einer hierorts die unselige Bettlerbanden-Diskussion beim letzten Bürgermeister-Wahlkampf mitbekommen hat. Aber mit dem Brückenschlagen aus dem toten Theatermuseum hinüber an die Kai-Promenaden der lebenden Theatergänger hielt sich Stephanie Mohr im Landestheater gar nicht auf. Sie lässt das ambitioniert bis forsch, jedenfalls einsatzfreudig drauflos preschenden Ensemble einfach Szene um Szene herunterspulen. Tempo statt genauer Personenzeichnung. Jeder Charakter ist innerhalb der ersten Minuten durchschaubar und wird dann erbarmungslos perpetuiert. Wie oft die arme Spelunken-Jenny (Franziska Becker) auf wackeligen Beinen querüber torkeln muss!

Bettina Mönch (Polly) ist in ihrem adrett altmodischen Kleidchen genau so stumpfsinnig-klischeehaft zugerichtet wie der Rest des Ensembles. Wenn die Damen Huren mimen, lassen sie die Hosen runter, die wie Fußfesseln an den Knöcheln baumeln. Walter Sachers setzt als Peachum auf eine Brecht-Variante des Wurm: vermeintliche Verschlagenheit als wüste Grimassenschneiderei außer Rand und Band. Sascha Oskar Weis wirkt immerhin originell, als Dandy-Gauner mit erlesenen Umgangsformen, rasch hinüber kippend ins Macho-Gehabe. Die Crux dieser Aufführung ist, dass die Regisseurin eben nicht ansatzweise versucht hat, die Figuren zu entwickeln: Es sind Silhouetten eines Comics.

Die Musik könnte gegensteuern, aber die Delegation des Mozarteumorchesters und die Darsteller selbst haben diesbezüglich ganz schlechte Karten. Die Altkleidersammlung ist ja ganz nah ans Publikum gerückt, man spielt auf dem überdachten Orchestergraben. Die Musiker sitzen hinten auf der Bühne, ein ziemlich in die Breite gezogenes Grüppchen. In der Mitte sitzt der mit den Klaviertasten hinlänglich ausgelastete Christian Frank. Da kommt kein geformter Klang zustande.

So gesehen ist es ja gar nicht ungeschickt, was die Schauspielerinnen und Schauspieler und auch die sonst eher in der Musicalsparte beheimateten Bühnenmenschen vokal dazu produzieren. Aber wer singt, hat die Instrumentalbegleitung wie einen Klotz am Bein hängen. Aufführungen finden bis 15. Juni statt. Reinhard Kriechbaum