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Als Robinson Crusoe mit Bruckner auf der Insel

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Der 87-jährige Herbert Blomstedt dirigierte im Großen Festspielhaus Bruckners »Achte« mit den Wiener Philharmonikern. (Foto: Salzburger Festspiele/Silvia Lelli)

Allein ist so einer wie er nicht nur wegen seiner knackigen Siebenundachtzig. Während Bruckners »Achter« im Großen Festspielhaus in Salzburg hatte man ausreichend Gelegenheit, über die Gerechtigkeit des Musiker-Ruhms nachzudenken. Einfach toll Musik zu machen, so wie es Herbert Blomstedt tut, ist leider nicht genug. Der Zug des Musik-Business ist in den Wirtschaftswunderjahren ohne ihn losgefahren.


Vielleicht war das auch ein Glück für ihn und für das, was er dirigiert. Im Interview hat Herbert Blomstedt dieser Tage vom Musizieren als eine Tätigkeit auf einer »Insel der Seligen« gesprochen. Fast schon denkt man an Robinson Crusoe, wenn man ihn, wie jetzt in Salzburg, mit der »Achten« erlebt. Er braucht nicht mal einen Freitag, um sich sein unterdessen singuläres Dasein bestätigen zu lassen. Wahrscheinlich hat er auf seine Insel deshalb auch nie jemanden mitgenommen, schon gar nicht Mitreisende von der Tonträger-Industrie (die unterdessen selbst schiffbrüchig auf wenig tragfähigen Rettungsbooten ihre Haut retten). So blieb also für Herbert Blomstedt die Insel eine selige, und an der Unversehrtheit dieses umbrandeten Biotops konnte man nun teilhaben. Unversehrtheit heißt nicht Eitel-Wonne-und-Sonnenschein. Wie Blomstedt den ersten Satz am Ende nach dem hymnischen Blechgipfel unversehens in Depression versinken lässt, sucht seinesgleichen. Ganz erstaunlich, wie er dann im Scherzo loslegt, nicht malmend klingt das Blech, über dem sich das Holz und die Bläser in Folge wie heitere Schattenspiele auf dem Gemäuer ausnehmen. Diese Auflichtungen sind vielleicht eine der Spezialitäten in der Bruckner-Sicht von Blomstedt: Davon lebt der Finalsatz, so widersprüchlich und schroff die Stimmungslagen auch sein mögen, die da ein letztes Mal aufeinanderprallen.

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Blomstedt lässt den Herzschlag nicht stocken, bleibt im gar nicht so langsamen Puls. Impuls, wo immer nötig. Das ist nicht Trickserei, sondern es kommt aus der Intimkenntnis möglicher Spannungsverläufe. Wie vereist oder wie Marmor wirken die ersten, fast vibratolosen Streichertakte am Beginn. Das Adagio als ein einziger Prozess des Sich-Lösens. Zum Stein- und Herzerweichen die Episode, in der Erste Geigen und Violoncelli dialogisieren, im duftigsten Pizzicato der Kollegen und alsbald umgarnt von den Bläsern in feinster Nuancierung.

Der Festspiel-Zyklus mit sämtlichen Bruckner-Symphonien wurde am gestrigen Dienstag mit der »Fünften« mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Bernard Haitink fortgesetzt. Die »Zweite« und das »Te Deum« folgen dann wieder mit den Wiener Philharmonikern unter Philippe Jordan am Samstag und Sonntag, 11 Uhr, Großes Festspielhaus. Reinhard Kriechbaum