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Alonso: Ich habe einen Titel weniger, aber viel Unterstützung

Aufgeputscht
Fernando Alonso versucht sich selbst anzuspornen. Foto: Valdrin Xhemaj Foto: dpa

Nürburgring (dpa) - Fernando Alonso kämpft erneut um die WM-Krone der Formel 1 mit seinem deutschen Dauerrivalen Sebastian Vettel. Deutschland war für den zweimaligen Champion aus Oviedo oft ein gutes Pflaster: Viermal gewann er schon in der Heimat von Vettel & Co.


In einem dpa-Interview sprach der WM-Zweite vor dem Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring über Ängste eines Formel-1-Piloten, seine Samurai-Sprüche, den Konkurrenzkampf mit Vettel und die Aussichten für das Rennen.

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Frage: Sie sind ein begeisterter Rennradfahrer. Verspüren Sie eigentlich auch so etwas wie Angst, wenn sie mit 70 oder 80 Stundenkilometern einen Berg runterfahren?

Antwort: Nein, nicht wenn es den Berg runtergeht. Eher wenn man mitten im Verkehr steckt. Oder wenn man in eine Stadt reinfährt, mit vielen Autos und Lkw.

Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen dieser Angst und der Angst im Formel-1-Auto am vergangenen Sonntag in Silverstone?

Antwort: Das ist ein sehr großer Unterschied. Wenn du auf dem Rad sitzt hast du Angst, dass etwas passieren kann, aber du denkst nicht an den Tod. Wenn dich ein Auto berührt, kannst du dir einen Arm brechen und am nächsten Wochenende nicht das Rennen fahren. In Silverstone war das etwas ganz anderes. Wenn du hinter einem Wagen mit 300 Stundenkilometern bist, Teile durch die Luft fliegen und deinen Helm treffen, sind die wie Geschosse. Die killen dich wahrscheinlich. Das ist eine total andere Angst. Absolut inakzeptabel.

Frage: Gab es Momente in dem Rennen in England, in denen Sie anhalten und aussteigen wollten?

Antwort: Als das Safety Car die Strecke saubergemacht hatte, dachte ich, wir wären ganz kurz vor den Roten Flaggen (Anm.: Rennabbruch). Wir hatten ein paar Runden, in denen niemand verstanden hat, was da eigentlich vor sich geht. Da brauchten Fahrer, Teams, Rennleiter so etwas wie eine Auszeit.

Frage: Ihre Rad-an-Rad-Duelle mit Sebastian Vettel in Monza sind schon legendär. Auch diese sahen gefährlich aus. Ist das aber eher Spaß für Sie?

Antwort: Spaß nicht, aber es ist normales Rennfahren. Du hast mit jedem mal enge Duelle. In diesem Jahren fahren wir vielleicht nicht ganz so oft ganz vorne und haben Kämpfe mit Perez, Sutil oder Kimi. Jedes Duell ist anders, mit mehr oder weniger viel Spiel. Je stärker der Fahrer ist, umso schwieriger ist es, ihn zu überholen und man berührt sich vielleicht. Aber das ist Teil des Rennfahrens.

Frage: Sind Sie neidisch auf Vettel, der im Gegensatz zu Ihnen drei Titel hat?

Antwort: Nicht wirklich. Jeder hat eine andere Karriere. Ich war erfolgreich in der Vergangenheit. Ich bin für verschiedene Topteams gefahren. Ich habe einen Titel weniger, aber viel Unterstützung und viel Anerkennung. Jedes Mal wenn ich aufs Podium gehe, kann ich kaum reden, weil mich die Leute immer stoppen. Das ist für mich um einiges besser als ein weiterer Titel.

Frage: Also eher Motivation als Frustration?

Antwort: Weder Motivation noch Frustration, es ist Teil meines Jobs. Das Beste zu tun, was ich kann. Manchmal werde ich Vierter in der WM, manchmal gewinne ich. Man muss glücklich mit sich selbst sein, und ich bin glücklich im Moment.

Frage: Woher haben Sie die Samurai-Weisheiten, die Sie regelmäßig in den sozialen Netzwerken veröffentlichen?

Antwort: Ich lese Bücher darüber. Ich interessiere mit sehr für Japan, für die Kultur des Landes generell. Ich habe mich etwas eingehender damit beschäftigt und eine interessante Lebensphilosophie entdeckt. Nicht nur für das Rennfahren, sondern vor allem für das tägliche Leben. Wir können als Gesellschaft viel lernen von der Samurai-Kultur. Manchmal vergessen wir, was die wirklichen Probleme sind.

Frage: Denken Sie, die Leute missverstehen Sie und halten Sie für einen Formel-1-Krieger?

Antwort: Vielleicht. Aber es ist auch unmöglich, etwas im Internet zu posten und zu denken, dass es jeder versteht. 50 Prozent können es nachvollziehen, 50 Prozent nicht. Du postest ja die Sachen für diejenigen, die es lesen wollen. In den sozialen Netzwerken gibt es ja immer die Follow-Taste. Die kann man drücken oder halt nicht. Die Leute vergessen das.

Frage: Sie würden also nicht sagen, dass es so etwas wie Psychospielchen sind?

Antwort: Ich motiviere mich zuerst mal selbst. Wenn ich etwas poste, lese ich es. Das motiviert mich. Und ich möchte es mit anderen teilen, was ich lese und fühle in diesem Moment.

Frage: Was erwarten Sie vom Rennen am Sonntag auf dem Nürburgring?

Antwort: Ich erwarte viele Antworten. Zuerst müssen wir beantworten, was unsere wirkliche Leistung. Wir waren in dieser Saison bis auf Silverstone sehr gut. Vergangenes Wochenende waren wir dann nicht gut genug, um mit den Topfahrern zu kämpfen. Ich bin neugierig zu sehen, ob es nur ein Rennen war oder ob wir womöglich an Leistung verloren haben. Die zweite Antwort ist die auf die Reifen. Zum ersten Mal, glaube ich, wurden in der Geschichte der Formel 1 die Reifen mitten in der Saison geändert. Manchen wird das nutzen, manchen nicht. Ich hoffe, wir zählen zu denen, die davon profitieren können.

Frage: Sind Nico Rosberg nach seinen beiden Siegen in den vergangenen drei Rennen und sein Mercedes-Team bereits ein ernsthafter WM-Kandidat?

Antwort: Ja, definitiv. Sie sind sehr stark. Sie haben das ganze Jahr schon gezeigt, dass sie sehr schnell sind. Zuerst waren sie das nur im Qualifying, nun sind sie es auch im Rennen. Ich habe keine Zweifel, dass sie, Nico und auch Lewis (Hamilton) bis zum Ende der Saison harte Konkurrenten sein werden.