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Oskar Wallner und Christa Forster sind seit vier Jahren ein Paar. Foto: Kilian Pfeiffer

Almliebe auf Umwegen – Ältester Senner im Berchtesgadener Land

Ramsau – Als nach 49 Jahren die Ehefrau starb, entschied sich Oskar Wallner, auf die Alm zu gehen – als Senner. Heute ist der 83-Jährige der älteste Senner des Berchtesgadener Landes. Ans Aufhören denkt er nicht – trotz Bypass, neuer Herzklappe und zweier künstlicher Knie.


Es gibt ein Bild mit Kuh Hera. Entstanden ist es auf der Lattenbergalm: Fleckvieh Hera war in den Almkaser reinspaziert. Halb stand sie im Schlafzimmer, halb im Flur. Der tierische Besuch kam unerwartet. Für Oskar Wallner ist es genau so ein Moment, der für ihn das Almleben als Senner ausmacht – und ihm viel Kraft schenkt. Um die 18-Zentner-Kuh wieder rauszubringen, musste der Senior über das Rind klettern, um Hera – rückwärts – wieder rauszulotsen. »Dabei ist nichts kaputt gegangen«, freut sich der gebürtige Inzeller rückblickend.

Seit sechs Jahren bewirtschaftet Oskar Wallner das auf 1480 Metern gelegene Domizil, die Lattenbergalm, mitten im Nirgendwo am Almerlebnisweg im Bergsteigerdorf Ramsau. Dass er mal zum Senner würde, daran war nicht zu denken. Wallner ist gelernter Schriftsetzer, arbeitete 50 Jahre in seinem Beruf. »Heute würde man Mediengestalter sagen.«

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Die Lattenbergalm auf 1 480 Metern. (Foto: Kilian Pfeiffer)

In Ruhpolding aufgewachsen

Im Oktober 1939 kam er zur Welt: Es waren schwierige Zeiten während der Kriegsjahre. »Das Essen war immer knapp und meine Mutter wusste oft nicht, was sie den hungrigen drei Söhnen und der Tochter zum Essen vorsetzen sollte«, erinnert sich Wallner. Aufgewachsen ist der Oberbayer in Ruhpolding, zwischen zwei Sägewerken, der Mayergschwendter- und der Geiersäge. »Das war Abenteuer genug. Meine Liebe zum Holz entstand damals.«

Mit seiner Frau Maria, die er 1960 heiratete, bekam er drei Kinder. Andreas war ein hoffnungsvolles Langlauf-Talent. Der Erfolg währte nicht lange. Der Sohn erkrankte an Leukämie. Mit 16 Jahren starb er. Ein Schicksalsschlag, der Oskar Wallners Leben nachhaltig prägte. Der Tod des Sohnes schlug ein tiefes Loch in das Leben von Oskar und Maria: »Zwei Jahre brauchten wir, bis wir uns wieder einigermaßen gefangen hatten«, erzählt der Vater.

Das Leben ging weiter, es musste weitergehen. Schon der Kinder wegen durfte sich die große Familie nicht aufgeben. Heute ist Oskar Wallner Großvater und Urgroßvater, er hat sieben Enkel und acht Urenkel.

Am familiären Glück kann Ehefrau Maria nicht mehr teilhaben. Oskar verlor sie, den »Fels in der Brandung«, an Darmkrebs. 13 Jahre liegt das zurück, Oskar Wallner stand kurz vor seinem 70. Geburtstag. Er hatte seine Frau während der Krankheit gepflegt, am Ende wog sie nur noch 36 Kilogramm. »Für mich brach eine Welt zusammen.« Die Familie unterstützte ihn, doch er lebte von nun an alleine im Haus.

Zuflucht in der Natur

Der begeisterte Berggeher suchte Zuflucht in der Natur, weit oben. »Ein Jahr lang war ich nur in den Bergen unterwegs und betrieb Raubbau an meinem Körper«, sagt Wallner.

Ein Jahr der Trauer, dann folgte die glückliche Fügung auf der Mitterkaseralm. Dort lernte er beim Abstieg vom Watzmann Irmi kennen. Sie war die Sennerin am Mitterkaser. Die beiden verstanden und schätzten sich. Aus einer Berg-Bekanntschaft wurde Liebe. Vier Sommer verbrachten sie auf der Alm, eine glückliche Zeit. »Gleiche Interessen, Berge, Natur und Tiere sowie die Liebe zur Alm verbanden uns«, sagt Oskar Wallner. Sechs Jahre wohnten sie zusammen. Die Nachricht »Gebärmutterhalskrebs« erreichte seine Lebensgefährtin unerwartet. Auch Irmi verlor wenig später den Kampf gegen die Krankheit. »Ich habe nie gefragt, warum passiert gerade mir das alles. Ich habe es einfach hingenommen«, sagt Oskar Wallner.

Weil sich die Welt weiterdreht, wie er immer wieder sagt, nahm er das Angebot der Ramsauer Landwirt-Familie Kuchlbauer, das er Jahre zuvor erhalten hatte, an: Er übernahm die Lattenbergalm, jene Hochalm am Ramsauer Almerlebnisweg. Zehn Jahre lang war der Kaser verwaist – und Oskar Wallner war ja schon 76 Jahre alt: »Eine große Herausforderung für mich.« Mit einer neuen Herzklappe, einem Bypass und zwei künstlichen Knien ist nicht mehr alles so einfach wie früher.

Mit Holz und im Holz arbeiten

Das hinderte Oskar Wallner nicht daran, den Kaser wieder auf Vordermann zu bringen. Gemeinsam mit seinem Freund Georg Weber unterfingen sie den Kaser und bauten eine Mauer zur Stabilisierung der in die Jahre gekommenen Hütte. Mit Holz zu arbeiten, das bereitet dem handwerklich Geschickten sowieso schon seit Kindheit Freude. Im Holz zu arbeiten erfordert aber auch Zeit. Zeit hat man am Berg genug. »Wir mussten viel Käferholz aufarbeiten.« Auf der Alm fällt zudem das Jungvieh unter seine Obhut. Am Lattenberg wohnt er in archaischen Verhältnissen. Strom und Leitungswasser gibt es nicht. Die Kühe melken, nein, das müsse er nicht, sagt er, aber jeden Tag muss er sie durchzählen, ob noch alle da sind. Auch Käse machen ist nicht notwendig. Denn eine Bewirtung gibt es auf der Lattenbergalm nicht, vielleicht mal ein Schnapserl unter Bekannten. Die Alm ist keine klassische Besucheralm mit Ausschank. Als eines Nachts rund 40 Wanderer mit Stirnlampen an der Alm vorbeikamen und durch die Fenster ins Innere leuchteten, war die Sorge groß. »War alles halb so schlimm«, lacht der Senner.

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Kuh im Kaser: Oskar Wallner musste über Hera drüberklettern, um sie wieder rauszubekommen. Repro: Kilian Pfeiffer

Eine neue Lebensgefährtin

Oskar Wallner verbringt seine Nächte nicht mehr alleine auf der Alm. An seiner Seite ist seit vier Jahren Christa Forster. Die 82-Jährige kennt er seit Jahrzehnten. »Sie ist die Blumenfrau«, sagt der Senner mit einem Lachen. Sie schmückt die Alm mit ihren Blumen. »Wir wollen es ja schön haben«, ergänzt die neue Lebensgefährtin aus Eisenärzt im Landkreis Traunstein, die sich auf der Lattenbergalm um die Verpflegung des Senner-Duos kümmert. Einfache Gerichte gibt es: Nudeln, Pfannkuchen, nichts Besonderes. »Wir haben nur einen kleinen Ofen.« Auf der Alm haben die Kühe alle einen Namen verpasst bekommen: Hera, Silve, Braunei. »Man baut zu den Tieren ein enges Verhältnis auf.« Rinder sind intelligent, sagen sie. »Blöde Kuh«? Diese Beleidigung haben die Wahl-Senner aus ihrem Wortschatz gestrichen. Zu Hause pflegt der Senner eine umfassende Kuhsammlung geschnitzter Exemplare. Nicht mehr wegzudenken sind zudem die Kuhglocken. Sie sind Musik in den Ohren des Almpaares. »So ein schönes Geläut, sagt Oskar Wallner und sehnt den nächsten Almsommer herbei. Ob er es tatsächlich noch mal tun wird, hängt von der Gesundheit ab. Die Lust an der Arbeit auf dem Berg ist bei Oskar und Christa ohne Frage vorhanden.

Kilian Pfeiffer