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Über Werbung, Schwaben und Ferienerlebnisse

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Freuten sich über den Beifall des NUTS-Publikums: (von links) Bumillo, Nora Boeckler, Michael Altinger und Jess Jochimsen. (Foto: Heel)

Ein neues Gefühl breitet sich in Deutschland aus: Flugscham. Das wusste jedenfalls der Kabarettist Michael Altinger bei seinem Auftritt in der vollbesetzten Traunsteiner Kulturfabrik NUTS zu berichten, wo er zusammen mit seinen drei Gästen einen bunten Kabarett-Abend gestaltet hat.


Den Auftakt machte dabei der 1981 in Rosenheim geborene und in Reit im Winkl aufgewachsene Christian Bumeder alias Bumillo, der Auszüge aus seinem aktuellen Programm »Die Rutsche rauf« präsentierte, wobei sein Appell gleich zu Beginn lautete: »Bleib nicht so, wie du als Fünfjähriger bist (siehe Trump oder Kim Jong-un), sondern entwickle dich weiter. Die Welt ist kein Kinderspielplatz.«

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Im Mittelpunkt seines Auftritts standen jedoch diverse Werbestrategien, die uns zum Beispiel ein »Smartwater« aufschwatzen wollen, oder ein 5 in 1 Duschgel, das sogar Feuchtigkeit spendet. Da reichten schon ein paar Zitate, um den ganzen (Werbe)Wahnsinn offenzulegen. Eine mitreißende Persiflage auf Seehofers »Vorstufe zum Paradies«-Ausspruch, vorgeführt als Rap, rundete den Auftritt des sympathischen Künstlers perfekt ab.

Auf Bumillo folgte die 1980 in Ludwigsburg geborene Schauspielerin und Kabarettistin Nora Boeckler, die sogleich verkündete: »Ihr möchtet nicht mit mir tauschen.« Denn aufgewachsen im Schwäbischen, in einem Dorf »mit bescheidenem Genpool«, habe sie am Geburtstag nie etwas bekommen, weil sich »der Schwabe lieber zehn Minuten lang schämt als ein großes Geschenk zu machen.« Schlimm auch, dass die sie tagsüber betreuende Nachbarin so hässlich gewesen sei: »Bei ihr wurde dauernd eingebrochen – nicht, um etwas zu stehlen, sondern um die Vorhänge zuzumachen.« Mit ähnlichen Attacken auf die nachfolgende Schauspielausbildung, gewürzt mit rasantem Rollenwechsel und temperamentvollen Tanz- und Gesangseinlagen, beeindruckte sie die Zuschauer vor allem durch ihre überschäumende Präsenz.

Als Dritter im Bunde betrat der 1970 in München geborene Kabarettist und Autor Jess Jochimsen die Bühne. Ein charmanter, geistreicher Erzähler, der eingangs von seinem Sohn berichtete, der in der Schule bei der Abfrage der 10 Gebote das vierte und fünfte Gebot zusammengelegt hatte. Und dafür natürlich eine schlechte Note erhielt, obwohl das Ergebnis so abwegig ja nicht war. In seine eigene Schulzeit entführte er das Publikum mit »Mein schönstes Ferienerlebnis«, das seinerzeit ebenfalls schlecht benotet worden war. Weil er nämlich die Beerdigung seines Opas geschildert hatte. Allerdings nicht, weil er den Opa nicht geliebt habe, ganz im Gegenteil, sondern weil er bei der Trauerfeier länger als sonst aufbleiben und so viel Cola wie gewünscht trinken durfte. Und zur leidigen »Aber-Kultur« in Sprüchen wie »Ich bin kein Rassist, aber ...« meinte er: »Treffen Sie als Frau mal im Wald einen Mann, der von sich sagt: »Ich bin kein Serienkiller, aber ...« Genau da würde frau schreiend davonlaufen, und das zu Recht. Wolfgang Schweiger