»95 bis 99 Prozent all unserer Probleme sind im Kopf«

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»Wir Deutsche jammern auf hohem Niveau«, ist Psychotherapeut Robert Stamm überzeugt. (Foto: privat)

Schönau am Königssee – Jeder ist von der derzeitigen Pandemie betroffen. In diesen Zeiten ist es wichtiger denn je, auf sein eigenes Wohlbefinden zu achten und sich etwas Gutes zu tun. Wie das geht, weiß Robert Stamm. Er ist Arzt und Psychotherapeut und betreibt das »Psychotherapie Zentrum Berchtesgaden« in Schönau am Königssee.


Stamm wurde 1949 in den USA geboren, lebt seit 1971 in Deutschland und arbeitet seit 24 Jahren in Berchtesgaden. Der Schönauer ist Facharzt für Allgemeinmedizin und Kinderheilkunde und ist seit 1980 psychotherapeutisch tätig. Seine Patienten haben mit Depressionen, Angststörungen, Phobien, Zwangs- und Essstörungen oder mit Problemen bei der Arbeit und in der Ehe zu tun. Darum hat er auch gute Tipps auf Lager, wie man am besten auf sich selbst achtet.

Herr Stamm, wie würden Sie als Arzt und Psychotherapeut »Wohlbefinden« definieren?

Robert Stamm: Wenn ich aufstehe, dann freue ich mich auf den Tag und wenn ich ins Bett gehe, dann sage ich mir: »Das war ein schöner Tag.«

Welche Probleme beschäftigen die Menschen in dieser schweren Zeit am häufigsten?

Stamm: Corona und Corona und Geld. Alle reden über Corona. Niemand will es noch hören, aber viele sind finanziell sehr davon betroffen und haben existenzielle Ängste in Zusammenhang mit Corona. Viele haben im Moment große Sorgen, weil die finanziellen Hilfen noch nicht angekommen sind. Diese trifft es besonders hart und ich habe auch Verständnis für jene.

Achten die meisten Menschen Ihrer Meinung nach denn auf sich selbst?

Stamm: Manche schon. Viele Klienten berichten, dass sie weniger Geld ausgeben können. Mit dem Kurzarbeitsgeld kommen sie gut zurecht und sie können das Leben genießen, mehr als zuvor. Ich kenne Verschwörungstheoretiker, die darunter leiden, wie sehr wir eingeschränkt sind. Aber ich sehe einige, die sagen: Alles, was unwichtig ist, ist nicht mehr da und alles, was wichtig ist, haben wir noch. Ich persönlich vermisse Schwimmen, Fitness, Tanzen, Freunde, Weinreisen. Aber gestern war ich Skilanglaufen. Dann war ich im Schnee spazieren. Dann kam ein Freund vorbei. Wir saßen zwei Meter auseinander, wir tranken einen Glühwein und redeten miteinander. Abends kuschelte ich mit meiner Lebensgefährtin und dann schliefen wir in einem warmen Bett ein, das ist herrlich. Also: Habe ich gelitten oder den Tag genossen? Insgesamt achten die meisten Menschen schon auf sich selbst.

Was machen viele Ihrer Meinung nach verkehrt?

Stamm: Wir Deutsche – ja ich bin amtlich sogar ein Bayer – jammern auf hohem Niveau. Deutschland wird überall in der Welt bewundert. Wir sind reich, wir haben eine soziale Absicherung. Kein Wunder, dass so viele in der Welt zu uns kommen wollen. Aber wir fühlen uns arm. Wir denken, wir sind nicht reich genug, um andere aufzunehmen. Das Problem ist also nicht neu. Ich denke, wir müssen umdenken. Wir sind reich, auch wenn weniger da wäre. Wären wir ein bisschen bescheidener, gäbe es genügend für uns und für die Welt. Ich würde gerne auf etwas verzichten, um meinen Enkelkindern eine heile gesunde Welt zu hinterlassen. »Lieber Gott im Himmel, gib uns unser tägliches Brot« – sind wir dankbar dafür?

Was raten Sie als Psychotherapeut unzufriedenen und unglücklichen Personen, was man für das eigene Wohlbefinden tun kann?

Stamm: Okay, jetzt wird es psychotherapeutisch. 95 bis 99 Prozent all unserer Probleme sind im Kopf, in Gedanken und nicht real. Nur ein bis fünf Prozent sind real. Wenn ich Klienten helfen kann zu erkennen, dass das Leben schön ist und die Probleme im Kopf, dann bin ich sehr zufrieden. Ich rede jetzt über mich und gebe ein Beispiel, aber es passiert uns täglich: Ich habe eine schöne Winterjacke, knallrot, aber ich benutze fast immer eine andere Jacke. Ich denke, ich gebe sie in die Kleidersammlung vom Roten Kreuz. Dann denke ich, ich könnte sie doch meinem Freund X schenken. Plötzlich fühle ich Scham. Ich denke, er wird beleidigt sein, wenn ich ihm etwas Altes anbiete. Er hat so viel Geld. Er braucht nichts Altes. Also aus Scham, statt ihn zu fragen, frage ich seine Ehefrau. »Meinst du, dass meine alte Jacke ihm gefallen würde?« Am Ende wurde die Jacke gerne angenommen und mein Kleiderschrank hat etwas Platz. Alle sind zufrieden. Aber wie viele Gedanken (Gefühle) habe ich inzwischen gehabt? So geht es uns täglich.

Was tun Sie selbst, damit es Ihnen gut geht?

Stamm: Ich liebe meine Wohnung. Ich mache gerne ein Nickerchen. Ich sportle fast täglich. Ich liebe es, berührt zu werden und zu berühren. Ich bin täglich dankbar. Und wenn Corona mich erwischt? Schicksal – aber Mannomann, war das Leben schön.

Annabelle Gabriel