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1:5 erschüttert Spanien - Del Bosque: »Alle blamiert«

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Spaniens Keeper Iker Casillas machte bei der 1:5-Pleite gegen die Niederlande keine gute Figur. Foto: Guillaume Horcajuelo Foto: dpa

Salvador (dpa) - Debakel, Demontage, Demütigung - selbst dem honorigen Vicente del Bosque fehlten die Worte, das deprimierende 1:5 (1:1) gegen die Niederlande adäquat zu beschreiben.


Die zweithöchste Niederlage in der spanischen WM-Geschichte hinterließ beim zuvor so zuversichtlichen Erfolgstrainer Spuren. »Es ist kein glücklicher Moment, ich fühle mich sehr schlecht, bin enttäuscht«, gab del Bosque zu. Der 63-Jährige wirkte mitgenommen, hütete sich aber davor, sich zur Kritik an einzelnen Akteuren hinreißen zu lassen. »Das tue ich nie. Ich werde jetzt nicht mit dem Finger auf einzelne Spieler zeigen. Wir haben alle versagt und uns blamiert.«

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Die Spieler standen auch noch einen Tag nach der Schlappe regelrecht unter Schock. »Es gibt keine Entschuldigung«, sagte Abwehrchef Sergio Ramos im Trainingsquartier CT do Cuja geknickt. Alle hätten nach der Rückkehr aus Salvador schlecht geschlafen. »Es ging mir immer im Kopf herum.« Zugleich gab sich der Abwehrchef kämpferisch: »Wir sind weiter voller Stolz, Motivation und Hunger«, versicherte der Real-Star.

Für Ramos war die demütigende Niederlage »mehr ein mentales als ein physisches Problem«. Verteidiger Jordi Alba sagte: »Keiner konnte sich vorstellen, dass wir fünf Tore kassieren.« Das sei ein extremer Ausrutscher gewesen. Beide versicherten mit ernster Miene, dass das Team zusammenstehe und trotz der schwierigen Situation weiter fest ans Weiterkommen glaube. Gegen Chile will sich die »selección« am Mittwoch wieder wie ein echter Weltmeister präsentieren.

Schließlich hatte Spanien nur 1950 beim 1:6 gegen Brasilien mehr Tore kassiert als am Freitagabend gegen die in der zweiten Spielhälfte wie im Rausch auftrumpfenden Holländer. »1:5 - eine Katastrophe von historischem Ausmaß. Spanien kassiert in einem Spiel mehr Gegentreffer als bei der WM 2010 und der EM 2012 zusammen«, rechnete die Sportzeitung »Marca« vor. Selbst die seriöse »El País« sparte nicht mir harscher Kritik: »Die spanische Elf, die seit 2008 in keinem EM- oder WM-Spiel mehr als ein Gegentor kassiert hat, erlebt einen totalen Kollaps, ein Inferno. Der Weltmeister liegt am Boden.« Auch »As« sprach von einem »Totalschaden« und sieht das Ende einer Ära schon gekommen: »Spaniens glorreiche Fußballer-Generation zeigt Symptome der Erschöpfung.«

Das ist genau die Frage, die sich nun wohl jeder stellt. Hat der einst so erfolgreiche »Tiki-Taka«-Stil der Ü-30-Generation um Xavi, Andrés Iniesta und Xabi Alonso ausgedient? Oder ist das 1:5 nur eine schmerzhafte Momentaufnahme? Del Bosque sieht »kein Fitnessproblem«, wirkte aber dennoch ratlos: »Ich finde keine Worte, die Gegentore zu erklären.«

Unübersehbar war, dass die Spanier nach der glücklichen Führung durch Xabi Alonso (27. Minute/Foulelfmeter) und dem Ausgleich durch Robin van Persie (44.) in der zweiten Spielhälfte nichts mehr zuzusetzen hatten. Oranje dagegen drehte mächtig auf und kam durch den überragenden Arjen Robben (53./80.) sowie Stefan de Vrij (64.) und abermals van Persie (72.) zu weiteren Treffern. Die sonst so stabile Abwehr um Champions-League-Sieger Sergio Ramos und Gerard Piqué glich einem Torso. Torhüter Iker Casillas sah bei mehreren Treffern schlecht aus und hatte vor dem 1:4 durch van Persie einen Blackout. »Wir bitten um Entschuldigung, ich als Erster«, sagte der Kapitän. »Wir müssen die Kritik ertragen.«

Barcelonas Mittelfeldstar Xavi hatte noch einen Tag vor dem Duell betont, man werde den seit vielen Jahren erfolgreichen Spielstil mit viel Ballbesitz und Kontrolle nicht verändern. »Entweder wir gewinnen, oder wir sterben mit dem Stil.« Nun es gibt nicht wenige, die bereits den Beerdigungstermin kommen sehen. Bezeichnenderweise erschien »Marca« mit einem schwarzen Titelblatt und der Aufforderung: »Bringt das wieder in Ordnung!«

Der niederländische Trainer Louis van Gaal hatte das Problem der Spanier erkannt und seine gesamte Taktik danach ausgerichtet. Seine Mannschaft stand kompakt, verteidigte mit sieben Mann und nutzte mit ihren überfallartigen Kontern über die schnellen Robben und van Persie die Schwächen der Weltmeister gnadenlos aus. Als van Gaal nach seiner Meinung zum körperlichen Zustand der Spanier gefragt wurde, wand er sich wie ein Aal, um dem Gegner nicht zu nahe zu treten. »Man hat jedenfalls gesehen, dass meine Mannschaft extrem fit ist. Bei diesen klimatischen Verhältnissen kannst du nicht 90 Minuten nach vorne spielen.«

Dabei ließen die Spanier den Ball zunächst gut kreiseln, verbrauchten aber auch viel Energie und versäumten es, das zweite Tor nachzulegen. »Wir waren der Sache heute nicht gewachsen«, räumte der nach gut einer Stunde für Diego Costa eingewechselte Fernando Torres ein. »Wir haben kein Rezept gefunden und den Holländern zu viel Raum gelassen. So konnten sie unsere Abwehr ohne große Schwierigkeiten überwinden. Sie waren einfach besser.« Sergio Ramos fand, nach dem 1:2-Rückstand habe sich »negative Energie« in der Mannschaft breitgemacht. »In unseren Köpfen liefen Dinge ab, die dort nicht ablaufen sollten.«

Spielbericht bei fifa.com