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Die Neuntklässlerinnen mit einem Tanz zu »Sweet Dreams« von Eurythmics. (Fotos: Alexander Wimmer)
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MINT begeistert: Simon Metzendorf präsentierte seine Murmelmusikmaschine.

100 + 1 Jahre Gymnasium Berchtesgaden

Berchtesgaden – Die Feier des Hundertjährigen hatte noch mal um ein Jahr verschoben werden müssen. Deshalb konnten am vergangenen Donnerstag bereits 101 Jahre Gymnasium Berchtesgaden zelebriert werden. Beim Festakt in der voll besetzten Aula präsentierte sich die Schule im besten Licht und zeigte ihre vielfältigen Stärken und Besonderheiten.


Zur Eröffnung bot das Gymnasium den Anwesenden einen virtuellen Rundgang durch das Gebäude, bei dem neben den digitalen Möglichkeiten in den Klassenzimmern auch die speziellen Unterrichtsräume für Biologie und Chemie, die Kunst- und Musiksäle, die Bibliothek und der moderne Verwaltungsbereich vorgestellt wurden. Hochprofessionell durch die gesamte Veranstaltung führten die Schüler Sarah Zeisler und Lucas Dengler, die aktuell ihre Abiturabschlussprüfungen absolvieren.

Gemischte Trägerschaft

Berchtesgadens Bürgermeister Franz Rasp dankte den Anwesenden für die hervorragende Arbeit an der Schule. Von der Politik werde nur die Hardware zur Verfügung gestellt, was aber wirklich zähle, sei das Leben, das in der Schule stattfinde. Rasp sagte, dass es eine folgerichtige Entscheidung gewesen sei, den Schulneubau am Anzenbachfeld Anfang der 2000er-Jahre selbst in die Hand zu nehmen, um das staatliche Gymnasium in Berchtesgaden zu erhalten. Lange Jahre war der Markt Berchtesgaden Sachaufwandsträger gewesen, nun ist die Trägerschaft zum Jahreswechsel auf den Landkreis übergegangen. »Passt mir gut auf diese Schule auf«, mahnte er in Richtung der Landkreis-Vertreter.

Stellvertretender Landrat Michael Koller versprach, dass sich der Landkreis gut um die Schule kümmern werde, konnte sich aber die Anmerkung nicht verkneifen, dass dieser auch bisher finanziell für das Gymnasium aufgekommen sei. Koller analysierte: »Die Schullandschaft befindet sich derzeit in unruhigen Gewässern. Wir können einen gewissen Aktionismus im Schulbereich erkennen. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, dass Schule in erster Linie ein zuverlässiger Begleiter für ein zufriedenes und glückliches Leben sein soll, also muss nicht jeder die höchste Ausbildung haben.« Er wünschte der jungen Generation, mehr das zu tun, was im Augenblick zählt, und sich weniger ablenken zu lassen, vor allem von den sozialen Medien.

Ministerialdirigent Martin Wunsch lenkte den Blick auf die großen aktuellen politischen Herausforderungen: »Wir dürfen uns nichts vormachen: An den Schulen ist noch nichts wieder normal, die Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen.« Damit meinte er nicht die Lernrückstände, sondern die psychischen Folgen. Diesen Folgen müsse man sich nun in den Schulen stellen, etwa mithilfe der Schulpsychologen, wofür er die Unterstützung des Ministeriums zusagte.

Wunsch rückte auch die Stärken des Jubilars in den Fokus: »Dieses Gymnasium ist eine Schule mit Substanz.« Die kulturelle Bildung vermittle Ethik und Tradition, das Fremdsprachenangebot stehe für ein modernes Europa, auch bei den Zukunftsthemen wie der Digitalisierung sei die Schule ganz vorn dabei. »Die Kooperation mit dem Schülerforschungszentrum ist wegweisend und besitzt Strahlkraft für ganz Bayern«, so der Ministerialdirigent. Zudem würden mit individueller Förderung wie beispielsweise dem Tutorensystem verschiedene Lernwege unterstützt. »Das Gymnasium Berchtesgaden ist ein Hundertjähriger, der sehr gut in Form ist.«

Moderne und Tradition

Explizit lobte er auch die Schüler für die musikalische und künstlerische Umrahmung, die das Fest zu etwas ganz Besonderem mache. In der Tat stellte diese eine kulturelle Bandbreite zwischen Tradition und Moderne dar: Trachtler aus den fünften bis zehnten Klassen zeigten die Sternpolka und plattelten den Schlechinger.

Daneben gab es zwei moderne Tanzchoreografien von Schülerinnen der siebten respektive neunten Klassen. Außerdem wurden musikalische Solo-Einlagen auf der Ziach, am Klavier und am Schlagzeug geboten. Der Schulchor unter der Leitung von Simone Resch sang neben dem Volkslied »Kein schöner Land« auch einen Song aus dem Musical »Grease«. Das Programm wurde vom 21-köpfigen Schulorchester unter der Leitung von Markus Hanke mit der Filmmusik zu Indiana Jones abgerundet. In einer Videobotschaft gratulierte auch der Bayerische Kultusminister Michael Piazolo zu einem »Jahrhundert erfolgreicher Bildung«.

Als hochrangigste der Gäste durfte Staatsministerin Michaela Kaniber den ersten Teil abschließen, ebenfalls mit großem Lob: »An der Gestaltung des Programms sieht man: Moderne und Tradition gehen hier Hand in Hand.« Die letzten zwei Jahre seien aber verdammt hart gewesen. Kaniber berichtete von ihrer eigenen Tochter, die zu Beginn der Pandemie gerade 16 Jahre alt geworden war und insgesamt fünfmal in Quarantäne war. »Deshalb habe ich so einen unglaublichen Respekt vor unserer Jugend.« Für die wahnsinnige Leistung der Schüler forderte sie ebenso einen stehenden Applaus ein wie für die der Lehrer.

Der Neubau des Gymnasiums in Berchtesgaden sei eine weitsichtige und kluge Entscheidung gewesen, um für die Zukunft beste Bildung im Talkessel zu garantieren, so Kaniber. »Es ist eine klare Standortbestimmung, wenn eine Schule ihre Tradition, ihre Werte und ihre Wurzeln an ihre Schüler weitergibt. So eine Schule kann nicht irgendwo in Bayern stehen, sondern nur hier in Berchtesgaden.«

Rupert Aigner durfte anschließend als Fachbetreuer für Geschichte die Historie der Schule (wir berichteten) darstellen. Am Ende stellte er eine Parallele zwischen den Anfängen vor 100 Jahren und heute her: »Wir wollen weiterhin kleine Klassen genießen, die feine Bergluft atmen und sind zuversichtlich, auch weiter die Bildung für die Zukunft gestalten zu können.«

Vielfältige Kooperationen

Im zweiten Teil des Festprogramms stellte die Schule die Vielseitigkeit ihrer Arbeitsgruppen und Kooperationspartner vor. Das Schulradio des Gymnasiums hat bereits seit 2004 eine Partnerschaft mit Gabriel Wirth vom Bayerischen Rundfunk, der als Journalist fachliche und praktische Unterstützung liefert. Das soziale Engagement des Gymnasiums zeigt sich in der Partnerschaft mit der Pamir-Hilfe. Für den Verein, der ein abgelegenes Dorf in Tadschikistan unterstützt, resümierte Dr. Gisela Bondes über das bisher Erreichte. Mit den Spenden konnte seit 2011 ein Kindergarten gebaut werden und zuletzt auch eine Krankenstation für die grundlegende medizinische Versorgung vor Ort.

Auf die Kooperation mit dem Nationalpark Berchtesgaden leitete der preisgekrönte Kurzfilm »Der Insekteffekt« über. Dr. Roland Baier verwies als Leiter des Nationalparks auf die gemeinsame Geschichte, denn vor 100 Jahren habe alles seinen Anfang genommen. »In einer Zeit der radikalen Abkehr vom Bisherigen wurde 1921 das Naturschutzgebiet Königssee ausgewiesen, der Vorgänger unseres heutigen Nationalparks.«

Die Leiterin der Umweltbildung, Andrea Heiß, zeigte die Aktionen auf, mit denen Schüler und Lehrer den Park kennenlernten. Seit 2015 finden am Gymnasium jährlich die Nationalparkprojekttage statt. Außerdem soll das Engagement im europäischen Interregprojekt »YOUrALPS« das Bewusstsein für den Wert der Alpen bei den Schülern stärken. In diesem Zusammenhang sei das Gymnasium auch als erste Alpenschule Deutschlands zertifiziert worden.

Dass das Gymnasium einen besonderen Schwerpunkt auf die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) legt, stellte Chemielehrer Wolfgang Ostertag dar. Die Schule ist im nationalen Netzwerk MINT-EC organisiert, kooperiert mit dem überregional bekannten Schülerforschungszentrum, organisiert im Rahmen des Projekts »MINT begeistert!« Ausstellungen, wissenschaftliche Vorträge und Shows.

Die Murmelmusikmaschine

Auch bei Wettbewerben wie »Jugend forscht« sei das Gymnasium äußerst erfolgreich gewesen, etwa mit einem innovativen Biodiesel aus Algen, der den Sonderpreis Energiewende abräumte. Ziel sei es, dass Schüler und Schülerinnen eine Begeisterung für diese Fächergruppe entwickelten, so Ostertag.

Eine perfekte Demonstration dafür bot der ehemalige Schüler Simon Metzendorf mit der von ihm entwickelten Murmelmusikmaschine. Neben Kompetenzen in Informatik für die Programmierung habe der Holzbau auch handwerkliches Geschick erfordert.

Auf welche unterschiedlichen Weisen am Gymnasium Sprachen vermittelt werden, darüber dachten die Lehrkräfte Alexander Hornung und Thomas Bauer laut nach. Das Angebot umfasst Englisch, Französisch, Latein und Spanisch. Vom klassischen Lernen von Vokabeln und Grammatik kamen die Lehrer über die Aneignung von Sprachkompetenzen auf kreative Aktionstage, Wettbewerbe, vor allem aber auf Studienfahrten ins Ausland und Schüleraustausche. Eindrucksvolle Bilder aus der ganzen Welt, wie von der USA-Fahrt, aus Paris und der Bretagne, aus Spanien und vom Austausch mit Uruguay öffneten den Blick auf die internationalen Erfahrungen, die die Schüler des Gymnasiums sammeln können.

Den Höhepunkt der Veranstaltung bildete der Festvortrag von Extremkletterer Alexander Huber. »Das Alpine kann eine Schule fürs Leben sein. Nicht den Berg soll man bezwingen, sondern das eigene Ich«, sagte er. Nachdem Huber bereits ein Physikstudium abgeschlossen hatte, habe er sich entschieden, diesen Weg nicht weiter zu verfolgen und sich gemeinsam mit seinem Bruder Thomas völlig auf das Bergsteigen zu konzentrieren, weil das seine Erfüllung sei. Er ermunterte das Publikum, sich immer neue Ziele zu setzen.

In dem lebendigen Vortrag behandelte er die Jagd der Huberbuam nach dem Geschwindigkeitsrekord beim Durchklettern der Route »The Nose« im Yosemite-Nationalpark, die auch einige Rückschläge bereithielt, 2007 aber schlussendlich gelang. »Ein Scheitern gibt es nur, wenn man aufgibt. Wenn man aber seine gesetzten Ziele konsequent verfolgt, dann wird man auch erfolgreich sein.« Der Schulfamilie gab er mit: »Man braucht schon auch Glück im Leben. Aber wenn ihr dranbleibt, bekommt ihr es irgendwann auch.«

Für einander Miteinander

Schulleiter Andreas Schöberl und sein Stellvertreter Markus Spiegel-Schmidt hoben die Vorzüge ihres Schulgebäudes hervor. Es sei ein einladendes, helles und transparentes Gebäude, das gut gewartet und gepflegt werde. Es biete viel Ruhe und ausreichend Platz für eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre in den Klassenzimmern. Die großzügige Aula und der ansprechende Außenbereich rundeten es als hervorragende Lernumgebung ab.

Spiegel-Schmidt definierte drei Herausforderungen, die für die Schulleitung aktuell wichtig seien. Erstens, die wachsende Heterogenität, mit der die Schule zu kämpfen habe: Man müsse sich fragen, wie man im Unterricht jedem Kind noch gerecht werden könne. Zweitens, veränderte und immer flexibler werdende Rahmenbedingungen: Neue Methoden und Regelungen müssten immer hinsichtlich ihres Nutzens hinterfragt werden. Drittens, der Einsatz digitaler Medien: Es gelte abzuwägen, wie viel Umgang mit denselben gewünscht sei und einen echten Mehrwert biete, und was umgekehrt überflüssig, schädlich oder sogar kontraproduktiv sei.

Direktor Andreas Schöberl fasste die umfangreiche Veranstaltung zusammen. »Unser Gymnasium ist eine Schule, die fest in der Region und deren Tradition verankert ist«, wobei er beispielhaft auf den Maibaum im Pausenhof verwies, der dort in der Dugnacht aufgestellt worden war. »Wir erfahren sehr viel Zuspruch von außerschulischen Partnern in der Region und uns werden sehr viele Türen geöffnet. Das freut uns beide außerordentlich.«

»Füreinander und Miteinander« sei der Leitspruch, nach dem Entscheidungen an der Schule gemeinsam erfolgreich getroffen würden. »Deshalb trauen wir uns zu sagen: Wir sind schon stolz auf unsere Schule.«

Alexander Wimmer