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»Zwischen Genie und Wahnsinn«

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Der Ruhpoldinger Tommy Fischer musste seine Karriere als Skicrosser beenden. Sport macht er aber noch immer sehr gerne. (Foto: Wukits)

Für viele Medien ist es Anfang des Jahres nur eine Randnotiz gewesen: Skicrosser Tommy Fischer aus Ruhpolding hatte damals kurz vor Olympia seine sportliche Karriere beendet. Mittlerweile hat sich der 32-Jährige neu orientiert, seine Zukunft liegt bei der Bundeswehr. Dort will er eine neue Möglichkeit nutzen und als »Trainer für die Truppe« arbeiten. »Ich werde bei diesem Projekt 'normale Soldaten' fit machen und versuchen, sie in den Sportbereich bei der Bundeswehr zuzuführen«, erklärt er seine Aufgabe, die auf die nächsten zweieinhalb Jahre ausgerichtet ist.


Hauptgrund seines Rücktritts vom Leistungssport sind die vielen Verletzungen. Seine Krankenakte ist lang – unter anderem stehen da drei Kreuzbandrisse, der Bruch des Schlüsselbeins und des Daumens sowie ein Bänderriss im Sprunggelenk. Jetzt im Sommer, wenn er in kurzen Hosen unterwegs ist, sind die Spuren zahlreicher Operationen an den Beinen besonders gut zu sehen. »Gut, dass ich keine Frau und Model bin, da hätte ich keine Chance«, sagt er sarkastisch.

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Die sportliche Notbremse bei Fischer hat der Arzt gezogen. »Ich habe keine ärztliche Freigabe mehr für den Leistungssport bekommen. Zuletzt ist mir ein Knorpel aus dem Knie entfernt worden. Das ist, wie wenn du mit dem Auto auf den Felgen fährst«, erklärt er. Damit war für den Ruhpoldinger das Thema Leistungssport kurz vor den Olympischen Spielen 2018 erledigt. »Das hätte mich schon noch gereizt. Zumindest kann ich normalen Sport machen«, sagt er und ergänzt: »Ich habe die vergangenen zwölf Jahre jedes Jahr mindestens eine OP gehabt.«

Lange hat er nicht gewusst, wie er mit den Verletzungen umgehen soll. Im Laufe der Zeit hat er zumindest gelernt, es zu akzeptieren. »Man wird nicht daran gemessen, wie oft man hinfällt, sondern wie oft man aufsteht«, ist zu seinem Lebensmotto geworden.

Familie und Freunde als großer Rückhalt

Bei den Olympischen Spielen 2014 hat er den 16. Platz erreicht, seine beste Platzierung im Weltcup brachte ihn auf den sechsten Rang. Heute blickt er entspannt auf seine Karriere zurück und sagt, dass es auch ein Leben nach dem Leistungssport geben würde. Wichtig seien in dieser Situation die Familie und die Freunde.

In der Saison 2009/10 ist er vom alpinen Skilauf zum Skicross gewechselt. Diese neue Sportart entsprach genau seinem Naturell – spektakulär und waghalsig. Zuletzt bei Olympia mussten die Sportler 27 Sprünge in einem Lauf bewältigen. Das brachte viele Crosser an und manchmal über ihre Leistungsgrenze. »Ich bin immer zwischen Genie und Wahnsinn unterwegs gewesen, Glück und Pech sind nah beieinander gelegen«, meint er rückblickend.

Den schwärzesten Tag seiner Karriere erlebte er 2012 bei einem Weltcup-Rennen in Grindelwald. Der Kanadier Nik Zoricic verunglückte dort tödlich, Fischer ist damals im selben Lauf gestartet. »Das hat mich nachdenklich gemacht, gehört aber leider auch zum Spitzensport dazu. Natürlich rechnet niemand mit so etwas Tragischem. Sobald du aber deine Startnummer anhast, geht es wieder nach vorne und alles wird ausgeblendet«, sagt er.

Trotz allem ist er überzeugt, alles in seiner Karriere richtig gemacht zu haben. »Bereuen tu ich nichts, ich habe viel gesehen. Du bist Einzelsportler und musst aber auch teamfähig sein. Schließlich bist du rund 200 Tage im Jahr miteinander unterwegs.«

Im Schatten des »Übervaters«

Es bleibt im Verlauf des Interviews nicht aus, dass die Rede auch auf seinen Vater, Biathlon-Legende Fritz Fischer, kommt. »Mit so einem 'Übervater' ist es schwierig. Mein jüngerer Bruder hat Biathlon gemacht und ist am Vater gemessen worden. Der Vergleich mit den großen Fußabdrücken war sehr schwierig für den Fritzi«, erzählt er. Seine eigene Situation sieht er etwas leichter an – aber durchaus ähnlich. »Jeder will, dass man Weltmeister, Olympiasieger oder weiß der Geier was, werden soll. Schließlich war es der Vater auch. Das ist nicht immer einfach gewesen.«

Immerhin seien er und sein älterer Bruder Daniel zum Skifahren und nicht zum Biathlon gegangen. Eines kann sich Tommy Fischer nach seiner Karriere nicht vorstellen. »Es wäre Wahnsinn, jetzt plötzlich acht Stunden am Tag in einem Büro zu sitzen. Da ist das mit der Bundeswehr ein richtiger Glücksfall.«

Am Schluss wagt er noch einen Blick in die Zukunft, was möglicherweise in zehn Jahren sein könnte. »Wenn ich da Kinder haben sollte, dann sollen sie Sport treiben. Sie können alles machen und sich irgendwann auf eine bestimmte Sportart einschießen. Ich werde ihnen das alles ermöglichen und dahinter sein, es sollte aber schon ernsthaft sein.« Hoffentlich dann auch mit einer etwas dünneren Krankenakte als beim Papa. SHu