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Vom Bayerischen aufs Schwarze Meer geblickt

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Tobias Angerer (Mitte) bedankte sich mit Gladiolen bei den Vorstandsmitgliedern seines Fanclubs (von links) Norbert Ross, Hilde Weinl, Petra Kalina und Roland Boschert. (Foto: Helmberger)

Über den abendlich-romantischen Chiemsee hinweg haben die Gäste, die zum Sommerfest des Tobi-Angerer-Fanclubs an die Hütte am Ufer des Bayerischen Meeres gekommen waren, gedanklich bereits ans Schwarze Meer gedacht, wo in der Umgebung der russischen Hafenstadt Sotschi im kommenden Winter die Olympischen Winterspiele stattfinden.


Dort wird Tobias Angerer, 2006 und 2007 Weltcup-Gesamtsieger im Skilanglauf und mehrmaliger Medaillengewinner bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften, noch einmal einen letzten sportlichen Höhepunkt erleben (natürlich sofern er sich qualifiziert und sonst nichts dazwischenkommt), ehe er zum Saisonschluss 2014 seine lange und große Karriere beendet.

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Dann wird auch der Vereinszweck des Fanclubs nach § 2 Satz 1 der Satzung erledigt sein, nämlich die »ausschließliche Unterstützung und Förderung des Skilangläufers Tobias Angerer«.

Der Verein war nach den Olympischen Winterspielen 2002 von Salt Lake City, als Angerer mit Bronze in der Staffel seine erste olympische Medaille errang, offiziell gegründet worden. Und seither begleitete ihn ein Teil der jetzt 150 Mitglieder stets zu den großen Rennen; allerdings wird der Fanclub keine Reise nach Sotschi organisieren, sondern die Fans werden die Rennen zu Hause vorm Fernseher verfolgen und »ihrem« Tobi die Daumen drücken.

Dagegen kennt Tobi Angerer (SC Vachendorf) die Langlaufstrecken in Sotschi vom Weltcup her bereits ganz gut, und bei der vielversprechenden Generalprobe im vergangenen Winter erreichte er im 30-km-Skiathlon den hervorragenden sechsten Platz.

»In Russland habe ich noch bei jedem Weltcup gute Ergebnisse erzielt«, blickt Angerer zurück und schöpft aus diesem »Gesetz der Serie« seine Hoffnung auf ein gutes Abschneiden. »Sotschi ist das A und O, und deshalb will ich mich möglichst bald für die Spiele qualifizieren, damit ich mich dann konsequent darauf vorbereiten kann«, sagt Angerer, der genauso konsequent sein Training darauf aufgebaut hat.

Dabei ist er wieder mit seinem alten Freund und Förderer Karl Zellner unterwegs, der den Traunsteiner mit Unterbrechungen immer wieder mit Erfolg betreut hat. Angerer hat mit dem seit fünf Jahren in Ruhpolding trainierenden Andreas Katz vom SV Baiersbronn im Schwarzwald einen hochtalentierten Trainingspartner, und diese Zusammenarbeit bringt beiden was.

Angerer: »Wir verstehen uns gut, helfen uns gegenseitig und erfahren dadurch eine erhebliche Steigerung des Trainingsniveaus. Wir versuchen uns gegenseitig zu fordern und zu fördern, und so verläuft für mich das Ausdauertraining entspannter, als wenn ich es allein machen würde.« Und der 25-jährige Andi Katz ergänzt: »Das Positive beim Training in einer Gruppe ist, dass jeder vom anderen profitieren kann.« Wobei auch er das persönliche Verständnis innerhalb des Trios hervorhebt.

Der Dritte im Bunde nämlich ist Trainer Karl Zellner, einst Biathlet und Langläufer und 1969 mit der Vereinsstaffel des SC Ruhpolding (mit Hubert und Theo Merkel sowie Herbert Steinbeißer) Deutscher Meister im Skilanglauf. In den siebziger Jahren hatte er als Stützpunkttrainer im Chiemgau begonnen und betreute – mit Unterbrechungen – Tobias Angerer fast seit den Anfängen seiner aktiven Laufbahn. Zur Zeit ist Karl Zellner vom Deutschen Skiverband (DSV) offiziell für die Betreuung von Angerer und Katz zuständig, und er weiß um die positiven Effekte des gemeinsamen Trainings: »Andi ist vom konditionellen Bereich her dem Tobi ebenbürtig, auf Skirollern und im Kraftausdauer-Bereich hat Tobi noch Vorteile.«

Zentrale Leistungskontrolle in Oberhof

Das ist nicht zuletzt die Erkenntnis aus der Leistungskontrolle in Oberhof, wo Andreas Katz in dem zum Deutschlandpokal zählenden Crosslauf hinter den beiden – als Gäste gestarteten – Tour-de-Ski-Siegern Alexander Legkow (Russland/2013) und Lukas Bauer (Tschechien/2008) als bester Deutscher den dritten Platz belegte.

Legkow, heuer Zweiter des Gesamtweltcups hinter Petter Northug, gewann auch das Skirollerrennen über 19,6 km vor Franz Göring (Zella-Mehlis), Sebastian Eisenlauer (Oberstdorf), Jens Filbrich (Oberhof) und Andreas Katz sowie Hannes Dotzler (Sonthofen). Andreas Katz trägt nun das Gelbe Trikot des Gesamt-Führenden, womit er schon einen wichtigen Schritt im Kampf um die Qualifikation fürs Weltcupteam vorangekommen ist.

Auch sein Ziel ist Olympia in Sotschi, nachdem er 2010 nur die halbe Qualifikation geschafft hatte und die Spiele von Vancouver im Fernsehen mitverfolgen musste. »Es wird also Zeit anzugreifen«, gibt sich Andreas Katz kämpferisch. »Die Chancen sind für alle gleich, nun kommt es auf die zweite Qualifikation bei der Herbstleistungskontrolle an.« Bei der ebenfalls ein 10-km-Crosslauf und ein 15-km-Skirollerrennen auf dem Programm stehen.

Tobias Angerer hatte diese Rennen in Oberhof am 20. und 21. Juli nicht mitgemacht, nachdem er sich bei den Tests im Oberhofer Skitunnel leicht erkältet hatte. Auch für Tobias Angerer, der ansonsten ohne Probleme das bisherige Trainingsprogramm abgespult hat, gilt es anzugreifen, und so bleibt für etwaige wehmütige Gefühle hinsichtlich des baldigen Karriereendes kein Platz. »Ich fühle im Gegenteil vor allem Dankbarkeit dafür, dass ich diese schöne Zeit erleben durfte.«

Eine schöne Zeit, wenn auch nur ein paar Stunden, war auch der Abend am Chiemsee, bei dem Tobi Angerer neben vielen Familienangehörigen, Verwandten und Fans auch ehemalige Trainer wie Hansi Reiter sowie Kollegen aus der Sportszene begrüßen konnte, wie den vielfachen Paralympicssieger Martin Braxenthaler, die jungen Skilangläufer Lucas Bögl und Steffi Böhler, deren Freund der Musiker »Keller-Steff« wie schon 2012 mit dem Boot von Übersee herüber gekommen war.

Nachdem das Fest heuer wegen Hochwassers um vier Wochen verschoben werden musste, präsentierte sich der Chiemsee nun von seiner schönsten Seite, und das animierte die Gäste auch zum fleißigen Erwerb von Losen bei der Tombola, deren Reinerlös wiederum einem sozialen Zweck zugute kommt. Zu Gast war übrigens auch ein Team des Bayerischen Fernsehens, das am kommenden Donnerstag in »Sport in der Abendschau« ein Porträt über Tobias Angerer bringen wird. Hans Helmberger