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»Skifahren bedeutet für mich Freiheit«

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Die ehemalige Skirennläuferin Hilde Gerg aus Schönau am Königssee hält sich heute mit Golf fit. (Foto: Schraufstetter)

Der alpine Skisport ist Mathilde »Hilde« Gerg quasi in die Wiege gelegt worden: »Meine Eltern waren Pächter eines Berggasthofs. Dort haben wir auch gewohnt. Mitten im Skigebiet auf 1498 Meter Höhe war mein Zuhause. Acht Jahre lang bin ich jeden Morgen auf Ski in die Schule gefahren«, erinnert sich die sympathische Skirennläuferin, die bis 2005 für den SC Lenggries an den Start ging. Ihren ersten großen internationalen Erfolg feierte Hilde Gerg 1994 bei den Juniorinnen mit dem Vizeweltmeistertitel im Super-G.


»Das war schon etwas Besonderes«

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Im Laufe ihrer erfolgreichen Karriere errang die heute 39-Jährige, die in Schönau am Königssee lebt, 20 Weltcupsiege, holte sich zweimal die »kleine« Kristallkugel im Disziplinen-Weltcup und gewann sechs olympische und WM-Medaillen. »Der größte sportliche Erfolg war natürlich der Olympiasieg im Slalom 1998 in Nagano«, erzählt die Skirennläuferin: »Am emotionalsten war jedoch die Bronzemedaille bei der WM 2001 im Super-G, knapp ein Jahr nach meinem Schien- und Wadenbeinbruch. Da wusste ich lange Zeit nicht, ob ich meine sportliche Laufbahn überhaupt fortsetzen kann. Die Medaille war der Anknüpfpunkt an vorherige Erfolge.«

Ein Jahr später, bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City, blieb Hilde Gerg ohne Medaille, trug bei der Eröffnungsfeier aber die Fahne der deutschen Delegation. »Das war schon etwas Besonderes. Ich war irrsinnig stolz, auch wenn die Wettkämpfe selbst eher schwierig waren. Die Spiele standen unter dem Eindruck der Anschläge vom 9. September. Das viele Drumherum, die Sicherheitskontrollen – das habe ich nicht ausblenden können. Vier Jahre zuvor in Nagano war es unkompliziert. Wir sind vom Olympischen Dorf zum Hang gefahren und haben uns auf den Sport konzentriert.«

Richtige Freundschaften haben sich im Weltcup-Zirkus nie gebildet, berichtet die Schönauerin mit etwas Wehmut in der Stimme: »Aus der Jugendzeit, als noch der Spaß im Vordergrund stand, ist mir Sybille Brauner aus Rosenheim geblieben. Wir sehen uns heute noch regelmäßig. Im Weltcup bilden sich eher Interessensgemeinschaften. Man lernt viele wertvolle Menschen kennen, respektiert ihr Können, kämpft aber mit ihnen um sportliche Erfolge und Prämien. Freundschaft spielt sich auf privater Ebene ab. Kürzlich war ich mit Alexandra Meissnitzer essen; das wäre vor zehn Jahren nicht möglich gewesen. Die gemeinsam verbrachte Zeit verbindet – und ohne Wettkampf- und Konkurrenzdruck ergibt sich eine ganz neue Perspektive.«

Nach einer schweren Verletzung erklärte Hilde Gerg im November 2005 ihren Rücktritt vom Leistungssport. »Die Olympischen Spiele in Turin wären noch mein Ziel gewesen«, sagt die 39-Jährige und fügt mit einem charmanten Lächeln an: »Die habe ich dann als Co-Kommentatorin miterlebt.« Sieben Weltcupsaisonen stand sie vor der Fernsehkamera und versuchte, dem Publikum mit Sachverstand und Emotionen ihren geliebten Skisport näher zu bringen. Denn: Käme Hilde Gerg noch einmal auf die Welt, würde sie ganz sicher wieder Skirennläuferin werden: »Ja, unbedingt! Ich bin von Herzen gern auf Ski gestanden und Rennen gefahren. Skifahren bedeutet für mich Freiheit. Ich habe seinerzeit aber gerne aufgehört. Ich habe aus den Verletzungen und Niederlagen gelernt und möchte auf all die positiven und negativen Erfahrungen nicht verzichten.«

Die Erfahrungen aus dem Leistungssport haben Hilde Gerg auch über den bittersten Schicksalsschlag in ihrem Leben hinweggeholfen. Vor vier Jahren erlag ihr Mann Wolfgang Graßl, mit dem sie seit 2007 verheiratet war, einem Herzversagen.

»Es war ein Schock, eine absolute Extremsituation. Ich war völlig überfordert und plötzlich alleinerziehend mit zwei kleinen Kindern«, resümiert Gerg: »Meine Schwiegereltern haben mir in dieser Situation sehr geholfen. Und die bewusste Trauerarbeit. Die Tatsache, dass es den Tod gibt, reißt wahnsinnige Tiefen auf. Aber der Tod gehört ins Leben integriert, denn er gehört zum Leben dazu. Wolfgang und ich hatten 17 Jahre eine stabile Beziehung. Das ist das Positive, was ich mitnehme und auch an unsere Kinder weitergebe. Wenn man das akzeptieren kann, kann man auch irgendwann wieder akzeptieren, dass man zu viert ist«, sagt sie strahlend. Seit einem Jahr ist Hilde Gerg an der Seite ihres neuen Lebenspartners Marcus Hirschbiel glücklich.

»Es kann dauern, bis eine Siegfahrerin heranreift«

Um die Zukunft des deutschen Skirennsports ist Hilde Gerg trotz des Rücktritts von Maria Höfl-Riesch nicht bange: »Man muss akzeptieren, dass es mit Vicki Rebensburg derzeit nur eine Siegfahrerin im Kader gibt. Die Lücke, die Maria hinterlassen hat, wird sich nicht sofort wieder schließen. Weltklassefahrerinnen gibt es nicht alle Jahre. Maria Riesch war erfolgreicher als Katja Seizinger – und die war vor 20 Jahren aktiv. Es kann dauern, bis eine Siegfahrerin heranreift. Aber die Mädels und ihre Trainer sollten sich nicht beirren lassen.« mia