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Ricco Groß will Russlands Biathlon-Männer fit machen

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Ganz entspannt: Ricco Groß geht als russischer Trainer in den Winter. (Foto: S. Huber)

Gut, dass Ricco Groß in seiner sächsischen Heimat in der Schule im Russisch-Unterricht immer aufgepasst hat. Im Abschlusszeugnis stand eine »Drei«. Diese Sprachkenntnisse kann der 45-Jährige jetzt ganz gut brauchen, schließlich ist er seit August Biathlon-Nationaltrainer bei den russischen Männern.


»Na ja, mit der Verständigung klappt es ganz gut. Ich habe zwei Trainerkollegen, die auch Deutsch reden und als Basissprache gilt Englisch«, erklärt Groß. Mittlerweile hat der in Ruhpolding lebende ehemalige Weltklasse-Biathlet die ersten Kontakte mit seinem neuen Team hinter sich. Einem Trainingslager in Obertilliach folgten ein Lehrgang in Russland und die nationale Meisterschaft in Tschajkowsky. Kommende Woche folgt ein Schneetraining auf dem Dachstein und dann geht es in die Skihalle nach Oberhof.

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Ruhpolding bleibt Lebensmittelpunkt

Der Kontakt zum russischen Verband kam im Sommer zustande. »Sie haben angefragt, ob ich mir den Posten als Cheftrainer zutraue? Es ist keine spontane Entscheidung gewesen und ich habe einige Zeit überlegt. Aber dann habe ich zugesagt und auch die Familie hat den Schritt mitgetragen.«

Zunächst steht Groß drei Jahre bei den Russen unter Vertrag. Trotzdem wird Ruhpolding sein Lebensmittelpunkt bleiben. Durch den Wechsel zu den Russen hat der viermalige Olympiasieger seinen Job bei der Bundeswehr kündigen müssen. »Das sind Dinge, die du dir alle überlegen musst«, meint er.

Oft wird ihm die Frage gestellt, ob er sich denn vorher mit Wolfgang Pichler beraten habe, immerhin hat dieser seine Erfahrungen als russischer Damentrainer gemacht. »Das habe ich mit Absicht nicht gemacht. Ich wollte unvoreingenommen an die Aufgabe gehen. Irgendwann wird sich aber die Gelegenheit ergeben, sich mit dem Wolfi auszutauschen.« Ricco Groß hat vom russischen Verband einen klaren Auftrag: Bis zu den Olympischen Spielen 2018 soll er ein schlagkräftiges Team bilden.

Viele Athleten zum Erfolg gebracht

Auf dem Weg dorthin gibt es aber auch Zwischenziele wie die Weltmeisterschaften in Oslo (2016) und ein Jahr später in Hochfilzen. »Da wollen wir bereits die neugelernten Sachen zeigen.« Wie groß der Druck in Russland sein wird, weiß er nicht. »Da habe ich die andere Seite noch zu wenig kennengelernt«, gibt er zu.

Vor allem die Weltmeisterschaft in Oslo ist für Groß etwas Besonderes. »Ein toller Standort, anders als in jüngster Zeit bei Olympischen Spielen. Diese finden immer mehr in der 'Pampas' statt«, meint er mit einem Seitenhieb auf die gescheiterte Münchner Olympiabewerbung von 2022.

Vor allem in der Breite will Groß die Russen wieder stärken, zum Beispiel sollen wieder mehr Athleten im Massenstart vertreten sein. Deswegen wird er auch seine Erfahrungen aus seiner Tätigkeit als Damen-Bundestrainer und im IBU-Cup mit einbringen. »Viele Sachen mit meinen Athleten am Stützpunkt Ruhpolding haben zum Erfolg geführt. Ich hatte Sportler, die ausgereift waren, aber auch vermeintlich hoffnungslose Fälle, die es doch noch in die Weltspitze geschafft haben und auch welche aus dem Juniorenbereich«, meint er selbstbewusst. Deswegen schaut er auch ein wenig wehmütig auf seine Zeit als Trainer in Deutschland zurück.

Athleten wie Vanessa Hinz, Johannes Kühn und sein ältester Sohn Marco sind unter seinen Fittichen gereift. »Irgendwie tut es mir schon leid, dass ich meine Gruppe jetzt in andere Hände geben musste. Aber es ist eine persönliche Entscheidung, die wird jeder Sportler verstehen. Auch ein Biathlet wechselt manchmal den Stützpunkt«, sagt er schmunzelnd.

»Ich glaube, dass ich alle in einem guten Zustand übergeben konnte und sie in Zukunft dementsprechende Erfolge feiern können.« Diese will er jetzt mit einem Jewgeni Garani-schew oder Dimitri Malyschko und einer Reihe von jungen Talenten feiern. Dazu stoßen noch Athleten wie Anton Schipulin und Alexej Wolkow, die in Russland aber einen eigenen Weg bestreiten.

Natürlich hat sich der neunfache Weltmeister auch mit dem Thema Doping auseinandergesetzt. »Es wird alles dafür getan, gemacht, dagegenzuwirken. Ein Vorteil ist, dass das Sportsystem in Russland anders funktioniert als in Deutschland. Wir haben hier ein Lehrgangssystem. Meine Athleten sind sehr oft unterwegs, die können zuhause gar nicht so rummauscheln und bescheißen«, ist er sich sicher. Sicher ist aber auch: Wer betrügt, der fliegt.

Kein Groll gegen den DSV

Auf alle Fälle will er in Russland seinen Weg als Trainer machen. Deswegen hegt er auch keinen Groll gegen den Deutschen Skiverband, nachdem er nach dem mäßigen Abschneiden bei Olympia 2014 ins zweite Glied zurückgestuft worden war. »Wichtig ist, dass man Abstand gewinnt. Ich werde jetzt Biathlon von einer anderen Seite sehen. Ich habe Biathlon als Sportler, Trainer, Fernsehexperte und OK-Mitglied in Ruhpolding gesehen. Jetzt kommt was Neues, was die Fortbildung, die Sprache und neue Trainingssysteme betrifft. Ich glaube, das tut mir persönlich ganz gut und ist die richtige Entscheidung gewesen«, meint er abschließend. Und vielleicht kommt nach der »3« in Russisch nach Olympia 2018 die Note 1 im Fach Erfolge. SHu