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»Papa, kämpf wie ein Tier«

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In der Boxabteilung des TuS Traunreut hat sich Serge Michel (rechts) das Rüstzeug für seine Karriere erworben. Auch heute trainiert er noch täglich dort. Das Bild zeigt ihn mit Abteilungsleiter Johann Michel. (Foto: Rasch)

Für Serge Michel alias the »Bavarian Sniper« war schon die Teilnahme an den Olympischen Spielen ein großer Erfolg. Jetzt strebt der Traunreuter Boxer, der am vergangenen Samstag seinen 28. Geburtstag feierte, eine Profikarriere an.


Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro unterlag der deutsche Halbschwergewichtler im Auftaktkampf gegen den Ecuadorianer Carlos Andres Mina einstimmig nach Punkten. Kein Grund, den Kopf hängen zu lassen: »Das ist kein Untergang. Es war eine tolle Erfahrung und es geht weiter«, sagt Michel. Serge Michel ist jetzt froh, wieder zuhause zu sein. Nach seiner Rückkehr aus Brasilien hängte er mit seiner Familie noch ein paar Tage Urlaub in Italien dran. Zurück aus dem Urlaub, sprach er mit der Sportredaktion des Traunsteiner Tagblatts über seine Erlebnisse in Rio und seine Zukunft.

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Der Weg zu den Spielen war für den sympathischen Sportler »sehr spannend«. Der Sportsoldat hatte zehn internationale Wettkämpfe bestritten, von denen er neun gewann – und sich damit das Olympiaticket sicherte. In Rio selbst war es »ein schönes, aber kein Erfolgserlebnis«, gibt er unmissverständlich zu. »Nachdem ich die erste Runde abgegeben hatte, habe ich die zweite stark gewonnen. Die dritte Runde so zu gestalten wie die zweite, dazu hat die Kraft nicht gereicht.«

Dass ihn sein Vater und Heimtrainer Eduard Michel nach Rio begleiten konnte, war für ihn wichtig. Ermöglicht wurde dies durch einen Spendenaufruf (wir berichteten). Freunde, Privatpersonen und Firmen hatten gespendet. Unterstützung erfuhr Serge auch von Zuhause aus. Sein Heimverein, der TuS Traunreut, viele Freunde und seine Familie feuerten Serge vor seinem Kampf in einem Video an: »Papa, kämpf wie ein Tier«, gab ihm sein ältester Sohn mit in den Ring.

Von anderen Wettkämpfen nur wenig mitbekommen

Von den anderen Wettkämpfen habe er nur wenig mitbekommen. »Uns wurden zwar kostenfreie und gute Plätze angeboten. Aber die Wettkampfstätten waren sehr weit entfernt und der Verkehr enorm.« Die Boxer hatten Glück. »Wir mussten vom Olympischen Dorf nur über die Straße zur Boxhalle.«

Serge war mit fünf Mannschaftskollegen nach Rio gereist. »Als Mannschaft musst du auch zusammenhalten und die eigenen Leute unterstützen.« Insofern sei auch kaum Zeit geblieben, andere Wettkämpfe zu besuchen. Riesig gefreut habe er sich darüber, dass er zwei Kameraden aus der deutschen Handball- und Feldhockeymannschaft getroffen habe, mit denen er die Grundausbildung bei der Bundeswehr absolvierte. »Das war toll und unglaublich – man trifft sich bei Olympia wieder!« Der »Bavaria Sniper« brachte als Amateurboxer große Erfolge nach Hause. Anfang 2011 begann dann seine Boxkarriere als Kaderathlet des DBV. Und i n Aserbaidschan qualifizierte er sich für die Olympischen Spiele in Rio. Für seinen Traum war Serge nonstop zwei Monate unterwegs und will jetzt den Rest des Jahres etwas ruhiger angehen. In dieser Woche will er aber das Training im Kraft- und Ausdauerbereich wieder aufnehmen.

»Ich bin eher der Dieselstarter«

An eine zweite Olympiateilnahme 2020 in Tokio glaubt er eher nicht. Sein Ziel ist es, in den Profiboxsport zu wechseln. Er habe auch schon ein paar Angebote und führe Verhandlungen mit Promotern. »Ich möchte aus den Drei-Runden-Kämpfen raus. Die Profibedingungen (bis zu 12 Runden) sind mehr mein Ding. Ich bin so ein Dieselstarter und komme erst in Fahrt«, bekennt er.

Dass der begabte Mittelschwergewichtler damit richtig liegt, bestätigt auch der Abteilungsleiter und Trainer der TuS-Boxabteilung, Johann Wilhelm. »Serge ist ein kluger und taktischer Boxer. Auch Experten sagen, dass er von seinem Boxstil her besser zu den Profis passt«, erklärt Wilhelm. Dass er das Zeug dazu habe, habe er mehrfach bewiesen. Vier von fünf Kämpfen unter Profibedingungen habe er gewonnen. Sollte es mit der Profikarriere klappen, hat Serge ein klares Ziel vor Augen – nämlich alle vier WM-Gürtel zu tragen. ga