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Olympische Spiele als neue Perspektive

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Auf das Training auf dem Waginger See muss Lukas Reim gerade verzichten, in Salzburg kann er sich aber zumindest auf die U-23-Europameisterschaft vorbereiten.

Die »Watschn ins Gesicht« musste Ruderer Lukas Reim erst mal verdauen: Eigentlich wollte der 22-Jährige, der beim Waginger Ruderverein trainiert, bei der U-23-WM im slowenischen Bled seinen Erfolg aus dem Vorjahr – damals hatte er den 5. Platz im Einer belegt – verbessern. Doch die für August geplante Weltmeisterschaft wurde ebenso wie alle Weltcups abgesagt. »Am Anfang ist es mir nicht gut damit gegangen«, gibt der Fridolfinger zu, der für sein Heimatland Österreich an den Start gehen wollte. »Das war diese Saison das ganz große Ziel. Es wäre cool gewesen, dort meine Leistung zu verbessern. Dafür habe ich lange trainiert.«


Inzwischen hat er sich mit dem Gedanken aber angefreundet – und sich neue Ziele gesteckt: Die U-23-Europameisterschaft in Duisburg soll – Stand jetzt – am 5. und 6. September ausgetragen werden. »Das Ziel ist ganz klar eine Medaille«, betont Vater und Trainer Mario Reim. »Man fällt schon erst mal in ein kurzes Loch, wenn man sich über den Winter verbessert und auf einmal ist dein Wettkampf weg. Aber Lukas ist aus dem Loch schnell wieder hoch gekommen.«

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Nun gehe es darum, sich »neu zu sortieren« und neue Ziele anzupeilen – wie die Europameisterschaft. »Es ist sicher eine schwierige Entscheidung, ob sie stattfindet«, sagt Mario Reim. »Die Gesundheit ist schließlich das Wichtigste.« Aber die Wahrscheinlichkeit sei höher als bei einer WM mit Teilnehmern aus der ganzen Welt.

Zudem hat sich durch die Verschiebungen von Wettkämpfen für Lukas Reim noch eine weitere Möglichkeit eröffnet: »Damit steigen die Chancen für die Olympischen Spiele«, betont Mario Reim. Denn nicht nur die Spiele selbst, auch die Qualifikation wurde auf das kommende Jahr verschoben. »Das ist eine bessere Perspektive als eine Medaille bei der WM«, meint der Trainer auch im Hinblick auf das »Fernziel« Paris 2024.

Für Lukas Reim ist durch die Corona-Pandemie aber nicht nur der Wettkampf weggefallen, auf den seine Vorbereitung ausgerichtet war, sondern mit den Einschränkungen und der Schließung von Sportstätten auch eine Trainingsmöglichkeit fast vor der Haustür: »Normalerweise verbringe ich jetzt viel Zeit auf dem Wasser«, sagt der 22-Jährige. Doch statt auf dem Waginger See zu rudern, sitzt er nun öfter auf dem Ruder-Ergometer in der Garage, fährt Rad oder macht Krafttraining im Garten. »Das ist ein bisschen improvisiert«, gibt er zu. Und auch das Training auf dem Ergometer sei »nicht direkt zu vergleichen mit dem Training auf dem See. Dort gibt es Wellen und Wind, das ist koordinativ deutlich anspruchsvoller.« Deshalb hat die Familie noch ein zweites Ergometer angeschafft, das dem Rudern noch ein bisschen näher kommt.

90 bis 120 Minuten trainiert Lukas Reim in der Früh auf dem Ergometer. »Das ist schon ziemlich monoton«, erklärt er. Motivationsprobleme gebe es trotzdem nicht: »Das Rudern macht mir immer noch Spaß.«

Für Mario Reim, der eine solche Situation bisher weder als Sportler noch als Trainer erlebt hat, ist klar: »Wir machen aus der Not eine Tugend. Beim Training auf dem Ergometer ist der Trainer ganz nah dran, sieht mehr und kann einfacher eingreifen. Außerdem trainieren wir jetzt genau das, wo noch Schwächen waren: Wir arbeiten an den Grundlagen, besonders an der Physis.« Zudem seien die Trainingseinheiten an sich gar nicht so ungewöhnlich. »Wir haben das Wintertraining einfach verlängert«, erklärt Mario Reim. »Wir müssen jetzt neue Wege gehen und Trainingssystematik umstellen.«

Ab diesem Montag soll es für Lukas Reim auch wieder aufs Wasser gehen: In Österreich öffnen die Sportstätten für A-Kader-Athleten und Olympia-Teilnehmer wieder. Dann kann der Fridolfinger im Olympiazentrum Salzburg trainieren und auf dem Wallersee rudern. Vater und Sohn hoffen, dass die Fahrt über die Grenze zum Training kein Problem wird. In den vergangenen Tagen stand deshalb auch bei den Reims das Telefon kaum still, viele Absprachen waren nötig. Aber es gebe viel Unterstützung, erklärt Mario Reim, sowohl von den österreichischen Verbänden als auch vom Waginger Ruderverein.

Beim Training im Olympiazentrum wird sich für Lukas Reim gar nicht so viel ändern, schließlich war die Hygiene auch schon vorher ein wichtiges Thema und als Einzelsportler trainiert der 22-Jährige meist alleine, ein Sicherheitsabstand auf dem Wasser ist kein Problem – eher beim Training an Land: »Ich achte noch mehr darauf, Abstand zu anderen zu halten«, sagt der Ruderer. »Beim Laufen oder Radfahren weiche ich dann lieber auch mal auf die Wiese aus.«

Der 22-Jährige hatte vor der Corona-Krise noch Trainingslager in Italien und Kroatien absolviert, musste aber beide jeweils früher abbrechen. »Das war schon spannend«, erinnert sich Mario Reim. »Das ging alles ziemlich schnell.« Schließlich breitete sich Corona plötzlich immer weiter aus und mehrere Länder schlossen ihre Grenzen. »Da waren die großen Fragen: Wie kommen wir nach Hause und was machen wir mit unserem Material?« Die deutschen Kollegen halfen schließlich mit einem Zugfahrzeug aus. »Wir waren sehr froh, als wir wieder in Fridolfing waren.«

Doch auch dort war kurz darauf kein Training auf dem Wasser mehr möglich – und an Wettkämpfe nicht mehr zu denken. »Das macht schon einen Unterschied, das Wettkampffeeling fehlt«, sagt Lukas Reim mit Blick auf die bisherige Vorbereitung. »Es ist etwas anderes, sich mit fünf oder sechs Top-Leuten zu messen.« Für die Teilnahme an den Europameisterschaften soll das aber kein Hindernis sein. »Es sind ja alle davon betroffen, das sollte also nicht das große Thema sein.«

Weil die Saison nun kräftig durcheinandergewirbelt wurde, muss Lukas Reim auch bei seinem Rechts- und Wirtschaftsstudium in Salzburg umplanen: Zur besseren Vorbereitung auf die WM wollte er im Sommersemester kürzer treten. Eine mögliche Olympia-Qualifikation im kommenden Jahr könnte für ihn aber bedeuten, dass er sich darauf im Winter auch auf dem Wasser vorbereiten muss – das wäre nur weiter südlich möglich. »Jetzt müssen wir erst mal den ersten Schritt gehen«, meint Mario Reim. »Mal sehen, wie es im August und September aussieht.«

Lukas Reim hofft, dass er bis dahin auch wieder auf dem Waginger See trainieren kann, weil auch der logistische Aufwand dabei geringer ist. »Wir sind guter Dinge«, sagt Mario Reim. Im Moment bleibt dem 22-Jährigen jedoch nur der sehnsüchtige Blick aus der Ferne auf den See – beim Radfahren oder per Webcam. »Rudern ist ein Sommersport«, sagt Lukas Reim, dem es nicht nur um Wettkämpfe und schnelle Zeiten geht: »Ich rudere gerne. Ich will das Wasser und die Sonne genießen.« jom

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